Monika Gärtner-Engel

Monika Gärtner-Engel

"Das selbstherrliche Regime mancher Orga-Teams"

Monika Gärtner-Engel schickte zu diesem Thema einen Leserbrief an die "Frankfurter Rundschau", der auf der Leserbriefseite in der heutigen Ausgabe abgedruckt wird. Wir dokumentieren die auf "frblog.de/vaterbrief" veröffentlichte Fassung:

Leserbrief an die "Frankfurter Rundschau"

Ich fand echt interessant und auch amüsant den Meinungsstreit zwischen Thomas Kaspar und seinem Vater. Man kann auf keinen Fall die FFF-Jugend pauschal als SUV-fahrende Rotzlöffel sehen. Im Gegenteil bewundere ich Rückgrat und Ausdauer dieser – bezogen auf die letzen Jahre – doch einzigartigen Bewegung. Der 20. September wird ein sehr bedeutsamer Tag.


Im Vorfeld nervt allerdings doch zuweilen ein Jugenddünkel in FFF, wo so manche Leute aus den selbsternannten Orgateams ein ganz schön selbstherrliches Regiment führen (wollen). Da gehts dann rigoros gegen rebellische Fahnen oder kapitalismuskritische Leute. In Essen z.B. bis zum Rausschmiß des 72-jährigen Umweltaktivisten Billy Keil!

 

Er war federführend in Anti-PCB-Aktivitäten, in der (nach 20 Jahren erfolgreichen!) Bürgerinitiative gegen den Giftmüll Schredder in Essen Kray , war umweltpolitisch äußerst aktives Ratsmitglied und und und – wagt sich aber entschieden Grünen- und Kapitalismus-kritisch zu sein.


Meiner Meinung nach muss man hier schon etwas kritischer mit manchen Jugendlichen in „fridays for future“ umgehen. Wie kann man akzeptieren, dass 14-, 15- oder 16-jährige pauschal Erwachsenen vorhalten, „ihr habt es vergeigt“, „ihr habt unsere Zukunft zerstört“ und dreist fordern „haut ab“?


Leute wie Billy Keil und Tausende mit ihm haben harte Umweltkämpfe wie in der Anti-AKW-Bewegung und vielen anderen Kämpfen geführt – da war so mancher kleine Besserwisser überhaupt noch nicht auf der Welt. Es gab Polizeieinsätze, Blockaden, sehr politische Verbindungen zur Friedensbewegung (Pershing II) und eine so fundierte Kritik und Massenaktivitäten, dass die Umweltbewegung in Deutschland tatsächlich eine Pionierrolle auf der Welt spielte.


Ich werfe den Jugendlichen nicht ihre Unerfahrenheit und Unkenntnis der umweltpolitischen Geschichte in Deutschland vor, wohl aber, dass sie sich von Strippenziehern instrumentalisieren lassen und dabei auch noch ganz schön auftrumpfen.


Es sind dieselben Leute, die die in Dortmund und Lausanne vorgetragene und teils durchgesetzte Richtung vertreten, sich an das Pariser Abkommen und die Leisetreterei von Bündnis 90/Die Grünen anzupassen – was über kurz oder lang das Ende von „Fridays for Future“ als selbständige Bewegung bedeuten würde.


Billy Keil habe ich empfohlen: mehr Selbstbewusstsein, mehr stolze Weitergabe seines großen Erfahrungsschatzes aus 40 Jahren Umweltkampf, von dem sich jeder Jugendliche eine Scheibe abschneiden kann.


Monika Gärtner-Engel, Gelsenkirchen