Pressekonferenz

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Geflüchtete sind keine Menschen zweiter Klasse

Gegen 19 Uhr ging die Open-Air Pressekonferenz mit dem Titel „Geflüchtete sind keine Menschen zweiter Klasse“ in Ellwangen zu Ende. Anlass war der Jahrestag des Protestes hunderter Flüchtlinge in Ellwangen am 9. Mai 2018. Fast zwei Stunden standen die Flüchtlinge Isayah Ehrauyi, Tanyi Tiku und Alassa Mfouapon in der Fußgängerzone den Medien und der Öffentlichkeit Rede und Antwort.

Von Korrespondenz aus Ellwangen
Geflüchtete sind keine Menschen zweiter Klasse
Am Rande der Pressekonferenz wurde die Solidarität organisiert (Foto: RF)

Fast 70 Menschen verfolgten diese Pressekonferenz der besonderen Art auf dem Marktplatz. Tanyi Tiku ergriff als Erstes das Wort. Er war Betroffener des Polizeiüberfalls im Mai 2018 auf die Landeserstaufnahmestelle in Ellwangen. Für ihn „eine neue und bittere Erfahrung“, wie er schilderte. Er hob besonders die feindselige Reaktion in der Bild-Zeitung und anderen Medien hervor, mit Lügen und Hass unter anderem gegen Alassa Mfouapon. Er bedauerte, dass heute nur wenig Flüchtlinge gekommen sind. Das zeigt, wie einschüchternd solche Maßnahmen wirken.

Eine neue und bittere Erfahrung

Tanyi Tiku

 
Auf Nachfrage der Roten Fahne berichtete Tiku, dass es durchaus Solidarität unter der Bevölkerung in Ellwangen gab. Aber es sei auch nicht so einfach gewesen, weil Teile der Bevölkerung von der Hetze beeinflusst waren. Er berichtete, dass inzwischen zwar klar sei, dass der Polizeieinsatz illegal war. Aber das blieb ohne jede Konsequenz. Weder gab es irgendeine Art der Entschädigung, noch Hilfe für die zum Teil traumatisierten Opfer der Polizeigewalt.

 

Durch den Freundeskreis gibt es eine gut organisierte Unterstützung und Solidarität, berichtete Tiku weiter, ebenso durch engagierte Rechtsanwälte. Vor allem für Alassa und seine Familie forderte er weitere Unterstützung. Für ihn bedeutet Demokratie und Freiheit, dass jeder selbst entscheiden kann, wo und wie er leben will. Davon kann in der EU aber keine Rede sein.

 
Als zweites sprach Isayah Ehrauyi. Er wollte vor allem berichten, wie in Deutschland Flüchtlinge behandelt werden. "Wir sind hier, um etwas sinnvolles mit unserem Leben anzufangen. Aber wir haben andere Bedingungen vorgefunden als erwartet. Wir werden zwar zunächst versorgt, aber dann nach Italien abgeschoben."

Solche Zustände sind unwürdig für ein sich demokratisch nennendes Land

Isayah Ehrauyi

Er berichtete von einem Flüchtling, der vor einem Monat an einem Herzinfarkt starb. Tatsächlich war es der Stress, die fehlende Zukunftsperspektive sowie die ständige Angst vor einer Abschiebung, die dies beförderte. „Wir als Flüchtlinge sind nicht das Problem, sondern die Gesetze, die geändert werden müssen“, so Isayah. „Solche Zustände sind unwürdig für ein sich demokratisch nennendes Land.“

 
Alassa Mfouapon wurde im Laufe der Pressekonferenz per Handy zugeschaltet – ein emotionaler Höhepunkt. Er ließ Grüße ausrichten. Die Behörden hatten ihm, als einem hauptsächlichen Betroffenen, die Anreise mit dem Vorwand der Residenzpflicht verweigert. Nicht zum ersten Mal wurden seine Anträge abgelehnt, für wichtige Einladungen den Ort zu verlassen.

Wir sind Flüchtlinge und keine Kriminelle!

Alassa Mfouapon

In einem schriftlichen Beitrag zur Pressekonferenz hatte er erklärt: "Ich spreche an diesem ersten Jahrestag des brutalen und demütigenden Polizeiangriffs. Dieser missachtete unsere Menschenwürde, indem gegenüber der breiten Öffentlichkeit behauptet wurde, dass wir Kriminelle sind. Ich werde hier noch einmal sagen: 'Wir sind Flüchtlinge und keine Kriminelle!'

 

Wir haben vor einem Jahr diese Bewegung gegründet, damit ein Flüchtling nie wieder im Erstaufnahmelager eine Gefahr spüren muss. Unser Kampf wird erst dann zu Ende sein, wenn ein Flüchtling in jeder Hinsicht würdig behandelt wird und er sich selbst endlich als Mensch betrachten kann. Denn wir haben gespürt, dass man Flüchtlinge als Menschen dritter Klasse betrachtet." (Den ganzen Beitrag lesen)

 
In einer kurzen Diskussion am offenen Mikrophon ergriffen Unterstützerinnen und Unterstützer das Wort, aus der Umweltgewerkschaft, der Montagsdemo und andere. Eine Passantin begrüßte, dass hier eine Plattform geschaffen wird, wo Flüchtlingen eine Stimme bekommen. Auch die Landesvorsitzende der MLPD, Julia Scheller, ging auf weiterführende Zusammenhänge ein. „Wachsende Kriegsvorbereitung und Umweltzerstörung werden weitere Flucht provozieren. Die Ursache liegt im Imperialismus. Er muss revolutionär überwunden und der Sozialismus erkämpft werden, um das Problem zu lösen.“ Sie zeigte sich verwundert, dass nur Redakteure der Roten Fahne und der Schwäbischen Post vor Ort waren. Viel Beifall erhielt ein Beitrag, der forderte die verantwortlichen Politiker, wie Horst Seehofer (CSU) als Bundesinnenminister noch deutlicher beim Namen zu nennen.

 

Während der gesamten Pressekonferenz wurden Solidaritätspostkarten zur Finanzierung der Solidarität an die Ellwanger Bevölkerung verkauft. Den Abschluss bildete das in dieser Auseinandersetzung entstandene Lied "Refugees are welcome". Klar wurde, dass sowohl die Flüchtlinge als auch ihre Unterstützer den Kampf für das Bleiberecht der Betroffenen, die Bestrafung der Verantwortlichen und die Entschädigung der Opfer des Polizeiüberfalls fortführen.