"Wirtschaftsweise"

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Kapitalistische Wirtschaftsanarchie und wundersame Prognosen

Da haben die professoralen Kaffeesatzleser der kapitalistischen Wirtschaftsanarchie am 8. April mal wieder zugeschlagen.

Von dw
Kapitalistische Wirtschaftsanarchie und wundersame Prognosen
Der Job der professionellen Kaffeesatzleser: Ursachen der Weltwirtschaftskrise verfälschen (Lightspring, shutterstock 1658915128)

Während die ganze Welt mit Sorge rätselt, was mit und nach Corona noch alles auf uns zukommen wird, kann der "Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung" - so der offizielle Titel der "Wirtschaftsweisen" - auf das Promille genau berechnen, wie sich die deutsche Wirtschaft entwickeln wird.

 

Geht es nach den "Weisen", käme es 2020 im besten Fall zu einem "Einbruch der Wirtschaftsleistung um 2,8 Prozent, gefolgt von einem Aufschwung um 3,7 Prozent im Jahr 2021". "Nach fünf Wochen Shutdown und einer dreiwöchigen Erholungsphase könnte die Wirtschaft dann wieder in den Normalzustand zurückkehren", so der Vorsitzende des Gremiums, Lars Feld. Im schlechtesten Fall werde das Bruttoinlandsprodukt 2020 "um 4,5 Prozent schrumpfen, im nächsten Jahr aber nur um ein Prozent wachsen."

Fata Morgana des "Aufschwungs"

Woher soll aber der versprochene "Aufschwung" kommen, wenn erst ein Bruchteil des überakkumulierten Kapitals vernichtet ist? Auch nach der Krise ist kaum mit einer sofortigen Belebung oder gar einem "Aufschwung" zu rechnen. Vielmehr wird eine Phase der Depression folgen, über die Willi Dickhut, Vordenker und Mitbegründer der MLPD, schreibt:

 

„Die Depression vollendet das Werk der Krise. Sie ist gekennzeichnet durch Stagnation der industriellen Produktion. In dieser Phase versuchen die Kapitalisten durch Senkung der Produktionskosten einen Ausweg aus der Krise zu finden.“ („Krisen und Klassenkampf“, Revolutionärer Weg 23, S.89) Auch die letzte Weltwirtschafts- und Finanzkrise von 2008 bis 2014 ging in eine weltweite schwankende Stagnation über.

Eingebung von höherer Stelle?

Wie ein Fels in der Brandung verkünden die Ökonomen ihre Gewissheiten - trotz weitgehender Unklarheit über den konkreten Verlauf der weltweiten Pandemie, ungeachtet der unwägbaren komplexen Wechselwirkung der gesamten kapitalistischen Krisenhaftigkeit und erhaben über alle Verunsicherung, die selbst die bürgerliche Politik ergriffen hat.

 

Sind es übersinnliche Fähigkeiten, die sie leiten? Oder gar Eingebung von höherer Stelle? Auffällig genau passen dazu die Durchhalteparolen der Merkel-Regierung. Mit realistischen Prognosen hat die Pseudowissenschaft der bürgerlichen Ökonomie nichts am Hut. Das lässt sich schnell bei einem Blick auf die harten Fakten der Wirtschaftsentwicklung erkennen.

 

So gibt der Zentralverband des deutschen Handwerks an, dass 70 Prozent seiner Mitglieder im Schnitt jetzt schon 50 Prozent Umsatzrückgang vermelden. Die Welthandelsorganisation (WTO) rechnet mit einem Rückgang des Welthandels von 13 bis 32 Prozent. Angesichts dessen scheint selbst die Maximalprognose der "Wirtschaftsweisen" von minus 4,5 Prozent eher als Wunschdenken denn als Realismus.

Zu realistischen Prognosen nicht in der Lage

Zu realistischen Prognosen sind die Wirtschaftsprofessoren schon deshalb nicht in der Lage, weil sie blind gegenüber den Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Ökonomie sind. Dass die Weltwirtschafts- und Finanzkrise schon lange vor Beginn der Corona-Pandemie eingeleitet wurde, kommt in ihrer Wahrnehmung nicht vor. Dass die Industrieproduktion in Deutschland schon seit Mitte 2018 rückläufig ist - geschenkt. 

 

Im Kapitalismus sind zyklische, periodisch wiederkehrende Überproduktionskrisen unvermeidlich, auch ohne Corona. Chronisch überakkumuliertes Kapital bei den Monopolkonzernen und Superreichen steht chronischer Unterkonsumtion bei einem großen Teil der Weltbevölkerung gegenüber.

 

Die antikommunistische Verblendung der meisten bürgerlichen Wirtschaftswissenschaftler lässt es allerdings nicht zu, sich ernsthaft mit der einzigen wissenschaftlichen Wirtschaftstheorie zu befassen, der politischen Ökonomie des Marxismus.

Massendebatte über Marx' Kapitalismuskritik angesagt

Nach Karl Marx muss im Kapitalismus „beständig ein Zwiespalt eintreten zwischen den beschränkten Dimensionen der Konsumtion auf kapitalistischer Basis, und einer Produktion, die beständig über diese ihre immanente Schranke hinausstrebt … Wie könnte es sonst an Nachfrage für dieselben Waren fehlen, deren die Masse des Volks ermangelt?“ (Marx/Engels, Werke, Bd.25, S.267)

Titelbild der aktuellen
Titelbild der aktuellen "Wirtschaftswoche" mit der Headline "Er ist wieder da" (Faksimile)

In Kürze:

  • Die Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus sprechen dafür, dass sich die Weltwirtschafts- und Finanzkrise noch erheblich vertiefen wird
  • Massendebatte über Marx' Kapitalismuskritik ist angesagt

Schon während der letzten Weltwirtschafts- und Finanzkrise entfaltete sich die Diskussion darüber, dass Karl Marx mit seiner Analyse des Kapitalismus genau richtig lag. Marx hatte daraus den Schluss gezogen, dass der Kapitalismus auf revolutionärem Weg überwunden werden muss. Die MLPD wird tatkräftig dazu beitragen, die gesellschaftliche Debatte darüber noch weitaus massenhafter zu führen.