Kassel

Kassel

Mordfall Walter Lübcke: Was sind die Hintergründe?

Am 2. Juni 2019 wurde der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke vor seinem Haus erschossen. Das hessische Landeskriminalamt und die Bundesanwaltschaft haben den Faschisten Stephan Ernst als mutmaßlichen Täter ausgemacht. Er war wegen eines Überfalls auf eine DGB-Kundgebung in Dortmund im Jahr 2009 zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden und 1993 erhielt er wegen eines Anschlags auf eine Flüchtlingsunterkunft eine Gefängnisstrafe wegen Totschlag.

Korrespondenz

Am 27. Juni wurde dann die Tatwaffe in einem Erddepot an Ernsts Arbeitsplatz gefunden. Im Zusammenhang mit der Waffenbeschaffung kam es zu zwei weiteren Festnahmen. Auch steht Walter Lübckes Name auf „Schwarzen Listen“ des NSU und der faschistischen Website „Nürnberg 2.0 Deutschland“. Damit stellt sich eindringlich die Frage nach Netzwerken bei dieser Mordtat.

Verbindung zu "Combat 18"

Neben möglichen Verbindungen zum NSU müssen Mittäter oder Helfer im „Combat 18“ („C18“) gesucht werden, zu dem Stephan Ernst Verbindungen pflegte, unter anderem zur zentralen Figur des „C18“ in Deutschland, Stanley Röske. „Combat“ heißt so viel wie „Stoßtrupp“, 1 und 8 stehen für den ersten und den achten Buchstaben im Alphabet und bedeuten Adolf Hitler.

 

„C18“ gilt als bewaffneter Arm des faschistischen Musiklabels „Blood and Honour“ („Blut und Ehre“) und hat in 18 Ländern Sektionen. In England gehen unter anderem mehrere tödliche Sprengstoffanschläge auf ihr Konto. In Deutschland wurde „C18“ im Jahr 2000 verboten und blieb danach weiter aktiv. Deutsche Geheimdienste wie der „Bundesnachrichtendienst“ und der „Verfassungsschutz“ schleusten immer wieder Agenten zur angeblichen Erkundung seiner Struktur und Aktivitäten in den „C18“ ein. Ihre Spitzel berichteten aber nur über „etwaige Radikalisierungstendenzen“ und prophezeiten dieser terroristischen  Vereinigung keinen Bestand. Unterdessen sprach “C18“ von der Vorbereitung auf einen kommenden „Rassenkrieg“1. So ist die „Beobachtung“ von „C18“ durch Geheimdienste nicht das Ergebnis seiner „Unterschätzung“, wie sie jetzt den Geheimdiensten unterstellt wird. Vielmehr handelt es sich um gezielte Vertuschung und ist somit eine Förderung faschistisch-terroristischer Aktivitäten.

"NPD-Stephan" pflegte Kontakte zur Kasseler Faschistenszene

Eventuelle Mittäter oder Helfer bei der Ermordung von Walter Lübcke können sich auch aus einer Untersuchung der Kasseler Faschistenszene ergeben, zu der „NPD-Stephan“, wie Stephan Ernst zeitweilig von seinesgleichen genannt wurde, beste Kontakte pflegte. Dabei muss ein besonderes Augenmerk auf die faschistische Rockband „Oidoxie“ aus Dortmund gelegt werden, die in den 2000er-Jahren immer wieder in Kassel auftrat und im Jahr 2006 während ihrer „Terrortour“ zum faschistischen „Rassenkrieg“ aufrief. Faschisten besuchen Konzerte „ihrer“ Bands auch, um sich besser untereinander zu vernetzen. Darüber hinaus müssen eventuelle Beziehungen zwischen Stephan Ernst und der berüchtigten Schutz- und Schlägertruppe „Oidoxie Streetfighting Crew“ untersucht werden.2

Warum verschwand Stephan Ernst 2009 vom Polizeiradar?

Aufgeklärt werden muss auch, warum Stephan Ernst ab 2009 mehr oder weniger vom „Radar“ polizeilicher Ermittlungen verschwand, obwohl seine extreme Gefährlichkeit seit 1989 bekannt war3 und er vor kurzem gedroht hatte, es werde Tote geben. Die Hintergründe der Ermordung von Walter Lübcke müssen restlos aufgeklärt werden. Mittäter oder Helfer müssen genau wie Stefan Ernst bestraft werden.