Bottrop

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Wichtiger Schritt im Kampf um eine Massenbewegung gegen die RAG-Politik der verbrannten Erde

Unter dem Motto „Damit darf die RAG nicht durchkommen!“ demonstrierten heute über 300 Menschen mitten durch die Bergbaustadt Bottrop.

Von Landesleitung Nordrhein-Westfalen der MLPD / jw
Wichtiger Schritt im Kampf um eine Massenbewegung gegen die RAG-Politik der verbrannten Erde
Rund 300 Menschen zogen heute unter dem Motto "Damit darf die RAG nicht durchkommen!" mitten durch Bottrop (Foto: RF)

"Damit darf die RAG nicht durchkommen!" So war der Aufruf zur heutigen Demonstration von Kumpel für AUF und der Bergarbeiterzeitung Vortrieb überschrieben. Weiter hieß es dort: "200 Entlassungen geplant! Flutung des Giftmülls unter Tage hat begonnen! Unsere schlimmsten Befürchtungen, die uns schon am 16. März in Katernberg auf die Straße gehen ließen, werden jetzt wahr: ... So kann man mit der Lebensleistung der Kumpel nicht umgehen! So darf sich die RAG nicht aus dem Staub machen!"

Vielfältig und kulturvoll

Es war eine kämpferische, vielfältige und kulturvolle Demonstration, in der sich alle Kräfte bündelten, die noch eine Rechnung mit der RAG offen haben. Dabei waren Bergleute, die von betriebsbedinger Kündigung betroffen sind; Aktivisten gegen die begonnene Flutung unter Tage; solidarische Automobil-, Stahl- und Metallarbeiter; Mieter aus Bergbauwohnungen, die gegen den Mietwucher kämpfen; Gewerkschafter, Tierschützer, Revolutionäre, Frauen und Kinder sowie Aktivisten aus verschiedenen fortschrittlichen Kommunalwahlbündnissen im Ruhrgebiet.


Alle Prognosen bestätigen sich, die die MLPD und die kämpferische Bergarbeiterbewegung seit Jahren über die Folgen der RAG-Politik aufgestellt haben. Je deutlicher die Ergebnisse dieser Politik ans Tageslicht kommen und die Erfahrungen damit verarbeitet werden, desto mehr Kräfte reihen sich in den gemeinsamen Protest ein. Die seit dem 16. März bereits dritte Demonstration gegen die RAG hatte die bisher breiteste Zusammensetzung. Die zahllosen Beiträge bei der Auftakt-, Zwischen- und Abschlusskundgebung zeigten die Bandbreite der Anliegen und eine beeindruckende Sachkompetenz.

 

Mit dabei waren Delegationen der gekündigten Bergleute, von Bürgerinitiativen, der Fridays-for-Future-Bewegung. Wie schon bei der Demonstration am vergangenen Dienstag wurde spürbar, dass hier etwas zusammenwächst, was zusammengehört, und wie die Kräfte gebündelt werden. Ein wichtiger Schritt zu einer Massenbewegung.

Viel Sympathie und großes Interesse in der Bevölkerung (Foto: RF)
Viel Sympathie und großes Interesse in der Bevölkerung (Foto: RF)

In Kürze:

  • Rund 300 Menschen waren heute zur Demonstration nach Bottrop gekommen
  • Sie repräsentierten die ganze Bandbreite des Protestes gegen die Folgen der RAG-Politik
  • Die Demo stieß auf großes Interesse unter der Bevölkerung

Andreas Tadysiak, Elektriker unter Tage auf der Zeche Prosper und Hauptkoordinator der internationalen Bergarbeiterkoordinierung, berichtete, wie die RAG Aktiengesellschaft nach dem Motto "Teile und herrsche" agiert. Einerseits werden die sogenannten nicht anpassungsberechtigten Kumpel entlassen (200 zum 30. Juni). Andererseits müssen andere Kumpel, die alt genug sind, in die bergmännische Frührente (Anpassung) zu gehen, länger arbeiten, weil so viel Arbeit da ist.

Alle Lebensinteressen betroffen

Jürgen Pfeiffer, ein Wasserfachmann aus Marl und früher selbst auf der Zeche, empörte sich zu Recht darüber, dass die RAG seit vier Wochen die Pumpen in 1.200 Meter Tiefe aus reiner Profitgier eingestellt hat. Er warnt: wenn die sogenannten Halterner Sande mit dem giftigen Grubenwasser in Berührung kommen, verlieren Millionen Menschen ihr Trinkwasser.


Ein noch aktiver Bergmann (seit 42 Jahren) der Zeche Prosper aus Bottrop, steht wenige Tage vor seiner Anpassungsrente. Trotzdem war es für ihn Ehrensache, heute dabei zu sein: "Die Kumpel, die jetzt entlassen wurden, haben unsere volle Unterstützung!"


