Corona-Pandemie
Ein einziges Desaster: Produktion und Verteilung der Covid-19-Impfstoffe
Der von EU und deutscher Bundesregierung vollmundig angekündigte Impfstart gegen Covid-19 war mit hohen Erwartungen der Menschen verbunden. Endlich die ersehnten Massenimpfungen, endlich Gesundheitsschutz für Millionen, endlich Schluss mit bangem Warten, mit Schulschließungen und Zerreißproben für Familien, mit ruinösen Maßnahmen für Kulturschaffende und kleine Gewerbetreibende.
Aber es knirscht gewaltig im Impfgebälk. Nur 1,7 pro 100 Einwohner werden derzeit in Deutschland durchschnittlich geeimpft. In Israel liegt diese Kennzahl bei 38, in Großbritannien bei 8 und in den USA bei 5,3. Der ganze afrikanische Kontinent und viele ärmere Länder auf der Welt bekommen gar keine Impfdosen. Es gibt insgesamt entschieden zu wenig Impfstoff. Die Pharmakonzerne haben ihre Produktionskapazitäten erst aufgebaut, als ersichtlich wurde, dass der Impfstoff wirkt und dass Profite winken. Um die Mangelware gibt es jetzt ein heilloses Gezerre zwischen den verschiedenen Staaten und imperialistischen Blöcken, und um den Maximalprofit aus der Impfstoffproduktion zwischen den Pharmamonopolen und den Regierungen der Länder, in denen sie ihrenSitz haben.
Astra Zeneca - das Enfant terrible unter den Pharmakonzernen?
Der Pharmakonzern Astra Zeneca, der seine Lieferversprechen an die EU nicht einhält und deswegen in der Kritik steht, produziert einen Vektor-Impfstoff, der im Unterschied zu den neuen, auf Boten-RNA basierenden Impfstoffen von Biontech, Curevac und Moderna mit einer erprobten Technologie arbeitet. Schon Ende April 2020 schloss der britisch-schwedische Konzern eine Vereinbarung mit dem Jenner-Institut der britischen Universität Oxford, um dessen Impfstoffkandidaten gegen das neue Coronavirus weltweit weiterzuentwickeln und zu vermarkten. Solcherlei Zusammenarbeit ist in der Pharma- und Biotechnologie üblich.
Aus den USA erhält Astra Zeneca die Zusage über eine kräftige staatliche Finanzspritze, Großbritannien sagt 70 Millionen Pfund zu. Im Juni schließt der Konzern mit der von Deutschland, den Niederlanden, Frankreich und Italien gegründeten inklusiven Impfallianz eine Liefervereinbarung von bis zu 400 Millionen Dosen, in die dann später die EU-Kommission einsteigt. "Astra Zeneca", so die Süddeutsche Zeitung vom 29. Januar 2021, "demonstriert fast lehrbuchhaft, wie ein großer Pharmakonzern arbeitet, der noch größer werden will: Er sucht sich Verbündete, leistet sich Übernahmen und macht ordentlich Tempo, um im besten Fall der Erste zu sein. 'The winner takes it all.' Wer als Erster mit einem neuen Produkt auf dem Markt ist, streicht die Gewinne ein – oder zumindest einen großen Teil. Beim Covid-Impfstoff hat das nicht ganz geklappt. Da war das Duo Biontech/Pfizer schneller. Fast beiläufig kündigte Astra Zeneca Mitte Dezember den Kauf der US-Biotechnologiefirma Alexion für fast 40 Milliarden Dollar an." 2019 lag Astra Zeneca in der Rangliste der Pharmakonzerne auf Platz 11.
Wenn man schon so schön Erscheinungsformen des staatsmonopolistischen Kapitalismus beschreibt, nach dessen Gesetzmäßigkeiten Astra Zeneca agiert, sollte man das Kind auch beim Namen nennen. "Entscheidende Triebkraft der monopolistischen Aktivitäten ist ... der Drang, eine weltmarktbeherrschende Stellung im internationalen Produktionsverbund zu erreichen. Anders können heute die für die Monopole ökonomisch notwendigen Maximalprofite nicht mehr erzielt werden". ("Götterdämmerung über der 'neuen Weltordnung'" von Stefan Engel, Seite 40).
