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Droht in Deutschland die zweite Welle der Corona-Pandemie?

Heftig diskutiert wird momentan die Frage einer „zweiten Welle“ der Corona-Pandemie. Rote Fahne News erhielt dazu folgende Stellungnahme von Dr. Günther Bittel und Dr. Willi Mast von der Mediziner-Plattform im Internationalistischen Bündnis:

Von Dr. med Günther Bittel und Dr. med Willi Mast
Droht in Deutschland die zweite Welle der Corona-Pandemie?
(grafik: Lightspring, shutterstock 1658915128)

Die zweite Welle sei „praktisch doch schon da“, sagte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder. „Sie schleicht durch Deutschland. Es gilt daher, noch aufmerksamer zu sein und rasch und konsequent zu reagieren. Je schneller wir handeln, desto geringer sind die Folgen.“ Düster warnt der SPD-Gesundheitsexperte Professor Karl Lauterbach: „Wir hecheln der Corona-Pandemie erfolglos hinterher.“¹

Ab wann kann man von einer „zweiten Welle“ reden?

Am 4.August meldete das Robert-Koch-Institut (RKI) einen Anstieg der gesicherten Covid-19-Infizierten um 879 auf 211.281, die Zahl der an Covid-19-Verstorbenen stieg bundesweit um acht auf 9.156. Der Sieben-Tage-R-Wert („Reproduktionszahl“) lag bei 1,0, was bedeutet: ein Infizierter steckt wieder einen anderen Menschen an. So bekommt man die Zahlen nicht gesenkt. Sie steigen aber momentan auch noch nicht so entscheidend an, dass eine „Welle“ unvermeidlich wäre. Ein wichtiges Warnsignal ist dennoch die Zunahme der täglich gemeldeten Fälle von ca. 200 Ende Juni auf jetzt ca. 900 pro Tag. Zur Einordnung: Auf dem Höhepunkt der „ersten Welle“ in Deutschland Anfang April lag die Zahl der täglich neu gemeldeten Fälle bei ca. 6.500! Eine „zweite Welle, die durch Deutschland schleicht“, wie von Söder behauptet, ist in sich unlogisch. Wichtiges Kriterium der zweiten Welle ist der unkontrollierte Anstieg der täglichen Zahlen und die Unmöglichkeit einer Eingrenzung durch Kontaktverfolgung und Quarantäne. Die Zahl der pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen gemeldeten Fälle liegt für alle Bundesländer noch unter zehn. Auf dem Höhepunkt der ersten Welle waren 9 Prozent der Getesten positiv, also infiziert. Aktuell in der Kalenderwoche 30 wurden ca. 560.000 Tests durchgeführt, wobei 0,8 Prozent positiv getestet wurden.

 

Weiterhin trägt also die offizielle Informationspolitik des RKI zur Verunsicherung der Bevölkerung bei. Sie liefert gleichzeitig Argumente für die brisante Mischung von Corona-Leugnern und offenen und verdeckten Faschisten. Diese durften mit Segen des Staatsapparats am 1. August durch Berlin demonstrieren - unter Bruch aller Hygiene- und Abstandsregeln. Jetzt folgt prompt wieder der Ruf nach Verschärfung des Versammlungsrechtes und drakonischen Strafen. Während sich der Staat weigert, klare, überzeugende Regeln zu erlassen und eine breite Initiative von unten zu fördern, werden Urlaubsrückreisende, Fußballfans und feiernde Jugendliche generell zu „Corona-Sünder“ abgestempelt.

 

Tatsächlich besorgniserregend ist die Meldung, dass 2 bis 3 Prozent der getesteten Rückreisenden aus Risikogebieten zur Zeit positiv getestet werden. Durch Beschluss der Bundesregierung müssen sich alle Rückreisenden aus Risikogebieten jetzt testen lassen. Dadurch steigt die Zahl der täglichen Tests laufend an. Das wird sich mit dem Schuljahresbeginn und der vorgesehenen Testung der Lehrer und Erzieher noch weiter steigern. Mehr Tests = höhere Zahl positiver Ergebnisse = kleinere Dunkelziffer!

 

Weltweit tobt noch die erste Welle der Pandemie mit unkontrollierter Entfaltung in den USA, Brasilien, Indien, Russland und vielen anderen Ländern. Länder wie Israel, die nach erfolgreicher Eindämmung der Pandemie dann wieder auf Druck der herrschenden Monopole rasche unverantwortliche Lockerungen beschlossen, müssen dafür in der Tat inzwischen mit einer zweiten Welle der Pandemie bezogen auf ihr Land büßen und wieder weitgehende Beschränkungen erleiden. Israel meldete am 4. August einen Anstieg um 1.400 Infizierte bei einer Bevölkerung von 8,8 Millionen (= 0,16 Prozent der Bevölkerung – in Deutschland sind es dagegen nur 0,001 Prozent bei 83 Millionen Einwohnern).

Hauptrisiko: Diktatur der Monopole und unverantwortliches Krisenmanagement der Bundes- und Landesregierungen!

Dass tatsächlich auch in Deutschland eine zweite Welle droht, ist Resultat der Politik der herrschenden Monopole und der Regierungspolitik. So fordert der Kapitalistenverband „Gesamtmetall“: „… den Unternehmen möglichst große Spielräume bei der Umsetzung von Infektionsschutzmaßnahmen einzuräumen und die unternehmerische Freiheit nicht (oder minimal) durch Vorgaben im Arbeitsschutz einzuschränken.“² Prompt hat die Bundesregierung keine verbindlichen Vorschriften für Industrie- und Logistikbetriebe erlassen. Tönnies, DPD und die Konservenfabrik in Mamming (jetzt 166 Infizierte von 600 Mitarbeitern) lassen grüßen.

 

Unverantwortlich ist auch das Chaos um den Schuljahresbeginn. Zurecht kritisieren Lehrer- und Elternverbände, GEW und ver.di, dass sechs Wochen Schulferien vertrödelt wurden, um die notwendigen Räumlichkeiten und Hygienestandards zu schaffen sowie Neueinstellungen in Schulen und Kitas durchzuführen. Mit Maskenpflicht und zweiwöchentlichen Tests für Lehrer und Erzieher (NRW) versuchen die Landesregierungen jetzt hektisch, ihre Unterlassungen zu vertuschen. Oder in Bayern mit einem Vierstufenplan - abhängig vom Anstieg der Fallzahlen. Beratungen der Schulbehörden mit Lehrern und Schulleitern – Fehlanzeige. Dass keinerlei Tests für die Schüler selbst vorgesehen sind, ist völlig inakzeptabel! Die Tests müssen in den Schulen und Kitas während der Arbeitszeit durch den öffentlichen Gesundheitsdienst durchgeführt werden, der dafür massiv verstärkt werden muss!

 

Dringend notwendige Maßnahmen des Gesundheitsschutzes, wie sie im Corona-Sofortprogramm von MLPD und REBELL gefordert werden, müssen jetzt im Kampf gegen Staat und Monopole durchgesetzt werden – auch eine gezielte systematische Ausweitung der Testung aller Bevölkerungsgruppen. So lässt sich die zweite Welle noch verhindern – sonst wird sie gesetzmäßig kommen!