Ingrid Meyer-Lettmann von der Mieterinitiative Hassel aus Gelsenkirchen informiert, dass die Bergarbeiterfamilien eigentlich ein lebenslanges Wohnrecht in den ehemaligen Zechenhäusern haben. Aber die RAG hat diese Wohnung verscherbelt. Sie ist gleichzeitig an diesen Wohnungskonzernen beteiligt. Diese versuchen, die Bergarbeiterfamilien aus den Häusern zu ekeln, unter anderem mit ständig steigenden Mieten: „Aber hier ist auch ein Widerstandsgeist gewachsen“, berichtet die Aktivistin.


Wie bereits bei den ersten Demos, waren auch die Bergarbeiterfrauen dabei. Seyran Cenan und Susan Jasenski von der Bergarbeiterfrauen-AG im Frauenverband Courage versicherten allen die Unterstützung der Frauen.


Besonders begeisterte der gemeinsame Auftritt der Kinderorganisation ROTFÜCHSE aus Duisburg-Hamborn, Herne, Essen und Gelsenkirchen: „Bei den Rotfüchsen habe ich gelernt, dass die Bergleute unter der Erde immer zusammenhalten. Und wir Rotfüchse über der Erde tun das auch. Für die Zukunft wünsche ich mir bessere Löhne für die Arbeiter.“ „Hallo, liebe Bergarbeiter. Hallo an alle, die hier sind und zuhören. In echt sind wir viel mehr. Wir sind eure Freunde und Umweltkämpfer.“ „Das Gift unter der Erde darf nicht bleiben. Sonst werden wir vergiftet oder Flüchtlinge. Deshalb müsst ihr weiterarbeiten und gut aufpassen. Aber wir helfen euch. Wir sind viele und wir sind ein Team. Deshalb sind wir alle zusammen stärker als die Bosse. Alle für einen – einer für alle. Danke, dass ihr uns zugehört habt.“ Die ROTFÜCHSE sind die Kinderorganisation im Jugendverband REBELL, der heute ebenfalls dabei war.

 

Michael May sprach als einer der Kläger gegen den Deputat-Klau der RAG. Mit zu niedrigen Einmalzahlungen will die RAG die Kumpel und sogar deren Witwen um erworbene Rentenansprüche bringen. Dank eines SPD-Gesetzes kann dieses Vorgehen auch in anderen Branchen Schule machen. „Statt getrennt zu marschieren, sollten wir mit anderen Branchen zusammenstehen, wie es unter Kumpeln üblich ist“, so Michael May. „Gemeinsam müssen wir auch das Anfahrtsverbot der RAG gegenüber dem Bergmann Christian Link zurückschlagen." Christian Link war heute auch dabei. Zusammen mit Günter Belka und Otwin Herzig moderierte er die Kundgebung und die Demonstration.

 

Der Zusammenhalt zwischen Berg- und Stahlarbeitern im Ruhrgebiet ist längst legendär. Heute überbrachten zwei Stahlarbeiterinnen die Solidarität. Zu dieser Delegation gehörte auch der Landesvorsitzende der MLPD, Peter Römmele, selbst Stahlarbeiter. Auf seine Stahlarbeiterkleidung angesprochen, die ja nicht unbedingt dem Outfit des Landesvorsitzenden einer normalen Partei entspräche, antworte er: „Das stimmt. Aber die MLPD ist auch keine normale Partei, sondern eine revolutionäre Arbeiterpartei.“

 

Kulturell umrahmt war der Tag mit Bergmannsliedern und Arbeiterliedern vom Ruhrchor, der Trommler-Gruppe des REBELL sowie von "Tufan und Freunden".


Kommunale Wahlbündnisse aus Witten, Bergkamen, Gelsenkirchen, Neukirchen-Vluyn und Essen waren mit ihren Fahnen und Transparenten gekommen. Werner Engelhardt vom Bündnis BergAUF aus Bergkamen berichtete, wie die RAG in seinem Städtchen schon verbrannte Erde hinterlassen hat. Er klärte auch über die schädliche Rolle der Grünen auf: „Wir haben die Erfahrung gemacht, ihnen ist Antikommunismus allemal wichtiger, als der Umweltschutz.“ Er forderte PCB-Eliminierungsanlagen auf dem neuesten Stand der Technik.


In der Innenstadt und in den Wohngebieten blieben viele Menschen stehen, winkten der Demonstration zu, applaudierten teilweise, winkten und grüßten mit Victory-Zeichen. Man spürte herzliche Solidarität. Immer wieder wurde am offenen Mikrophon aufgefordert, sich in den Protest einzureihen, zum Teil mit Erfolg. Mit der Kombination der Demo durch das Arbeiterwohngebiet und in die Innenstadt wurden Tausende erreicht.

