Gesundheitsversorgung

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60 Prozent der deutschen Krankenhäuser vor dem Aus?

Am heutigen 15. Juli veröffentlichte die Bertelsmann-Stiftung eine Studie, die die Schließung von über 8oo Krankenhäusern (von heute bestehenden 1400) als entscheidende Verbesserung für die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung rechtfertigen soll.

Von fm
60 Prozent der deutschen Krankenhäuser vor dem Aus?
Anfang des Monats demonstrierten Beschäftigte des Klinikums Solingen gegen Outsourcing (rf-foto)

Scheinbar werden in der Studie der Bertelsmann-Stiftung, die eine Reduzierung der Krankenhäuser empfiehlt, berechtigte Kritiken an Personal- und Geräteausstattung kleinerer Krankenhäuser aufgegriffen. Die Krankenhausschließungen würden jedoch insbesondere die akute medizinische Notfallversorgung, vor allem in ländlichen Gebieten, massiv beeinträchtigen.

 

Das „Berliner Institut für Gesundheits- und Sozialforschung“ (IGES-Institut) erstellte diese Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. IGES definiert sich selbst in seinem Internetauftritt: „Wir bieten kreative Lösungen für Fragen der Versorgung, Qualität, Finanzierung und für die Gestaltung des Wettbewerbs öffentlicher Güter und Dienstleistungen.“ (Kurzprofil IGES). Und in der Tat: Einen Mangel an Kreativität kann man diesem Institut nicht vorwerfen. Allerdings: Mit Verbesserungen im Gesundheitswesen hat all das nichts zu tun.

Mit dem Hubschrauber aus der Fläche ins Großklinikum? Hier die BG-Unfallklinik in Frankfurt-Seckbach (foto: dontworry  (CC BY-Sa 3.0))
Mit dem Hubschrauber aus der Fläche ins Großklinikum? Hier die BG-Unfallklinik in Frankfurt-Seckbach (foto: dontworry (CC BY-Sa 3.0))

In Kürze

  • Bertelsmann-Studie will rund 60 Prozent aller Kliniken in Deutschland schließen
  • Trostpflaster: geringe Zuschüsse für einige Landkrankenhäuser
  • Vor allem gefördert werden mit diesen Plänen die Großkliniken der Gesundheitskonzerne

 

 

IGES sagt: „Nur Kliniken mit größeren Fachabteilungen und mehr Personal haben genügend Erfahrung für eine sichere Behandlung“. Viele Komplikationen und Todesfälle ließen sich durch eine Bündelung von Ärztinnen, Ärzten und Pflegepersonal sowie Geräten in weniger Krankenhäusern vermeiden. Kleine Kliniken verfügten dagegen häufig nicht über die nötige Ausstattung und Erfahrung, um lebensbedrohliche Notfälle wie einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall angemessen behandeln zu können.¹

Es ist eine Illusion, zu denken, in den großen Krankenhäusern läuft alles gut

Uschi Gerster, MTLA am Uniklinikum Essen

Zynisch werden hier Todesfälle angesprochen, ohne die möglichen Todesfälle durch angestrebte Schließungen ebenfalls zu thematisieren. Warum sollte es nicht möglich sein, in allen Häusern optimale Bedingungen zu schaffen. Das sieht auch Uschi Gerster ähnlich. Die Essener MTLA* ist Sprecherin der ver.di-Vertrauensleute am Uniklinikum in Essen. Sie berichtet gegenüber Rote Fahne News, sie halte es "für eine Illusion, zu denken, in den großen Krankenhäusern mit ihren teuren Apparaten läuft alles gut und im Sinne der Beschäftigten und Patienten. Nicht umsonst haben gerade große Kliniken wie die Charité in Berlin oder wir am Uniklinikum Essen und Düsseldorf usw. bereits wochenlang gestreikt. Verbesserungen müssen wir uns immer erkämpfen. Natürlich ist es richtig, dass man erfahrener und sicherer wird beim Operieren, je mehr Praxis jemand hat. Aber auch die Ärzte in den großen Krankenhäusern fangen mit einer ersten OP an und müssen dabei lernen. Falls das wirklich ein Problem ist, kann und muss das anders gelöst werden."

 

Die Studie ist nicht nur ein Schlag ins Gesicht der Krankenhausbeschäftigten, sondern stellt die Tatsachen auf den Kopf. Denn gerade in den genannten Notfällen ist der Zeitfaktor für die Erstbehandlung von entscheidender Bedeutung. Da nutzt den Patienten die angeführte „durchschnittliche Fahrzeit“ bis zum nächsten Krankenhaus gar nichts, wenn tatsächlich der Krankentransport langwierig über verstopfte Straßen in die nächste Großstadt erfolgen muss.

Nur noch Krankenhäuser mit mindestens 600 Betten?

Dass solche Aussagen nicht aus Unkenntnis erfolgen, wird spätestens deutlich, wenn die Studie sagt, was sie sich als Alternative vorstellt. Übrig bleiben sollen nur noch Krankenhäuser mit mindestens 600 Betten sowie etwa 50 Großkliniken mit mindestens 1500 Betten. Zum Vergleich: Der Durchschnitt heute liegt bei unter 300 Betten. Bei einer solchen „Gestaltung des Wettbewerbs“ (Kurzprofil IGES) lassen Krankenhauskonzerne wie Helios oder Rhön-Klinikum grüßen. Denn als international tätige Übermonopole sind hauptsächlich sie in der Lage, die notwendigen Mittel für solche Großkliniken aufzubringen und in profitträchtige Anlagen zu verwandeln.

