Katholische Kirche

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Das Ausmaß an sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen wird systematisch vertuscht

Erst vor wenigen Tagen wurde in der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ aufgedeckt, dass der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki und der Hamburger Erzbischof Stefan Heße tief in die Vertuschung von Fällen sexualisierter Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Köln verstrickt sind.

Von hkg / ffz
Das Ausmaß an sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen wird systematisch vertuscht
© Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Dabei ist besonders interessant, dass Woelki ja gerade öffentlich als Aufklärer und "Ausmister" angetreten war. Jetzt versucht er offensichtlich ein Gutachten der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW), in dem schwere Vorwürfe gegen das Bistum Aachen (ist Teil des Erzbistums Köln) im Umgang mit sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche erhoben werden, durch die Hintertür aus dem Verkehr zu ziehen. So lässt er seinen Genralvikar Markus Hofmann dieses Gutachten öffentlich als presserechtlich mangelhaft und in seiner ganzen Methodik unbrauchbar bezeichnen.

 

Das Pikante: Auf Grundlage diese Gutachtens hat Woelki noch im Frühjahr 2019 Heße, der in den Jahren 2010 und 2011 in Köln die Hauptabteilung Personal-Seelsorge geleitet hatte, vorgeworfen, sich "in mehrerer Hinsicht rechtswidrig" verhalten zu haben. Konkret ging es um den Fall eines Geistlichen, der beschuldigt worden war, sexuelle Gewalt an Kindern ausgeübt zu haben. Heße habe nicht nur auf die Einleitung eines kirchlichen Strafverfahrens verzichtet, sondern - diesen auch wieder an seine frühere Wirkungsstätte eingesetz, ohne, wie die Leitlinien des Erzbistums Köln zwingend vorschreiben, ein psychiatrisches Gutachten erstellen zu lassen. Heße bestreitet, sich inkorrekt verhalten zu haben.

 

Jetzt übte wiederum Woelki Druck auf den Betroffenenbeirat des Bistums Köln aus, dass das Gutachten aus München wegen "angeblich methodischer Mängel" nicht veröffentlicht werden solle. Das Gremium stimmte zwar zu, aber verschiedene Mitglieder empörten sich über die Überrumpelung und über den Druck durch Woelki. Andere wollen sich aus Protest über das Vorgehen aus dem Beirat zurückziehen. Währenddessen hatte Woelki bereits Mitte September ein Gegengutachten in Auftrag gegeben.

 

Offensichtlich hat Woelki also entgegen den Ankündigungen bei seinem Antritt eine Kehrtwendung durchgeführt und versucht jetzt ehemalige Untergebene aus der Schusslinie zu nehmen.¹

 

Aber nicht nur in Deutschland gibt es solche Fälle der Vertuschung. Der polnische Kardinal Stanislaw Dziwisz, enger Vertrauter des ehemaligen Papstes Johannes Paul II. aus Polen, steht im Verdacht, „von Missbrauchsfällen durch den Gründer der 'Legionäre Christi', Marcial Maciel Degollado, und dem früheren US-Kardinal Theodore McCarrick gewusst und beide dennoch gestützt“² zu haben.

 

Die Auseinandersetzung um die Aufdeckung von sexualisierter Gewalt an Minderjährigen in der katholischen Kirche hält schon Jahre an. Nach offiziellen Angaben einer von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebenen und im September 2018 veröffentlichten Studie „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ wurden 38.156 Personalakten aus den 27 deutschen Bistümern für die Zeit zwischen 1946 und 2014 ausgewertet. Die darin ermittelten 3.677 Betroffenen³ geben bei weitem nicht die tatsächliche Zahl an, da sich viele Betroffene gar nicht melden.

 

Der Begriff „sexueller Missbrauch“ wird häufig für diese Taten verwendet. Er ist aber verharmlosend, da er die Folgen nicht berücksichtigt, die Tat als Fehler hinstellt. Deshalb ist der Begriff „sexuelle Gewalt“ der richtigere Begriff. Die Betroffenen sind traumatisiert für ihr ganzes Leben. Eine juristische Bestrafung der Täter ist dringend notwendig und ein Teil der Aufarbeitung. Richtig ist auch eine angemessene Entschädigung, auch wenn dadurch die Traumatisierung nicht beseitigt werden kann.

 

Sexuelle Gewalt an Minderjährigen gibt es in der Kirche schon seit Jahrhunderten. Nach außen hin durch das Zölibat sich keusch gebende Priester oder sogar kirchliche Würdenträger vergreifen sich an den Ministranten oder den Chorknaben. Von Priestern heimlich gezeugte Kinder werden zur Vertuschung des „sexuellen Seitensprungs“, des Verstoßes gegen das Zölibat, von der Kirche ausgehalten.

 

Diese Doppelmoral der Kirche zeigt sich auch in der „großen Politik“: Von der Kanzel wird „Frieden auf Erden“ gepredigt. Bei den Truppen in fremden Ländern werden die Waffen gesegnet. Immer mehr Nichtgläubige, aber auch Christen entwickeln Kritik an der Kirche.

 

Für die Regierungen ist eine solche Kirche von unschätzbarem Wert. Denn sie hat die Aufgabe, allen gläubigen Christen die Entscheidungen der Regierung als von Gott vorgegeben zu vermitteln.

 

Die Kritik vieler Christen und Nichtchristen an der Amtskirche wächst. So wird die katholische Kirche in Polen vor allem von der Jugend zunehmend abgelehnt. Auch die dortige Massenbewegung gegen die Verschärfung des Abtreibungsrechts nimmt die Kirche ins Visier, die streng am reaktionären Abtreibungsverbot festhält.Notwendig ist ein besonderer Schutz von Kindern und Jugendlichen gegen Gewalt und sexuelle Gewalt! Aber auch die Kritik an der bürgerlichen Doppelmoral.