Bei den Arbeitern der H&W-Werft

Bei den Arbeitern der H&W-Werft

Nachfolger der Titanic-Schiffbauer kämpfen gegen den Untergang

In unserem Irland-Urlaub besuchten wir die Arbeiter der H&W-Werft in Belfast/Nordirland:

Urlaubskorrespondenz aus Belfast
Nachfolger der Titanic-Schiffbauer kämpfen gegen den Untergang
Die Schicht wird vor dem Tor fortgesetzt. Arbeiter von H&W bei der Torblockade (rf-foto)

„Save Our Yard – Renationalise Now“ steht in Riesenlettern in 100 Metern Höhe auf den markanten Krupp-Kränen, die seit über 50 Jahren die Skyline von Belfast prägen. An den Toren treffen wir die Frühschicht der Schiffbauer, die gerade ihre letzte Lohnabrechnung erhalten haben. Sie sind zwar an ihrem ersten Tag der Arbeitslosigkeit sehr unsicher um ihre Zukunft, wollen aber mit einer Torbesetzung organisiert zusammenhalten und einen gemeinsamen Kampf führen.

Werftgeschäft wird abgestoßen

Die Werft „Harland & Wolff“ (H&W) gehörte zuletzt zu dem Tochterunternehmen Dolphin Drilling der milliardenschweren Fred-Olsen-Gruppe aus Norwegen. Sie kontrollieren neben einer Reihe von Kreuzfahrtschiffen, Bohrplattformen, Offshore-Windparks, Medienkonzerne und vieles mehr. Das Werftgeschäft wird nun als zu wenig profitträchtig abgestoßen.

Torbesetzung wird organisiert

Bis letzte Woche sahen die zirka 120 Stammarbeiter in der Belfaster Niederlassung ihre Arbeitsplätze als sicher an. Sie hatten zuletzt mit bis zu 2000 „Contractworkers“ (Leiharbeitern) Schiffe umgebaut, restauriert und Zubehör für Bohrtürme und Windkraftanlagen produziert. Die Leiharbeiter aus ganz Europa wurden sofort abgezogen, nachdem der Insolvenzantrag bekannt wurde. Die Stammbelegschaft organisiert nun in drei Schichten eine Torbesetzung vor den sehr modern wirkenden Werftgebäuden. H&W ist als ehemalige Werft der Titanic ( „Titanic - 1911 build by irishmen – 1912 sunk by englishmen,“ steht auf T-Shirts) ein traditionelles Aushängeschild der Touristik, für die inzwischen boomende nordirische Hauptstadt Belfast.
Mit der Forderung „Renationalise Now“ hoffen die Kolleginnen und Kollegen, Teil dieses nordirischen Kulturguts zu werden und Gelände, wie Werftanlagen weiter erhalten zu können. Die zwei großen Gewerkschaften „GMB@work“ und „Unite – theunion“ unterstützen ihren Protest, der Mitte letzter Woche als Streik begonnen hat.

Aktion war auf der Titelseite aller irischen Zeitungen

Dass es in Wirklichkeit um viel mehr Industriearbeitsplätze geht, erfährt man nur von den Betroffenen selbst. Die 3500 Personen starke Belegschaft der benachbarten Bombardier-Flugzeugwerke haben sofort ein Solidaritätsbanner erstellt und vorbeigebracht. Auch die Gewerkschaft der Feuerwehrleute hat ein Banner gehisst. Die Umsetzung der Nationalisierungsforderung wird schwierig werden: Zum einen wurden dort über staatliche Investitionshilfen bereits bis in die 1980er Jahre über eine Milliarde Pfund versenkt, ohne dass die einst 35.000 Arbeitsplätze gehalten werden konnten: Zum anderen hat Nordirland seit fast zwei Jahren in Folge der unabsehbaren Brexit-Folgen keine Regierung mehr, die so einen Schritt beschließen könnte.
In der Diskussion sind wir uns schnell einig, dass der Kampf dem Erhalt der Arbeitsplätze gelten muss, unter welchen Eigentumsverhältnissen auch immer. Die Kolleginnen und Kollegen hoffen auf internationale Solidarität. Wir wollen bei einem weiteren Besuch geeignete Adressen für Solidaritätserklärungen erfragen.