 

Kliniken des öffentlichen Dienstes, die keine Gewinnmargen erreichen werden, werden durch diese Studie besonders bedroht und als Konkurrenz für die Monopole ausgeschaltet. Für diese Krankenhäuser der Monopole würde sich damit die Fallzahl lukrativer Behandlungen erhöhen. Außerdem werden Gelder für Subventionen frei, die sonst in die Verbesserung der Ausstattung von kleineren oder öffentlichen Krankenhäusern fließen müssten.

 

Bereits 2003 analysierte das Buch „Götterdämmerung über der 'neuen Weltordnung'“ treffend: „Die internationalen Monopole halten fieberhaft Ausschau nach neuen Anlagemöglichkeiten für ihr überschüssiges Kapital. Dabei entdeckten sie auch das staatliche Sozialwesen, vor allem die Bereiche Gesundheit, Pflege, Bildung und Kinderbetreuung. Die US-amerikanische Investitionsberatungsgesellschaft Whistler lenkte im Jahr 2002 mit einer Werbekampagne das Augenmerk der Investoren auf diese gewinnträchtigen Sektoren: '... Gegenwärtig konzentrieren wir uns auf Marktbereiche, die unserer Meinung nach erhebliche und dauerhafte Potenziale bieten, unter anderem die Märkte für Kinderbetreuung, Gesundheitsversorgung, Altenpflege, Bildung und Immobilien.‘ (Werbeblatt der Anlagegesellschaft Whistler Manager vom Oktober 2002)“²

Eine Bankrotterklärung gegenüber der medizinischen Versorgungskrise 

Ein zweites Argument der Studie ist eine offene Bankrotterklärung gegenüber der medizinischen Versorgungskrise, die in dem massiven Mangel an medizinischem Personal zum Ausdruck kommt: „Es gibt zu wenig medizinisches Personal, um die Klinikzahl aufrechtzuerhalten“, schreibt Bertelsmann-Projektleiter Jan Böcken.³

 

Daran dachte auch Uschi Gerster heute als Erstes und erzählt: "Als ich das heute Morgen im Radio hörte, dachte ich spontan: Auch eine Methode, für mehr Personal in den übrig bleibenden Krankenhäusern zu sorgen. Aber im Ernst. Hier wird mit dieser Studie Stimmung gegen kleine Krankenhäuser gemacht, damit die großen Konzernkrankenhäuser auf Kosten der kleinen und der breiten Gesundheitsversorgung der Bevölkerung weiter gute Gewinne machen können."

 

Und in der Tat: Die Entlassung Zehntausender Beschäftigter aus den zu schließenden Kliniken eröffnet den verbliebenen Konzernen ganz neue Möglichkeiten zur Lohndrückerei in den verbleibenden Krankenhäusern. Statt Mangel an Fachkräften - auf einmal ein Überangebot! Da können die Sektkorken knallen. Halb so schlimm, dass der Personalschlüssel bezogen auf die Patienten dadurch auch nicht ein Jota besser wird. Denn die Studie stellt gleichzeitig fest, dass wir in Deutschland sowieso besonders wehleidig seien und wegen jeder Kleinigkeit ins Krankenhaus rennen. Was kümmert es, wenn die einweisenden Ärztinnen und Ärzte da offensichtlich ganz anderer Ansicht sind.

 

Auch die Menschen in den Städten und auf dem Land sind anderer Ansicht. So gehören Initiativen gegen Krankenhausschließungen heute oft schon zum kommunalpolitischen Alltag. Ihnen redete Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) erst Anfang des Monats nach dem Mund: „Ein Krankenhaus vor Ort ist für viele Bürger ein Stück Heimat.“⁴ Für 120 Kliniken auf dem Land versprach er eine Förderung von je 400.000 Euro im Jahr. Von einem Tropfen auf den heißen Stein zu sprechen, wäre hier geprahlt. Und: Was ist mit den anderen Kliniken?

MLPD: Krankenhausschließungen müssen abgelehnt werden

Eine Genossin der MLPD, die an einem Klinikum in Duisburg als Krankenpflegerin arbeitet, berichtet: "Seit Jahren wird uns auf Betriebsversammlungen erzählt, wir müssten 'konkurrenzfähig' sein, weil es 'einfach zu viele Krankenhäuser' in Deutschland und konkret auch in Duisburg gäbe. Wir haben dann konkret gefragt: 'Für wen zu viel?'  Darauf bekommt man dann keine Antwort. Aber klar ist, dass das Gesundheitswesen vom kapitalistischen Standpunkt Profite für die entsprechenden Konzerne abwerfen muss. Dazu wird die Verweildauer der Patienten massiv verkürzt und die Ausbeutung der Beschäftigten erhöht. Um diesen Konzentrationsprozess zu steigern, wird nun scheinbar wissenschaftlich belegt, dass die Krankenhäuser schließen 'müssten'. Die Forderung nach der Schließung der Krankenhäuser ist auf jeden Fall abzulehnen!"

 

Die MLPD steht auf der Seite der Menschen, die für ihre Kliniken kämpfen. In ihrem Kampfprogramm fordert sie eine gründliche und kostenlose Gesundheitsvorsorge, Betreuung und Behandlung für alle dauerhaft in Deutschland Lebenden!“