Neue Strategie von Daimler/Mercedes-Benz

Neue Strategie von Daimler/Mercedes-Benz

Ein Generalangriff auf die Arbeiter, Angestellten, ihre Familien und die natürliche Umwelt

Am Dienstag, 6. Oktober 2020, stellte der Daimler-Vorstand bei einer virtuellen Investoren- und Analystenkonferenz die „neue Mercedes-Benz-Strategie“ vor.

Von Peter Weispfenning
Ein Generalangriff auf die Arbeiter, Angestellten, ihre Familien und die natürliche Umwelt
Der Daimler-Vorstand fährt eine aggressive Strategie im Kampf um die Weltmarktführerschaft (foto: Marri Blume (CC BY-SA 4.0))

Es geht um eine äußerst aggressive Strategie im Kampf um die Weltmarktführerschaft in der E-Mobilität und Digitalisierung im Luxussegment der PKW, mit dem ausdrücklichen Ziel der strikten Konzentration auf die Erhöhung des Maximalprofits. Und zwar mittels eines Generalangriffs auf die Arbeiterklasse und ihre Familien, aber auch zu Lasten der natürlichen Umwelt.

Drastische Steigerung des Maximalprofits und drastische Erhöhung der Profitrate

In einem „starken Marktumfeld“ soll die Umsatzrendite künftig „zweistellig“ sein. Auch „bei ungünstigen Bedingungen“ soll sie „im mittleren bis hohen einstelligen Prozent-Bereich“ liegen, so Daimler-Chef Ola Källenius am 6. Oktober. Selbst unter der Bedingung der Weltwirtschafts- und finanzkrise und der Strukturkrisen mit der Umstellung auf E-Mobilität und der Einführung der internetbasierten Digitalisierung sollen – koste es was es wolle – die Maximalprofite garantiert werden.

 

Daimler war im internationalen Konkurrenzkampf im Autobereich zurückgefallen. In den letzten Jahren sank die offiziell ausgewiesene Umsatzrendite von Daimler Cars von 9,4 Prozent 2017 auf 7,8 Prozent 2018 und auf nur 3,6 Prozent 2019. Daimler will die anderen Automonopole erheblich überholen. Vor allem bei Audi und BMW als Konkurrenten im Luxussegment liegt die Profitrate erheblich höher. Das Handelsblatt gab als „operative Marge“ bei BMW im ersten Quartal 2020 5,9 Prozent, bei Daimler 1,7 Prozent an.¹

Strikte Konzentration auf die hochpreisigen Produkte

Strikte Konzentration auf die hochpreisigen Produkte, die für Daimler höchsten Maximal-Profit versprechen („strategische Neuausrichtung zielt auf einen Ausbau der Luxus-Positionierung“/Pressemitteilung; „Marge geht vor Menge“ - Källenius). Volle Konzentration auf das Luxussegment, Abkehr von Zetsches Strategie der Erweiterung der Produktvarianten im Kompaktsegment. Aus dieser Strategieänderung folgt aber auch die Schließung ganzer Produktreihen und -linien. Die Wirtschaftswoche mahnte am 6. Oktober: „Gerät Daimler in die Luxusfalle?“ Denn der drastische Ausbau von E-Mobilität bei gleichzeitig sinkenden Investitionen und geringerem Gesamtabsatz an Pkw und dabei die Umsatzrendite steigern wollen ist ein sehr fragwürdiges Konzept.

Weltmarktführung angestrebt

Angestrebt wird offen die Weltmarktführerschaft im Bereich der E-Mobilität und der Digitalisierung („Wir streben bei Mercedes-Benz nichts weniger als die Führung im Bereich der Elektromobilität und Digitalisierung … an“; Daimler-Entwicklungsvorstand Markus Schäfer). Bis 2030 soll die Zahl der Varianten von Verbrennungsmotoren um 70 Prozent radikal gekürzt werden. So will Daimler trotz der nötigen Investitionen in E-Mobilität und Digitalisierung die Forschungs- und Entwicklungsleistung bis 2025 um 20 Prozent senken. Entsprechend trifft der Generalangriff von Daimler auch den Ingenieurs- und Technikerbereich.

Massive Arbeitsplatzvernichtung

In Untertürkheim und Berlin sollen mindestens 5000 Arbeitsplätze vernichtet werden, davon mindestens 4000 in Untertürkheim (von jetzt 19.000). Die Produktion von Verbrennungsmotoren wird ins Ausland verlagert bzw. teils in Kölleda konzentriert. Hier soll zunächst weiter Maximalprofit erwirtschaftet werden, was auch zeigt, dass es nicht um Umweltschutzmaßnahmen des Daimler-Vorstands geht. Das wird besonders daran deutlich, dass Daimler mit der Konzentration auf Luxusautos und Geländewagen besonders die Segmente ausweitet, die einen höheren Verbrauch haben. Solange Strom zu einem großen Teil aus fossilen Energien stammt, treibt das auch die Klimaerwärmung voran. Daimler reduziert sein angebliches Umweltschutzprogramm auf die Frage des CO2-Ausstoßes der Pkw; dass aber für Batterien gigantische Mengen an Rohstoffen benötigt werden, die unter für Mensch und Natur katastrophalen Umständen gewonnen werden, blendet der Konzern einfach aus.

