Glosse

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Ich hab da einen super Job gemacht!

Seit dem vergangenen Freitag darf bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück wieder geschlachtet werden. Nachdem der Konzern wegen des massiven Corona-Ausbruchs am Pranger stand, will Clemens Tönnies jetzt 1.000 Werkverträgler fest einstellen und 400 anständige Wohnplätze schaffen. Wir sind gespannt. Unsere Glosse handelt von einem langjährigen Monopolpolitiker, dem keine Schweinerei zuviel war ...

Von ak
Ich hab da einen super Job gemacht!
"Spieglein, Spieglein an der Wand..." (foto: gemeinfrei)

„Kinder, was regt ihr euch so auf? Es gibt überhaupt keinen Grund, sich so aufzuregen. Ich habe da einen super Job gemacht. Da darf man doch auch erwarten, dass man einen anständigen Zahltag bekommt, nicht? Leistung muss sich schließlich lohnen, nicht wahr? Wie? Was sagen Sie? Doch, doch, das ist in der Branche üblich, das ist kein besonders hoher Betrag in der Branche. Das ist mein Mindestlohn. Wie, Mindestlohn nicht eingehalten? In den drei Monaten, die ich bei ihm gearbeitet habe, hat der meinen Mindestlohn immer eingehalten, das wäre ja nochmal schöner!

 

Meinen Mindestlohn unterschreiten! Was die verdienen? Woher soll ich das wissen, ich habe sie nicht gefragt. Vielleicht. Vielleicht ist mein Monatslohn viel Geld für normale Menschen, wahrscheinlich ist das sogar so, dass das viel Geld ist, für normale Menschen. Aber, ich frage Sie, wer ist denn heute schon normal? Schauen Sie sich den Chef von Amazon an, den Jeff, der reichste Mann der Welt. 116 Milliarden Dollar! Ist der normal? Oder nehmen wir gerade mal meinen Kurzzeit-Arbeitgeber, das war er ja sozusagen für die drei Monate. 2 Milliarden und 30 Millionen. Ist der normal? Nein, sage ich Ihnen, der ist nicht normal. Das ist ein ganz besonderer Mensch. Schauen Sie sich den mal an. Haben Sie das Video im Netz gesehen? Das ist ein Lebemann, ein Mensch, der gerne lustig ist, der Gäste einlädt, der für seine Gäste auch mal einen springen lässt. Der ist nicht knausrig, der ist sogar richtig großzügig. Das habe ich gleich gemerkt. Der hat mir für jeden Tag, den ich zu ihm gekommen bin, Reisespesen in vierstelliger Höhe bezahlt. Zu meinem Monatsmindestlohn!

 

Ausbeutung? Die sollen 1500 Euro bekommen – für zwölf-Stundenschichten und die Überstunden nicht bezahlt? Schauen Sie, das ist doch eine einfache Rechnung: In sieben Monaten haben die auch meinen Mindestlohn. Und dann werden denen auch gleich noch 250 Euro für den Wohnraum abgezogen? Die wohnen aber günstig! Aha, deswegen. Ja, was Sie da sagen macht Sinn: Wenn die nach ihrer Schicht noch duschen und sich dann gleich hinlegen, um dann um vier Uhr wieder zum Arbeiten zu gehen. Sehen Sie, da brauchen die gar keine große Wohnungen. So isser, der Clemens, immer auch zweckmäßig.

 

Also, ich sage Ihnen mal was. Ehrlich, Hand aufs Herz: Ich habe nichts von Ausbeutung gemerkt! Das können Sie mir glauben. Und der Clemens Tönnies, das ist ein ganz feiner Mensch. Was? Was soll ich gesagt haben? 2015 als SPD-Vorsitzender? Die Fleischindustrie sei eine Schande für Deutschland? Wissen Sie was? Was geht mich mein dummes Gerede von gestern an?“