Kampf um die Verteilung
Biontech/Pfizer, Moderna und AstraZeneca wollen 2021 5,3 Milliarden Impfdosen herstellen. Damit kann ein Drittel der 7,6 Milliarden Menschen der Erde geimpft werden. Johnson&Johnson/Janssen (USA) prüfen gerade ihren Vektorvirus-Impfstoff, das Gamaleya-Institut (Russland) hat Notzulassungen für seinen Vektorvirus-Impfstoff in Russland, Argentinien und Guinea. CanSino Biologics (China) hat eine Notzulassung für seinen Impfstoff, der ebenfalls auf einem Vektorvirus basiert, in China und prüft ihn in Brasilien. Die Impfstofe und die Impfungen sind ein Instrument im zwischenimperialistischen Konkurrenzkampf in der Weltwirtschafts- und Finanzkrise geworden. So konnte China gegenüber den USA wirtschaftlich aufholen, unter anderem deswegen, weil es dort gelang, die Pandemie schneller in den Griff zu bekommen.
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Die nationalistische Einkaufs- und Verteilungspolitik nimmt zum Teil groteske Züge an. Belgische Behörden inspizierten letzte Woche einen Produktionsstandort von Astra Zeneca, weil sie den Konzern verdächtigten, dass er heimlch Impfdosen in Länder außerhalb der EU exportiere - darunter Großbritannien - und die Lieferschwierigkeiten nur vortäusche. Laut den Verträgen hat der Konzern 336 Millionen Euro von der EU kassiert, von den 80 Millionen ursprünglich versprochenen Impfdosen jedoch nur 31 fest zugesagt. Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery: „Wenn der Impfstoff auf kontinentaleuropäischem Boden produziert wird, muss man dem Unternehmen verbieten, ihn außerhalb der EU auszuliefern“. Statt dafür zu sorgen, dass weltweit die Menschen Zugang zu den Impfungen haben, wird der Konkurrenzkampf mit sozialchauvinistischer Propaganda begleitet - auf Kosten der Gesundheit der breiten Massen!
WHO und Bill-Gates-Stiftung als Wohltäter der armen Länder?
Die ärmeren Länder der Welt gehen bisher leer aus. An der WHO-Initiative "Covax 19" nehmen 200 Staaten teil; auch die USA schloss sich nach der Regierungsbildung von Joe Biden an. Covax 19 will 2 Mrd. Impfdosen kaufen und davon sollen 1,3 Mrd. an ärmere Länder gehen. 16 führende Pharmakonzerne versichern, „Covax 19“ zu unterstützen und ihre Innovationen weltweit zu bezahlbaren Preisen anzubieten. Tatsächlich gibt es keinerlei verbindliche Festlegungen, genauso wenig wie bei den Klimaschutzvereinbarungen. Die Bill-Gates-Stiftung will angeblich für eine gerechte Verteilung des Impfstoffes an die gesamte Weltbevölkerung sorgen. Tatsächlich geht es ihr darum, den Einfluss des Imperialismus, voran des US-Imperialismus, in den neokolonial abhängigen Ländern zu erhalten und auszubauen.
Impfstoffproduktion muss hochgefahren werden
Dazu muss der Patentschutz aufgehoben werden, eine sofortige staatlich und international koordinierte Massenproduktion der besten Impfstoffe erfolgen. Treffend schreibt Monika Gärtner-Engel, Internationalismusverantwortliche der MLPD, in einem Leserbrief an die Frankfurter Rundschau: "Wir wären viel, viel weiter, wenn im Sinne des Nutzens für die Menschheit weltweit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Universitäten, der gesamte Gesundheitsbereich und "die Wirtschaft" gemeinschaftlich geforscht, erprobt, verbessert und die besten Konzepte verwirklicht hätten. Produktionsanlagen sind heutzutage so flexibel, dass immer wieder innerhalb kürzester Zeit auf neue Produkte umgestellt und diese massenhaft produziert werden. Warum nicht in diesem Fall?"