Kampf um Technologieführerschaft und neue Quellen für Maximalprofit in der Softwaresteuerung der Pkw

Daimler will allein durch seine digitalen Dienste einen operativen Gewinn von einer Milliarde Euro bis 2025 machen. Eine eigene Softwareplattform wird ausgebaut, um die sogenannten „vernetzten Fahrzeuge der Zukunft“ zu kontrollieren. Mit Google oder Apple soll nur punktuell kooperiert und auch hier verstärkt auf Konkurrenz gesetzt werden, gegebenenfalls im Zusammenwirken mit anderen Autokonzernen.

Drastische Steigerung der Ausbeutung, massenhafte Arbeitsplatzvernichtung und Werksschließungen, um die Maximalprofitziele zu erreichen.

Bis 2025 will Daimler 20 Prozent angeblicher „Fixkosten“ durch Kapazitätsanpassung und „Senkung der Personalkosten“ einsparen. Der Begriff „Personalkosten“ ist allerdings ein bürgerlicher Kampfbegriff. Pro Beschäftigtem im Daimler-Konzern werden im Jahr 575.666 Euro umgesetzt! Kapazitätsanpassungen bedeuten im Klartext: Stilllegung von Linien bis hin zu ganzen Werken. „Senkung der Personalkosten“ bedeutet: Massenhafte Arbeitsplatzvernichtung, aber auch Angriffe auf Löhne, übertarifliche Leistungen, verstärkte Flexibilisierung der Arbeitszeit, neue Schichtmodelle usw. Das betrifft sämtliche Daimler-Arbeiter. Das Manager-Magazin geht von mindestens 30.000 Arbeitsplätzen aus, die vernichtet werden sollen.²

 

Verstärkter Druck auf die Zulieferer, die jetzt schon besonders von der Krise betroffen sind. So soll jährlich ein Prozent der sogenannten variablen Kosten gesenkt werden, insbesondere auch Materialkosten.

"Kulturwandel" = Offenere Angriffe auf die Arbeiterklasse

Zur Strategieänderung gehört auch ein „Kulturwandel“ (Harald Wilhelm/Finanzchef). Dazu gehören auch offenere Angriffe auf die Arbeiterklasse. So wurde der Wechsel von Zetsche zu Källenius auch damit begründet, dass die Klassenzusammenarbeitspolitik in der bisherigen Form für die künftigen Daimler-Ziele nicht ausreicht: „Zetsche habe nicht mehr den Willen gehabt, sich mit der IG Metall anzulegen, um das Unternehmen effizienter zu machen.“³ Mit dem Übergang zu diesem Generalangriff auf die Arbeiter und Angestellten und ihre Familien, aber auch einen fortgesetzten Raubbau an der Natur, scheiterte auch die reformistische Klassenzusammenarbeitspolitik offen.

Strukturkrise der E-Mobilität wird in den nächsten Jahren ausreifen

Die provokativen Angriffe sind eine Reaktion auf eine Kulmination der Wechselwirkung von sich vertiefender Weltwirtschafts- und finanzkrise und Strukturkrise zur Umstellung auf E-Mobilität und Digitalisierung. Die weltweite Autoproduktion ging schon von 2017 mit 72,8 Millionen auf 71,5 Millionen im Jahr 2018 zurück und brach 2019 auf 67,1 Millionen ein.

 

Wurden bei Mercedes-Benz Cars 2017 noch 2.411.378 Autos produziert, waren es 2018 2.398.270 und 2019 2.397.673 Pkw. Im dritten Quartal 2020 konnte Daimler den Pkw-Absatz leicht steigern und verkaufte 613.777, knapp 4 Prozent mehr als im Vorjahresquartal, vor allem wegen wachsender Nachfrage aus China. Insgesamt liegt die Produktion aber gegenüber dem Jahressoll immer noch im zweistelligen Minusbereich. In vielen Ländern werden ab 2025 ausgehend von China Quoten für E-Autos kommen. Das heißt, dass man davon ausgehen muss, dass die Strukturkrise der E-Mobilität in den nächsten Jahren ausreifen wird.

 

Ob die Strategie von Daimler aufgeht, ist eine ganz andere Frage. Das hängt in erster Linie vom Kampf der Arbeiter und Angestellten und der Solidarität damit ab.