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Belastungs-Hot-Spot Schulen

Mit der Öffnung der Schulen hat auch der Unterricht für die meisten Klassen in der Bundesrepublik wieder begonnen. Ein Lehrer berichtet über seine Erfahrungen:

Von einem Korrespondenten aus Göttingen
Belastungs-Hot-Spot Schulen
Obwohl die Kinder jetzt wieder zur Schule gehen, entspannt sich die Situation für Eltern, wie auch für Lehrerinnen und Lehrer, eher nicht (foto: gemeinfrei)

Die Schülerinnen und Schüler werden in Kleingruppen unterrichtet, nicht mehr als zehn in einem Raum. Das bedeutet, dass pro Klasse das Doppelte bis das Dreifache an Lehrkräften benötigt wird, oder die Unterrichtsstunden werden gekürzt. Die benötigte Anzahl an Räumen steigt ebenfalls auf das Doppelte beziehungsweise Dreifache.

 

Was aber, wenn an der Schule nur ein Physiklehrer angestellt ist? An meiner Schule haben wir ausgerechnet, dass die Mathematiklehrer alleine für die neunte und zehnte Klassenstufe ihre Pflichtstunden vollständig ausgefüllt haben. Um dieses Problem zu lösen, versprachen die Landesregierungen, Lehrkräfte aus den Bildungsministerien abzuziehen und sie den Schulen zur Verfügung zu stellen. An meiner Schule ist bisher niemand angekommen.

 

Kollegen, die zu Risikogruppen gehören, müssen nicht unterrichten, sie dürfen das aber freiwillig tun. Durch den Mangel an Lehrkräften entsteht so ein richtiger moralischer Druck auf die älteren und chronisch kranken Lehrkräfte, trotz Risikogruppe weiter zu unterrichten, man kann in dieser Situation ja niemanden alleine lassen.

 

Die Raumknappheit soll mit Räumen aus der Gemeinde gelindert werden, die jetzt nicht genutzt werden können. Nun muss aber für jede Schule ein Hygienekonzept gemacht werden, teilweise für jeden Raum. Um also Räume aus der Gemeinde nutzen zu können, müssen wieder eigene Hygienekonzepte erstellt werden. In der Praxis gehen die Unterrichtsstunden also für Belehrungen zu Hygienemaßnahmen, Entwicklung von Hygienekonzepten, Raummanagment und so weiter drauf.

 

Die Lehrer, besonders die Schulleitungen, werden zu Managern der Krise, die die Richtlinien der Landesregierungen umsetzen und auf ihre jeweilige Schule anwenden müssen. Hin- und Herschieben von Unterrichtsstunden, immer neue Raumpläne mit jeder Klasse, die wieder am Präsenzunterricht teilnimmt.

 

Hat man eine Woche erfolgreich überstanden, bekommt man schon Panik davor, was in der nächsten Woche auf einen zukommt und wie man die neuen Probleme lösen soll. Die viel beschworene Unterstützung der Landesregierung bleibt dabei – jedenfalls an meiner Schule – aus, und sie wird ersetzt durch einen nahezu nicht zu erfüllenden Anforderungskatalog.

 

Die Corona-Pandemie wirft auch ein Schlaglicht auf die Digitalisierung an den Schulen. Die Kenntnisse der Lehrer, der Entwicklungsstand in der Bereitstellung von softwarebasierten Lernmanagement-Systemen hinkt hinter den notwendigen Anforderungen hinterher.

 

Es ist ein Bedürfnis der Schülerinnen und Schüler, nach so langer Zeit wieder in die Schule gehen zu können, die Freunde wieder zu treffen. Es ist eine richtige Forderung der Eltern, die Kinder nicht im Homeschooling zu Hause unterrichten zu müssen. Aber die Grundlage ist doch eine andere. Wenn die Produktion im internationalen Konkurrenzkampf wieder großflächig hochgefahren werden soll, dann kann man keine Eltern gebrauchen, die zu Hause auf ihre Kinder aufpassen müssen.

 

Viele meiner Schüler freuen sich, dass sie wieder in die Schule kommen. Sie machen sich aber auch Gedanken, wie es weitergehen soll. Es gibt ein großes Bedürfnis, darüber zu sprechen, welche Gefahren die Schulöffnungen gerade für die älteren Lehrkräfte und ihre Familien mit sich bringen.

 

Unter den Kolleginnen und Kollegen freut man sich, wenn es keinen Vertretungsplan gibt. Das bedeutet, dass alle gesund sind. Wenn jetzt nur ein oder zwei Lehrkräfte krankheitsbedingt ausfallen, kann der gesamte Unterricht zusammenbrechen, der so kalkuliert ist, dass die Lehrer an ihrer äußeren Belastungsgrenze unterrichten. Und einen Personalpuffer für Stundenausfälle hat es schon vorher kaum gegeben.

 

Während der Etat für Rüstung steigt, verstehen viele nicht, warum nicht mehr in Bildung investiert wird. Eine befreundete Schulleitung meinte letztens zu mir: „Das Ministerium will von uns Unterrichtspläne … Aber ich kann schon froh sein, wenn ich Lehrer habe.“