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Konsequenter Gesundheitsschutz muss Vorrang haben

Während immer mehr Städte und Kreise, inzwischen das ganze Ruhrgebiet, zum Corona-Hotspot erklärt werden, sind scheinbar davon nur Fleisch-Betriebe betroffen. Die "Rote Fahne Redaktion" sprach mit Kolleginnen und Kollegen verschiedener Automobilbetriebe.

Von gp
Konsequenter Gesundheitsschutz muss Vorrang haben
"Unsere Gesundheit ist wichtiger als eure Profite" (Grafik: Internationalistisches Bündnis)

Übereinstimmend berichten die Kolleginnen und Kollegen, dass die Zahl der bekanntgewordenen Corona-Fälle steigend ist. Allerdings bewegen sich die bekannt gewordenen Fälle noch auf einem niedrigen Niveau. „Das hat allerdings vor allem mit der Disziplin der Arbeiter zu tun, die die Gesundheitsschutzmaßnahmen konsequent untereinander durchsetzen." „Ich habe den Eindruck, dass vieles verschwiegen und die ganze Entwicklung kleingeredet wird. Die wollen unter allen Umständen die Produktion aufrechterhalten.“ Eine besondere Rolle spielen dabei offensichtlich Werksärzte, die vor allem unter dieser Maxime handeln: „Tritt ein Corona-Fall auf, kommen die Werksärzte vor Ort und schauen sich alles an. So kam es dann vor, dass ein Kollege, obwohl er positiv getestet war, weiter arbeiten sollte, weil er angeblich einen Einzelarbeitsplatz hat."

 

Und ein anderer Kollege berichtet: „Bei uns hat die Personalabteilung eine Stunde mit einer Arbeitsgruppe diskutiert, um sie zu überzeugen, sich nicht testen zu lassen und weiterzuarbeiten, obwohl ein Kollege der Gruppe positiv getestet worden ist! 'Wir können doch nicht die Fabrik still legen', war das Argument.“ Über das Maskentragen erzählt ein Kollege von VW: „Sobald du durch das Drehkreuz bist, sollst du auf dem ganzen Werk Maske tragen, was sinnvoll ist. Am Arbeitsplatz gibt es 'grüne' Arbeitsplätze, wo du dann keine Maske tragen musst. Bei den roten Arbeitsplätzen ist Maskenpflicht, weil die Kolleginnen und Kollegen den Abstand nicht einhalten können. Das kannst du aber gar nicht durchhalten. Denn inzwischen wurde die Bandgeschwindigkeit wieder voll hochgefahren, anders als bei der Wiederanfahrphase im Frühsommer. Auch gibt es keine zusätzlichen Arbeitskräfte mehr. Das führt dazu, dass z. T. sehr halbherzig mit den Masken umgegangen wird, viele Kollegen z. B. die Nase nicht bedecken. Das wird alles von den Meistern toleriert, die unter allem Umständen eine Auseinandersetzung um die Hygienemaßnahmen verhindern wollen, die dann zu Forderungen der Kollegen bis hin zu Stillständen kommen könnten. Das führt aber dazu, dass ein Teil der Kolleginnen und Kollegen die Schutzmaßnahmen insgesamt infrage stellt. Statt die Schutzmaßnahmen zu lockern und damit uns und unsere Familien zu gefährden, sollten wir besser gemeinsame Forderungen aufstellen.“

 

In allen Betrieben wurden inzwischen auch wieder die Pausen zwischen den Schichten - damit sich die Kollegen verschiedener Schicht sich nicht begegnen – wieder abgeschafft. Ebenso wie die verlängerten Pausen zum Händewaschen. „Das führt dazu,“ empört sich eine Kollegin, „dass wir in der kurzen Pause Schlange stehen müssen, um unsere Hände zu waschen. Oft ist auch das Desinfektionsmittel aus und niemand hat Zeit, nach der Pause die Tische zu desinfizieren!“

 

Die Betriebe werden eindeutig völlig von den nötigen Schutzmaßnahmen gegen Corona ausgespart. Offensichtlich interessiert der Schutz der Belegschaften die Konzernvorstände der Monopole Null. Hauptsache der Laden läuft und die Jagd nach Höchstprofiten geht munter weiter. Das ist menschenverachtend gegenüber den Arbeiterinnen und Arbeitern und so typisch für das kapitalistische Ausbeutersystem.

