Bildungspolitik

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"Protect the kids" - statt hektischer Regelbetrieb in den Grundschulen

Heiß umkämpft ist die in mehreren Bundesländern bereits begonnene Aufnahme des Regelbetriebs an den Grundschulen, die jetzt auch in Nordrhein-Westfalen bevorsteht.

Von Korrespondent
"Protect the kids" - statt hektischer Regelbetrieb in den Grundschulen
Foto: Alexandra Koch / Pixabay

Die fast drei Monate lange Schulschließung ging einher mit einer immensen Belastung für die Familien und einer Mehrfachbelastung der berufstätigen Mütter. Diese haben oft ihren Jahresurlaub beziehungsweise unbezahlten Urlaub genommen und waren dem täglichen Spagat von Homeoffice bei gleichzeitigem Homeschooling ausgesetzt. „Nebenbei“ musste dann auch noch die Organisierung des Haushalts klappen.

 

Insofern ist der Wunsch nach einer schnellen Beendigung dieses Zustands vollkommen berechtigt. Der jetzt vorgesehene Regelbetrieb bedeutet jedoch eine weitgehende Aufgabe der Gesundheitsschutzmaßnahmen, indem die individuelle Abstandswahrung (1,50 Meter) gekippt werden soll und der Gesundheitsschutz auf Bildung „konstanter (Lern-)Gruppen“ und eine Vermeidung von „Durchmischungen“ reduziert wird.

 

In einem Offenen Brief Duisburger Eltern, Lehrkräfte und Schulleitungen der Grundschulen an NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer heißt es vollkommen berechtigt: „Für unsere Kinder und unsere Schulen wünschen wir uns nichts mehr als einen wieder geregelten Normalbetrieb – aber verbunden mit einem nachvollziehbaren Umgang mit Risiken und Sicherheit für die Gesundheit.“

Warum so hektische Einführung des Regelbetriebs?

Auf Empörung, Kritik und Fragen stößt auch die Methode, dass diese Maßnahmen jetzt hektisch über die Köpfe der Lehrkräfte hinweg erfolgen und diese regelrecht vor den Kopf stoßen. Schließlich waren die Lehrerinnen und Lehrer bis vor kurzem noch beauftragt, tragfähige Konzepte für Schulunterricht bei Einhaltung des Gesundheitsschutzes zu entwickeln.

 

Bei einer Umfrage von Rote Fahne News in Dortmund weist eine Lehrerin, selbst Mutter, darauf hin, dass „der einzige pädagogische Nutzen" darin bestehen könnte, "den Klassenverband wieder zusammenzuführen, um die letzten Monate gemeinsam zu verarbeiten“. Ihr Mann überlegt: „Das könnte ein Feldversuch sein, um zu testen, wie Kinder das Virus weitergeben. Wenn dann in zwei Wochen die Infektionszahlen an den Schulen hochgehen, macht es nichts, weil dann eh Ferien sind … Oder den Leuten soll Normalität vorgegaukelt werden, damit sie ihr Kaufverhalten normalisieren, schließlich soll ja die Konjunktur angekurbelt werden.“

 

Die scheinbare Planlosigkeit der Regierung entspricht unter dem Strich den Forderungen des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) vom 2. Mai, das gesellschaftliche Leben wieder hochzufahren, um die Wirtschaft anzukurbeln. Hierfür nehmen sie auch die Gefahr einer neuen Infektionswelle in Kauf.

Klare Forderungen im Sofortprogramm

Dagegen ist notwendig, konsequent von den Interessen der Kinder, Eltern und Lehrerinnen wie Lehrer auszugehen. Im Programm des Jugendverbands REBELL „Für Gesundheitsschutz, Bildung, Zukunftsperspektive!“ heißt es:

 

  • „Der Gesundheitsschutz steht an erster Stelle. Dazu gehören regelmäßige Hygieneerziehung, sorgfältige Hygiene in allen Klassen, Fluren, Sanitäranlagen, kostenlose Masken für alle und natürlich Tests, Tests, Tests! Schüler und Lehrer testen vor Wiederaufnahme des Schul- und Kita-Betriebes!

 

  • Kleine beständige Lerngruppen von maximal zehn Schülern! Rollierende Gruppen können sinnvoll sein. Die Lehrer müssen Zeit haben, zusätzliche Hausaufgaben und Online-Unterricht anzuleiten, persönlichen Kontakt zu Kindern und Eltern zu halten.

 

  • Lehrer aus Risikogruppen schonen - dafür mehr Personal und weitere geeignete Kräfte einstellen - wie Lehramtsstudierende. Wieso kann eine Behörde Hunderte Beamte zur Bearbeitung von Anträgen mobilisieren, aber für die Kinder fehlt es hinten und vorne an Personal?“

 

Eine ausreichende Betreuung der Kinder muss auch über die Sommerferien organisiert werden, da viele Mütter keinen Urlaub mehr haben. Es könnten Lerngruppen gerade für beim Homeschooling benachteiligte Kinder eingerichtet werden. In der Zeit vor den Ferien sollten ebenfalls gezielt Schüler mit Defiziten im Unterricht vorgezogen werden.

 

Notwendig und überfällig ist die volle Ausschöpfung und Optimierung aller Corona-Testkapazitäten, zum Beispiel auch in Form von Gruppentests, um nach dem Ausschlussverfahren Gewissheit zu erlangen, wo weitere Einzeltests notwendig sind. Nähere Informationen hier!

Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Alternative

Das Sofortprogramm der MLPD gegen die Corona-Pandemie weist über die Tagesforderungen hinaus darauf hin, dass eine sozialistische Alternative notwendig und möglich ist. Eine sozialistische Politik, bei der nicht der Profit, sondern die Einheit von Mensch und Natur im Mittelpunkt steht, würde grundsätzlich anders an die Problematik herangehen:

 

  • Fortlaufende Einbeziehung und Mobilisierung aller Kompetenzen in die Erarbeitung und Umsetzung von Lösungskonzepten (Arbeitsgruppen von Lehrern, Eltern, Schülern, gecoacht und begleitet von Ärzten).
  • Nutzung aller Möglichkeiten zur Lösung der Raumfragen: Nutzung von Hallen, Aufbau von Zelten, Prüfung von Open-Air-Unterricht, konzentrierter und umweltgerechter Neubau von Mehrzweckhallen.

 

Mit den Wohngebietsgruppen der MLPD kann man sich beraten, wie in der Familie und in den Klassen mit der Schulöffnung umgegangen wird; wie wir gegenseitige Unterstützung organisieren, aber auch, wie wir unsere Forderungen auf die Straße tragen. Eine Möglichkeit sind die überparteilichen Montagsdemonstrationen, auch weil dort die Diskussion um geeignete Forderungen am offenen Mikrofon weitergeführt werden kann.