 

Aufmerksamkeit erregte ein Schild mit arabischen Schriftzeichen. “Gladbeck gegen RAG-Politik“, war darauf zu lesen. Flüchtlinge aus Syrien und Guinea integrieren sich in den Widerstand. Grüße kamen auch von Bauern aus der Region. Einer der Streikführer des großen Milchboykotts der Milchbauern vor einigen Jahren schickte seine Unterstützung.

 

Eine VW-Arbeiterin sprach für die Umweltgewerkschaft. Ihre Mitstreiterin berichtete, dass hier in der Region eine der höchsten Krebsraten in Deutschland existiere. Kein Zufall bei all der Umweltvergiftung. Aufgrund von Hochrechnungen muss man davon ausgehen, dass mindestens jeder zweite Kumpel erhöhte PCB-Werte aufweist. Deshalb müssen jetzt alle untersucht, versorgt und entschädigt werden, so eine der Forderungen.

Blockade einer geschichtsträchtigen Kreuzung

Angeführt wurde die Demo - wie sich das für Bergarbeiter gehört - von einer eigenen Motorrad-Eskorte. Auf der geschichtsträchtigen großen Kreuzung Horster Straße und Friedrich-Ebert-Straße kam der Zug zum Stehen. Hier war im Streik 1997 der Schauplatz einer großen Blockade. Diese Kreuzung wurde  auch heute wieder kurzzeitig dicht gemacht. Andreas Tadysiak warb dort für den Zusammenschluss in der Internationalen Bergarbeiterkoordinierung: "Weltweit sind wir über 20 Millionen Bergarbeiter."


Hier sprach auch Gabi Fechtner, die Vorsitzende der MLPD, zu den Teilnehmern und wartenden Autofahrern. Sie erinnerte daran, dass ihre Partei genau dieses Szenario vorausgesagt hat: „Ihr kennt alle die Parolen, dass angeblich die Interessen des Kapitals und der Arbeiter vereinbar seien. Heute sehen wir das Ergebnis dieser angeblichen Vereinbarkeit. Das Ergebnis ist, dass das Ruhrgebiet heute ein Armenhaus in Deutschland ist.“ In Gelsenkirchen, wo Gabi Fechtner wohnt, leben inzwischen 42 Prozent der Kinder in Armut. In dem Stadtteil in Essen, in dem sie politisch aktiv ist, ist jeder Dritte langzeitarbeitslos.

 

"Und," so Gabi Fechtner weiter, "wir haben eine Giftmüllsuppe unter dem Ruhrgebiet. Jetzt erleben wir qualitative Sprünge. Nach Jahrzehnten der Lüge, keiner fällt ins Bergfreie, wurden 200 Kumpel entlassen. Wir sind heute noch nicht 130.000 wie 1997. Aber in gewissem Sinne noch breiter aufgestellt, mit Umweltschützern, Frauen, Revolutionären aus verschiedenen Ländern, Kommunalpolitikern. Heute war ein guter Zwischenschritt zu einer Massenbewegung, die das Ruhrgebiet verteidigt gegen die Politik der verbrannten Erde.“

 

Ein wichtiges Prinzip der heutigen Veranstaltung war die Selbstfinanzierung. „Nur wenn wir finanziell unabhängig sind, kann man hier auch offen sprechen“, so Moderator Christian Link. Über eine Spendensammlung unter den Teilnehmern, aber auch unter den Anwohnern in Batenbrock kamen rund 450 Euro zusammen. Ein Verpflegungsstand mit allerlei Köstlichkeiten sorgte für zusätzliche Einnahmen.

 

Lothar Schumann von der Bürgerinitiative gegen die Zechenflutung aus Marl ist selbst Chemiearbeiter auf dem Chemiepark mit 13.000 Beschäftigen. Er warnte: Wenn die Wasserhaltung eingestellt wird, besteht die Gefahr, dass die Anhydritschicht in 600 bis 700 Meter Tiefe aufquillt. Das kann zu massiven Verwerfungen führen und im Zusammenspiel mit dem Chemiepark lebensbedrohliche Ausmaße annehmen. Nach ihm sprach Christian Thieme von der BI Marl-Hüls.

 

Dario Kotte von der Linkspartei und Aktivist bei Fridays for Future aus Marl sang ein Lied von Konstantin Wecker für die Demonstranten. Das Besondere: er hatte dazu extra bei Konstantin Wecker nachgefragt, dem es eine Ehre war, dass heute sein Lied gesungen wurde. Ulrich Achenbach überbrachte Grüße der bundesweiten Montagsdemo-Bewegung. Ein Bergmann berichtet über die Giftmülleinbringung vor Jahren: Die Anlieferung über Tage erfolgte im Vollschutzanzug. Wenn der Müll unten ankam, musste er von den Kumpels in normaler Arbeitskluft eingebracht werden.