 

Ein Kollege regt sich berechtigt darüber auf, dass es unterschiedliche Maßstäbe gibt. So mussten seine Kinder von der Schule zu Hause bleiben, weil ihr Lehrer positiv auf Corona getestet wurde. „Warum gelten bei uns im Betrieb nicht dieselben Maßstäbe?“

 

Viel Ärger gibt es auch an der unterschiedlichen Behandlung innerhalb der Belegschaft. „Ein ganzer Teil der Angestellten wird aufgefordert bzw. hat die Möglichkeit, ins Homeoffice zu gehen und damit sich und ihre Familien vor Ansteckungen zu schützen. Bei uns in der Produktion ist das natürlich nicht möglich. Ich kann ja zu Hause kein Auto montieren. Aber bei uns müsste der Gesundheitsschutz so verbessert werden, dass die Abstände dauerhaft stimmen etc."

 

Über eine besondere Maßnahme berichtet ein Kollege von VW Hannover: „Während die Umsetzung notwendiger Gesundheitsmaßnahmen in der Produktion mehr oder weniger lasch gehandhabt und kontrolliert wird, behindert der Personalvorstand die Vertrauensleutearbeit. Mit der Begründung steigender Infektionszahlen will er die Zahl der Vertrauensleute bei der Sitzung von 30 auf 15 senken, obwohl der Raum ausreichen Platz hat, um auch den notwendigen Abstand einzuhalten.“

 

Damit wird Corona missbraucht, um die gewerkschaftliche Arbeit einzuschränken. Das kann nicht hingenommen werden! Übrigens ist kein einziger Fall bekannt, wo ein Gesundheitsamt oder ein Ordnungsamt die Einhaltung der Gesundheitsvorschriften vor Ort kontrolliert hat!

 

Es ist ganz offensichtlich, dass die Konzerne unter allen Umständen die Produktion aufrecht erhalten wollen. Ein Kollege wundert sich: „Die müssten doch ein Interesse daran haben, dass möglichst viel getestet wird. Aber wahrscheinlich haben sie Angst, dass dann die tatsächliche Anzahl von Infizierten bekannt wird und sie gezwungen sind, ganze Abteilungen oder Werksteile zu schließen.“

 

Im Gespräch mit den Kolleginnen und Kollegen wird deutlich, dass auch sie kein Interesse an einem Produktionsstillstand haben. „Damit es aber nicht so weit kommt, muss der höchstmögliche Gesundheitsschutz in den Betrieben durchgekämpft werden! So wie jetzt, kann es nicht weiter gehen!“

Die Kolleginnen und Kollegen schlagen deshalb vor, in allen Betrieben folgende Forderungen zu diskutieren und durchzusetzen:

  • Unsere Gesundheit und die unserer Familien ist wichtiger als Stückzahlen! Deshalb fordern wir:
  • Entkoppelung der Schichten auf Kosten der Unternehmen!
  • Verlängerung der Pausen, genügend Zeit zum Händewaschen und Desinfizieren!
  • Regelmäßiges Lüften der Pausenräume bzw. Installation von entsprechenden Entlüftungsgeräten!
  • Herabsetzung der Taktzeiten!
  • Testung aller Kolleginnen und Kollegen, die mit einem Infizierten in Kontakt waren!
  • Notwendiger Gesundheitsschutz ja – Einschränkung der gewerkschaftlichen Arbeit mit dem Vorwand Corona – Nein!
  • Anstatt Entlassungen wegen Maximalprofiten durchzuziehen, müssen endlich mehr Arbeiterinnen und Arbeiter eingestellt werden!

 

Rote Fahne News ist interessiert an Berichten über Auseinandersetzungen und Erfahrungen in den Betrieben bei der Durchsetzung notwendiger Gesundheitsmaßnahmen gegenüber den Vorgesetzten und Werksleitungen. Bitte schreibt uns dazu, liebe Leserinnen und Leser!