Interview

Interview

"Wir kämpfen für ein souveränes, freies und demokratisches Belutschistan"

Mumtaz Baloch, Vertreter der Bewegung für ein freies Belutschistan, gab kürzlich einem Korrespondenten das folgende Interview. Wir freuen uns sehr über den Gastbeitrag aus dieser Region und hoffen, die Stimme aus Belutschistan bald in der ICOR oder der internationalen antiimperialistischen Einheitsfront begrüßen zu können.

Von einem Korrespondenten
"Wir kämpfen für ein souveränes, freies und demokratisches Belutschistan"
Verteilung von Essenspaketen in der iranischen Provinz Sistan und Belutschistan (Foto: Mehran Riazi)

Rote Fahne: Wie entwickelt sich der Widerstand in Belutschistan?


Mumtaz Baloch: Besonders seit der Jahrtausendwende haben die Bemühungen um ein demokratisches und unabhängiges Belutschistan wieder zugenommen. Sowohl im Iran als auch in Pakistan gibt es eine weitreichende Unterdrückung der Belutschen. In den letzten Jahrzehnten hat es in Belutschistan/Pakistan mehrere große Aufstände gegeben, die alle von der Regierung in Islamabad brutal niedergeschlagen wurden. Die Bewegung für ein freies und demokratisches Belutschistan wird sowohl in Pakistan als auch im Iran vom Regime unterdrückt. Viele Rebellen sind getötet worden. Die beliebteste Methode der pakistanischen Machthaber ist es, Menschen einfach verschwinden zu lassen. Tausende von Leichen mit Folterspuren wurden in Belutschistan abgeladen, und später wurden sie von den Menschen als vermisste Personen identifiziert, als Menschen, die von der pakistanischen Armee zwangsverschleppt wurden. Einigen Schätzungen zufolge werden 21.000 Menschen vermisst.

Grafik: Furfur
Grafik: Furfur

Siedlungsgebiete verschiedener Völker und Ethnien in der Region:

  • Rosa: Belutschen
  • Grün: Paschtunen
  • Braun: Punjabi
  • Gelb: Sindhi

Rote Fahne: Wie ist die Lage der Menschen in Belutschistan?

Mumtaz Baloch: Die Region Belutschistan1 ist reich an Mineralien und hat auch eine sehr wichtige strategische Position. Geopolitisch spielt das Gebiet eine wichtige Rolle in verschiedenen Handelsrouten. Die Region hat ein sehr gutes Klima für den Anbau. Obwohl die Region reich an natürlichen Ressourcen ist, gehört die Bevölkerung zu den ärmsten in Pakistan. Es mangelt an einer stabilen Infrastruktur sowie an Stromversorgung und sauberem Trinkwasser. Achtundachtzig Prozent der Belutschen leben unterhalb der Armutsgrenze. Die Bodenschätze werden von der pakistanischen Zentralregierung und chinesischen Unternehmen wie in der Goldmine in Rekodiq und Saindak ausgebeutet.

Rote Fahne: Was sind die Ziele Ihrer Organisation beziehungsweise Bewegung?

Mumtaz Baloch: Wir treten für ein souveränes, freies und demokratisches Belutschistan ein. Wir haben die "Charta zur Befreiung Belutschistans" entwickelt, die unter dem Slogan "Freiheit - Demokratie - Gerechtigkeit" steht.

Rote Fahne: Wie ist die Situation für die Menschen in Belutschistan angesichts der Corona-Pandemie?


Mumtaz Baloch: Nach dem derzeitigen Stand der Dinge gibt es insgesamt 11.774 aktive Fälle des Coronavirus im pakistanisch besetzten Belutschistan. Bislang gab es 136 Todesfälle durch das Virus, aber wir betrachten nicht die Zahlen mit infizierten Menschen, weil es in ganz Belutschistan, das 347.190 Quadratkilometer Land umfasst, nur eine Stadt (Quetta) gibt, in der Tests durchgeführt werden können. In anderen Gebieten gibt es keine Testeinrichtungen. Wenn es überhaupt positive Fälle gibt, gibt es keine Möglichkeiten, sie zu finden. Es gibt keine grundlegende medizinische Infrastruktur, um Infizierte zu identifizieren, und dies könnte die Chancen erhöhen, das Virus unter den Belutschen zu verbreiten.

Rote Fahne: Wie ist die medizinische Situation?

Mumtaz Baloch: Es gibt 28 öffentliche Gesundheitskrankenhäuser, 550 Basisgesundheitsstationen und 90 Kinder- und Entbindungskliniken, was für eine Bevölkerung von etwa 15 bis 18 Millionen Menschen selbst ohne einen solchen Notfall von COVID-19 nicht ausreicht. In allen Krankenhäusern gibt es 3.415 Betten für mehr als eine Million Menschen, das heißt ein Bett für 2.354 Menschen. Auch die Situation mit Beatmungsgeräten und Intensivstationen ist für die Menschen im besetzten Belutschistan ein Alptraum. In Belutschistan haben alle staatlichen Krankenhäuser zusammengenommen nur 49 Beatmungsgeräte und alle befinden sich in Quetta.

Rote Fahne: Gibt es Ausgangssperren, Versammlungsverbote und wie reagieren die Menschen auf die Situation?

Mumtaz Baloch: Im besetzten Belutschistan gab es anfangs eine halbe Abriegelung, wobei Schulen geschlossen und andere Geschäfte etwa drei Stunden pro Tag geöffnet waren. Man sagt: "Wenn wir nicht alle Schutzmaßnahmen einhalten, könnte wir uns mit COVID-19 anstecken, aber wenn wir nur zu Hause sitzen, werden wir auf jeden Fall verhungern. Das Virus hat auch enorme wirtschaftliche Auswirkungen auf die Menschen. Denn die meisten Menschen sind Tagelöhner. Wenn sie einen Tag lang nicht arbeiten, werden sie nicht bezahlt und können es sich nicht leisten, zu essen oder ihre Kinder zu ernähren.

 

Rote Fahne: Vielen Dank für das Interview!