Südafrika

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Wem dient die Versöhnung mit der Apartheid und ihrer Geschichte?

Während unseres Brigadeeinsatzes für die Internationale Automobilarbeiterkonferenz in diesem Jahr in Südafrika besuchten wir auch die Hauptstadt Pretoria. Schon dieser Name bezieht sich auf die Kolonisierung der Kap-Region durch holländische Kolonialisten im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert. Namensgeber der Hauptstadt war Andries Pretorius, ein burischer Politiker mit niederländischer Herkunft.

Von Korrespondenz
Wem dient die Versöhnung mit der Apartheid und ihrer Geschichte?
Ein Ausschnitt aus dem Innernen des Voortrekker-Denkmals (foto: Katangais (CC BY-SA 3.0))

Hoch über der Stadt thront – von weither sichtbar – ein Monument von riesigen Dimensionen: Das Vortrekker-Monument. Dieser massive Granitbau wurde im Jahr 1937 begonnen und 1949 eröffnet. Das geschah in direktem Zusammenhang mit der offiziellen Installierung der faschistischen Apartheid-Politik nach dem Wahlsieg der Nationalen Partei im Jahr 1948. Nicht umsonst sympathisierte diese Partei in den 1940er-Jahren mit dem Hitler-Faschismus.

 

So ist es kein Wunder, dass dieser Monumentalbau in fataler Weise an die gigantische Architektur des Hitler-Faschismus in Deutschland erinnert, sowohl äußerlich wie auch im Innern. Überdimensionale Darstellungen der weißen Buren-Führer präsentieren sich an den Treppen-Aufgängen. Innen präsentieren sich schier endlose Reihen von Gemälden und Ausstellungsvitrinen mit Darstellungen aus der Zeit des „Großen Treck“. Bis in die Farben, in den Gesichtsausdruck hinein verklärende Zeichnungen von heroisch wirkenden Siedlern triefen von den Wänden. Ganz im Stil der faschistischen „Blut und Boden“-Ideologie wird der Eindruck verbreitet, als hätten die weißen friedfertigen Buren das Land urbar gemacht – gestört einzig durch die „unzivilisierten Zulus“, die dort seit Jahrhunderten Jahren lebenden Ureinwohner.

 

Tatsächlich aber war dieser Marsch der Vortrekker (= Siedler) in den Jahren 1835 bis 1840 nichts anderes als die Flucht der niederländischen Buren aus dem südlichsten Teil Afrikas. Inzwischen hatte der englische Imperialismus Südafrika für sich entdeckt und die Buren in mehreren Raub-Kriegen geschlagen. Sie flüchteten dann nordwärts, um neues Land auf Kosten der Zulus an sich zu reißen und diese zu unterdrücken. Der Widerstand der Zulus mündete in die „Schlacht am Bloody River“ am 16. Dezember 1838, in der die Buren unter Führung des oben genannten Andries Pretorius Tausende Zulus mit ihrer Übermacht an Waffen töteten.

 

Dieser 16. Dezember ging in verschiedener Hinsicht in die Geschichte Südafrikas ein. Einerseits wurde das Vortrekker-Monument bewusst an einem 16. Dezember eröffnet, um der Apartheid-Politik und der (scheinbaren) Überlegenheit der Weißen nachhaltigen Ausdruck zu verleihen. Bis zum Jahr 1994 war dieser Tag als „Gelübdetag“ staatlicher Feiertag,um den Sieg der Buren zu verherrlichen. Andererseits nahm der seinerzeit noch kämpferische antiimperialistische African National Congress (ANC) mit Nelson Mandela an der Spitze am 16. Dezember 1961 den bewaffneten Kampf gegen die faschistische Herrschaft auf. Das war die Schlussfolgern u. a. aus dem Massaker vom 21. März 1960 in Sharpeville, bei dem 69 Schwarze, insbesondere Jugendliche, erschossen wurden.

 

Diese Einsicht in die fortschrittliche Rolle der Gewalt zur Befreiung von Ausbeutung und Unterdrückung wurde unter dem zunehmenden revisionistischen Einfluss des sowjetischen Sozialimperialismus auf die ANC-Führung schleichend zersetzt und durch die Vorstellung von einer friedlichen Überwindung der Unterdrückung verdrängt. So erfuhr der 16. Dezember erneut eine Umdeutung: Nachdem Nelson Mandela im Jahr 1994 Präsident von Südafrika wurde, wurde dieser „Feiertag“ nicht etwa abgeschafft. Im Sinne der inzwischen vorherrschend gewordenen revisionistischen Versöhnungsideologie wurde dieser Tag als „Tag der Versöhnung“ neu bestimmt. Das steht für eine Politik, die Verantwortlichen für die Apartheid-Politik im Sinne der „Versöhnung“ vollständig aus der Verantwortung zu entlassen und auf jede strafrechtliche Verfolgung zu verzichten. Letztlich dient es der Rechtfertigung für den nahtlosen Übergang der ANC-Führung zum tragenden Teil der herrschenden Klasse und zum Betrug der Massen. Ganz auf dieser Linie findet sich in dem Vortrekker-Monument nicht ein einziger kritischer Hinweis auf die Entstehungsgeschichte dieses Bauwerks, gerade so, als wäre es ein „klassenneutrales“ Erinnerungsstück an die Vergangenheit in Südafrika. Umso wichtiger ist es, der wahren Geschichte zum Durchbruch zu verhelfen.