Begriff unter der Lupe

Begriff unter der Lupe

„Alltagsrassismus“

Die weltweiten Proteste gegen Rassismus haben sich rasant entwickelt.

Von einem Korrespondenten aus Saarbrücken
„Alltagsrassismus“
(Stadtverordneter Jan Specht von AUF Gelsenkirchen beim Anti-Tönnies-Protest von Schalke 04 (rf-foto))

Hier kommen der Kampf gegen Rassismus, die Rechtsentwicklung von Regierungen und Teilen der Gesellschaft (USA, Deutschland, Großbritannien…), und vor allem in den USA gegen die Abwälzung der Krisenlasten auf die Arbeiterklasse und die Massen zum Ausdruck. Diese Proteste sind Teil des wachsenden internationalen Linkstrends unter den Massen.

 

Blicken wir kritisch auf landläufige Begriffe, die jetzt häufig benutzt werden: So wenn von „Alltagsrassismus“ die Rede ist. Der Begriff gibt gut die Lebenswirklichkeit von vielen von Rassismus betroffenen Menschen in ihrem Alltag wieder:  So Flüchtlinge oder Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland, die auf Grundlage des so genannten Racial Profiling - also ausschließlich weil sie Flüchtlinge sind oder migrantische Wurzeln haben - verstärkt von der Polizei kontrolliert werden. Das ist nichts anderes als Rassismus, und es passiert täglich Hunderte Male in vielen deutschen Städten - auch wenn Bundesinnenminister Horst Seehofer nach dem Motto: "Wenn ich sage, das Wasser läuft den Berg rauf, dann läuft das Wasser den Berg rauf" erklärt, dass es das in Deutschland nicht gebe.

 

Anders herum jedoch wäre es mehr als eine übersteigerte Unterstellung, jedem, der einen zum Beispiel nach dem Herkunftsland fragt, sofort als „Rassisten“ einzuordnen. Ich jedenfalls mache das aus reinem Interesse an der Person, die ich vor mir habe. Das entwirft ein negatives Bild der Massen, das nicht der Wirklichkeit entspricht. Es lenkt auch vom Wesentlichen ab, wenn man meint, mit dem Begriff „Alltagsrassismus“ das Problem Rassismus erschöpfend behandeln zu können, wie es in vielen Medien, Talkshows oder Reden der Fall ist.

 

Rassismus ist seit Jahrhunderten ein Mittel der Herrschenden und wurde unterschiedlich begründet. Erst der Imperialismus hat den Rassismus ab Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer umfassenden Ideologie ausgebaut, die pseudowissenschaftlich untermauert wurde.

 

So untersuchte der Arzt Rudolf Virchow noch 1871 aus durchaus wissenschaftlichem Interesse die Kopf- und Schädelform von 6,776 Millionen Kindern um zu erfahren, was eigentlich die „germanische Rasse“ ausmacht. Und er kam zu dem Schluss: „Die klassischen Merkmale der germanischen Rasse beschränken sich also auf ein Drittel der heutigen deutschen Jugend.“ Wollte man germanische Typen haben so müsst man einen großen Teil von Süd- und Westdeutschland vom Reich ausschließen:“ Das brachte ihm den Vorwurf eines „Judensklaven“ ein, weil die Ergebnisse seiner Untersuchungen den Zielen des deutschen Imperialismus entgegenstanden. Dieser rechtfertigte die imperialistische Kolonialpolitik Deutschlands damit, die Germanen seien die Herrenrasse, die Kolonialvölker und Juden aber minderwertig.

 

Virchows Untersuchungen hinderte „Wissenschaftler“ nicht daran, z.B. in den USA noch 50 Jahre später und extrem dann durch die Hitler-Faschisten, im Interesse der Imperialisten Kopf- und Körperformen zur Begründung von Diskriminierung (in den USA) bis zur Ermordung von Millionen Juden, Osteuropäern, Sinti und Roma durch die Hitler-Faschisten zu machen. Die rassistische Ideologie sollte den Imperialismus ideologisch rechtfertigen, und die Bevölkerung für den Kurs der Eroberung der Weltherrschaft gewinnen – teil- und zeitweise durchaus mit Erfolg.

 

Alle Staaten lehnen heute Rassismus offiziell ab. Er wird aber in veränderter Form, v.a. von den alten und neuimperialistischen Staaten, fortgesetzt. Sei es in Form von geschürter Islamophobie oder der reaktionären Flüchtlingspolitik. Der bekannte US-amerikanische Bürgerrechtler Malcolm X hatte es auf den Punkt gebracht: „Es gibt keinen Kapitalismus ohne Rassismus!“

 

Kampf gegen den sogenannten Alltagsrassismus ist wichtig, aber dabei stehen zu bleiben nimmt den heutigen Verursacher, den Imperialismus, aus der Schusslinie. Der konsequenteste Antirassismus ist die Überwindung des Kapitalismus!

 

Hier sei ein Buch zum Thema der Geschichte des Rassismus, die Verwandlung in eine rassistische Ideologie im Interesse des Imperialismus bis zur Umsetzung im faschistischen Massenmord empfohlen: Lilli Segal*, Die Hohenpriester der Vernichtung. Dietz Verlag.¹ Das Buch ist leider nur noch antiquarisch zu haben. Es kann jedoch bei People to People antiquarisch bestellt werden! Lilli Segal (1913 bis 1999), Biologin, Widerstandskämpferin, Jüdin. Gemeinsam mit ihrem Mann Jakob Segal forschte sie auch zum künstlichen Ursprungs von AIDS.