 

Mit einer Delegation war auch die Tierschutzpartei vertreten, für die Jörg Etgeton (selbst Bergmannsenkel) und Angelika Remiszewski sprachen. Angelika Remiszewski kommt ebenfalls aus einer Bergarbeiterfamilie. Früher habe sie sich mit der RAG identifiziert. Jetzt, erzählt sie, steht sie auf der anderen Seite, mit den Umweltschützern und Arbeitern.

 

Eine IGBCE-Kollegin, beschäftigt bei Evonik, deckte auf, wie die Öffentlichkeit und Kumpel belogen werden. Bei Evonik würde es angeblich Arbeitsplätze für die Kumpel geben. Tatsächlich handelt es sich nur um eine Handvoll. „Hinter vorgehaltener Hand erzählen unsere Chefs schon, dies sei nur der Fall, so lange die RAG die Löhne bezahlt. Bei Evonik werden ja auch Arbeitsplätze abgebaut." Eine Bergarbeiterfrau berichtete, wie ihr Mann und viele seiner Kollegen kämpfen müssen, damit ihre Berufskrankheiten anerkannt werden.

 

Kolleginnen und Kollegen von Ford sprachen während der Demo: „Mein Mann ist Bergmann. Wir brauchen Trinkwasser für unsere Kinder.“ Sie hatten ein Schild dabei: „Bergbau, Stahl, Auto, lernen wir aus dem Streik 1997.“

Opel und der Bergbau

Fahnen nahezu aller DGB-Gewerkschaften wehten heute neben denen der MLPD und der Tierschutzpartei, des Internationalistischen Bündnisses oder des Jugendverband REBELL. Dabei waren die IG Metall, Ver.di, die GEW und auch die IGBCE. Kollegen von Opel bedankten sich heute für die große Solidarität, die sie in ihrem Kampf bekommen hatten: „Das wollen wir zurückgeben. Zehn Jahre haben wir durch unseren Kampf die Schließung des Opel-Werks verhindert. Am Ende fehlte die letzte Entschlossenheit, noch einen großen Streik zu führen.“ In der Streikkasse des Solidaritätskomitees, das damals 40.000 Euro gesammelt hatte, ist noch Geld. Sie boten den betroffenen Kumpel an, falls es zum Streik kommt, hier auch Unterstützung beantragen zu können.

 

Mit dabei waren auch einzelne der von Entlassungen betroffenen Bergleute, die bereits am Dienstag in Bottrop demonstriert haben. Sie waren heute bereits das zweite Mal in dieser Woche auf der Straße. Begeistert über die gebündelte Kraft im gemeinsamen Kampf fotografierten und filmten sie fleißig für ihre Kollegen. Keine Frage, heute ist die Widerstandsbewegung gegen die RAG ein weiteres Stück zusammengewachsen.

 

Bei der Abschlusskundgebung wurden internationale Solidaritätsgrüße aus den Niederlanden von der Partei Rode Morgen und aus Indien vom Gewerkschaftsverband Trade Union Center vorgetragen. Des weiteren überbrachten Delegationen von Siemens Berlin, ein Bergmann aus Suhl/Thüringen, von ZF Witten, Daimler Düsseldorf und eine Kollegin der Sana-Kliniken in Duisburg ihre Solidarität und betonten die Notwendigkeit des gemeinsamen Kampfes.

Bottroper Erklärung

Die gut über 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Abschlusskundgebung beschlossen die Bottroper Erklärung: "Wir wissen, was Solidarität bedeutet und wir wissen, wie man kämpft. Seit 150 Jahren stehen Kumpels zusammen, wenn es darauf ankommt. … Wie geht es weiter? Wir geben nicht auf, sondern machen volle Pulle weiter. Ausgehend von dieser Demonstration müssen wir unsere Kampfformen steigern: Beim Streik 1997 haben wir die Republik zum Beben gebracht. Auch heute ist Streik eine scharfe Waffe und die Antwort, die die RAG braucht. Die Bergleute haben damals selbst beschlossen, dass und wie der Streik durchgeführt wird. Die Solidarität ist auch heute sicher. Wir haben nichts zu verlieren – wir können nur gewinnen. Man muss unseren Kampf gegen die Politik der verbrannten Erde bis nach Berlin und in die ganze Republik hören!"

 

Hier geht es zur Bildergalerie

 

Hier ist die "Bottroper Erklärung" in voller Länge dokumentiert

 

Im Rote Fahne-TV haben wir den Film über die Demo veröffentlicht

 

Und: Es gibt jetzt einen Schwerpunkt Bergbau auf Rote Fahne News - gleich unterhalb vom Rote Fahne-TV