Vertuscht

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Weltweit wächst der Hunger, aber auch der Kampf dagegen

Die bürgerlichen Massenmedien blenden die Entwicklung der Corona-Krise außerhalb Deutschlands und der EU weitgehend aus, was für viele Menschen den Blick für die Gesamtsituation auf der Welt verstellt.

Von fh

In vielen neokolonial ausgebeuteten und unterdrückten Ländern entwickelt sich die Situation für die Massen aber sehr viel dramatischer als bei uns. Und es gibt massenhafte Proteste und Kämpfe rund um den Globus.

 

Ein Hauptgrund ist, dass in vielen Ländern ein Großteil der Bevölkerung von Straßenhandel und Kleingewerbe lebt, so dass ihre Existenzgrundlage bei Ausgangssperren sofort wegbricht. Wenn Industriebetriebe schließen wie in Indien oder auf den Philippinen, gibt es dort eben kein System des Kurzarbeitergelds oder anderer sozialer Leistungen, mit denen sich die Arbeiter und ihre Familien einigermaßen über Wasser halten können.

Ganze Belegschaften stehen plötzlich mittellos auf der Straße

Ausländische Kontraktarbeiter in Asien oder im Nahen Osten leben oft in Sammelunterkünften, wo die Ansteckungsgefahr besonders hoch ist. Oder sie müssen sich in ihre Heimatländer durchschlagen - ohne irgendwelche Verdienstmöglichkeiten. Das trifft auch für Wanderarbeiter etwa innerhalb Indiens zu, die meist aus weit entfernten Regionen kommen und nun auf Bahnhöfen im ganzen Land stranden, von wo sie nicht mehr weiterkommen. Statt ihnen zu helfen, versuchen Polizisten sie auch von dort immer wieder brutal zu vertreiben.

 

Die Folgen von Betriebsschließungen aufgrund der Corona-Krise potenzieren sich mit den Folgen der Weltwirtschafts- und Finanzkrise, so wenn Modeketten wie Inditex (Zara), C&A, Takko und Primark einfach ihre Aufträge an Textilfirmen in Bangladesch, Myanmar, Kambodscha und Indien stornieren. Diese setzen die Arbeiterinnen und Arbeiter kurzerhand auf die Straße (mehr dazu).

Kapitalflucht verstärkt Inflation und Hunger

Die bereits Mitte 2018 eingeleitete Weltwirtschafts- und Finanzkrise führt auch zu einer enormen Kapitalflucht aus neokolonialen, aber auch aus neuimperialistischen Ländern. Allein im März umfasste sie 83,3 Milliarden US-Dollar1. Dadurch stürzen viele Währungen ab, was in diesen Ländern zu Inflation und Hunger führt.

 

Das Hauen und Stechen zwischen den ölproduzierenden Länder hat einen drastischen Preisverfall bei Rohöl bewirkt - bis hin zu Minus-Preisen, bei denen der Verkäufer dem Käufer Geld zahlen muss. Das ruiniert ganze Länder wie Nigeria oder Venezuela.

Katastrophale Situation im Gesundheitswesen

Dazu kommt das katastrophale Gesundheitswesen und die sanitäre Situation der Massen in vielen Ländern. Da es kaum Tests gibt, sagen die Zahlen von Corona-Opfern in den meisten Ländern Asiens, Afrikas oder Lateinamerikas nichts über das Ausmaß der Pandemie aus. In vielen Ländern wie Kamerun muss man vorher bezahlen, wenn man in ein Krankenhaus will. Die Pandemie bedroht das Leben von Millionen Menschen in solchen Ländern, gerade wenn sie durch Unterernährung geschwächt sind.

 

Ein besonderes Problem vor allem in Afrika ist die Wechselwirkung zu anderen schon länger oder immer wieder grassierenden Seuchen wie Malaria. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) befürchtet wegen der Corona-Krise eine Verdoppelung der Malaria-Todeszahlen in Afrika, weil in vielen Fällen der Zugang zu Malaria-Medikamenten oder Schutznetzen gegen die übertragenden Mücken unterbrochen ist.


ICOR2-Mitgliedsorganisationen aus vielen Ländern berichten von Hungerprotesten und Selbsthilfe der Massen in den Armenvierteln: Täglich demonstrieren Textilarbeiterinnen in Bangladesch vor den Fabriken für ausstehende Löhne. Hungerproteste werden auch aus Marokko, Paraguay, Chile oder Bolivien gemeldet. Polizei und Militär gehen oft mit großer Brutalität dagegen vor.

Erfolgreiche Kämpfe trotz massiver Repression

Aus den Philippinen berichtet ein Automobilarbeiter: „Eine Gemeinde erhielt fast drei Wochen lang keine Nahrungsmittelhilfe, weshalb sie die Menschen im Freien um Nahrungsmittel gebeten haben. Aber die philippinische Nationalpolizei löste gewaltsam die Versammlung der Menschen auf, die um Lebensmittel baten, und nahm sie fest.“

 

Bauarbeiter in Cali (Kolumbien) demonstrieren, weil sie keine Arbeit mehr haben. Hungerproteste werden von der Polizei auch hier oft mit Tränengas bekämpft.

 

Selbst in Argentinien, im Land der Steaks, breitet sich der Hunger aus! In Benin haben Schüler und Studenten die Schließung der Schulen und Universitäten im Kampf durchsetzen müssen. Kämpfe gegen die Arbeit unter Ansteckungsgefahr wie im Bergbau oder in den Häfen in Südamerika gehen meist einher mit dem Kampf um Weiterzahlung der Löhne. Hier gibt es auch Zugeständnisse, besonders bei Beschäftigten in den Betrieben der internationalen Monopole (zum Beispiel in Indien, Brasilien oder Argentinien).

ICOR-Organisation bei Kämpfen und Selbsthilfe vornedran

Mit Volksküchen wie in Südafrika oder Uruguay, Notfallkomitees in Argentinien, Dorfkomitees in Indien und Bangladesch entstehen Organisationsformen der Solidarität und Selbsthilfe, in denen sich die Massen mit revolutionären Organisationen zusammenschließen. Überall stehen ICOR-Organisationen und ihre Jugendorganisationen mit vornedran bei den Kämpfen und der Organisierung der Selbsthilfe.


Versammlungen und Demonstrationen sind in vielen Ländern strikt verboten, aber die Massen gehen trotzdem auf die Straßen, denn es geht oft ums Überleben. Die Arbeiterklasse wird sich auch ihren internationalen Kampftag, den 1. Mai, nicht nehmen lassen. In Kolumbien und anderen Ländern werden Demonstrationen vorbereitet, in den USA gibt es eine wachsende Bewegung für einen Generalstreik am 1. Mai, der dort kein Feiertag ist.

 

Es ist kein Zufall, dass Teilnehmerinnen und Teilnehmer der 2. Internationalen Automobilarbeiterkonferenz Anfang Februar in Südafrika wenig später in ihren Ländern wie Italien, Spanien und Deutschland an der Spitze von Kämpfen der Automobilbelegschaften für zeitweilige Betriebsschließungen wegen der Corona-Pandemie standen. Das unterstreicht die Kraft des länderübergreifenden Zusammenschlusses.