Freiheitsbegriff

Freiheitsbegriff

Kritik an Zersiedelung durch Eigenheime - Einschränkung von wessen "Freiheit"?

Ein Aufschrei der Empörung ging in den letzten Tagen durch sämtliche bürgerlichen Parteien, und ein reaktionärer Shitstorm prasselte auf Anton Hofreiter nieder, seines Zeichens Fraktionschef der Grünen im Bundestag.

Von dvp
Kritik an Zersiedelung durch Eigenheime - Einschränkung von wessen "Freiheit"?
Der Traum vom Eigenheim - auch ein Ergebnis des von den Monopolpolitikern massiv geförderten bürgerlichen Freiheitsbegriffs (foto: Andreas Koll (CC BY 2,5))

Das Zeter und Mordio richtete sich gegen ein „neues Feindbild“ der grünen „Verbotspartei“, die angeblich die „Freiheit von immer mehr Bürgern“ einschränke. CDU-Generalsekretär Paul Ziemak ereiferte sich: „Finger weg vom Traum junger Familien!“ CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt setzte noch eins oben drauf: „Dahinter steckt der ideologische Kampf von links-grün gegen das Eigentum.“

Hofreiter - der Eigenheim-Schreck?

Anton Hofreiter wagte es, am 1. Februar in einem Spiegel-Interview zartes Verständnis für die Entscheidung des Bezirksamtschefs von Hamburg-Nord, Michael Werner-Boelz, zu äußern, in neuen Baugebieten keine Einfamilienhäuser mehr auszuweisen. „Angesichts der dramatischen Wohnungsnot und der Tatsache, dass Boden endlich ist, hat Hamburg-Nord entschieden, Wohnraum für viele statt für wenige zu schaffen.“

 

Was soll daran falsch sein? Die zunehmende Überbauung und Versiegelung von Acker- und Grünflächen ist in der Tat ein wachsendes Problem und trägt zur mutwilligen Zerstörung der Einheit von Mensch und Natur bei. Natürliche Lebensräume und Ernährungsgrundlagen werden vernichtet. „Obwohl die Bevölkerung abnimmt, gehen nach Angaben von 'Ökosystem Erde' allein in Deutschland täglich etwa 120 Hektar wertvoller Ackerboden durch Bebauung verloren.“1

 

Und das bestimmt nicht in erster Linie durch den Bau von Sozialwohnungen. Nicht mal neun Prozent der 2019 neu gebauten Wohnungen sind Sozialwohnungen. Der größte Teil sind Einfamilienhäuser oder Anlagen mit teuren Eigentumswohnungen. 

 

So recht Hofreiter mit seiner Aussage zu Hamburg ausnahmsweise hatte, hört man kein Wort zur bisher weitgehend unkritischen Haltung der Grünen in dieser Frage. Und die hat handfeste materielle Gründe nicht nur in ihrem Werdegang zur Monopolpartei, sondern auch darin, dass die Grünen mittlerweile selbst zusammen mit CDU und FDP ein Hort kleinbürgerlicher Eigenheimbesitzer sind.

Eine Frage des Freiheitsbegriffs

Prompt fühlte sich der bau- und wohnungspolitische Sprecher der FDP, Daniel Frost, bemüßigt, das Thema auch antikommunistisch auszuschlachten: „Statt Bürgerinnen und Bürger in DDR-Plattenbauten zu pferchen, müssen wir endlich mehr Menschen den Weg ins Eigenheim ebnen.“

 

Damit das Feindbild stimmt, macht er freilich keinen Unterschied zwischen der fortschrittlichen Wohnungsbaupolitik in den antifaschistisch-demokratischen Anfangsjahren der DDR und der späteren bürokratisch-kapitalistischen Plattenbaupolitik. Auch mit solch antikommunistischer Stimmungsmache soll vor allem der kleinbürgerliche „Traum vom Eigenheim“ im Rahmen des heutigen kapitalistischen Systems als erstrebenswert erscheinen.

 

"Freiheit" ist demnach das egoistische und individualistische Ausleben eigener Träume und Wünsche auf Kosten anderer und der natürlichen Umwelt. Die Bedürfnisse der Masse der Werktätigen und derer, die von wachsender Armut in Deutschland und allen anderen Ländern der Welt - unter anderem angesichts der aktuellen Krise - betroffen sind, die meist überhaupt nicht in der Lage sind, sich Eigenheime zu kaufen, spielen dabei keine Rolle.

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Die großen Städte verzeichnen Zuzüge, bezahlbare Wohnungen sind knapp. Auf dem „Wohngipfel“ am 23. Februar rechnete sich Bauminister Horst Seehofer (CSU) die Wohnraumbilanz der Bundesregierung schön. Im vergangenen Jahr 2020 wurden 300.000 Wohnungen neu gebaut. „Der höchste Stand seit zwanzig Jahren“, so Seehofer. Aber die vielen Wohnungssuchenden ziehen sicherlich ein anderes Fazit.

 

Im Übrigen wissen diese bürgerlichen Politiker wenig über die Träume junger Familien. Gerade unter jungen Leuten nimmt die Sehnsucht nach einer befreiten Gesellschaft, einer lebenswerten Umwelt und dem Ende ihrer Ausbeutung zu. Natürlich muss sich der Kampf darum auch durchsetzen gegen Egoismus oder Illusionen in einen individuellen Ausweg, mit oder ohne Eigenheim.

Wirkliche Freiheit identisch mit Freiheit der ganzen Gesellschaft

Was wir brauchen, ist gesellschaftliche Verantwortung für den Erhalt unserer natürlichen Lebens- und Ernährungsgrundlagen und ausreichenden, umweltgerechten und preisgünstigen Wohnraum für alle. Den gilt es zu erhalten und zu schaffen!

 

Erst in einer sozialistischen Gesellschaft wird das umfassend möglich sein. Sie wird geleitet vom sozialistisch-kommunistischen Freiheitsbegriff in Übereinstimmung mit der objektiven Realität. Freiheit ist demnach die Einsicht in die Notwendigkeit. Die individuelle Freiheit der Werktätigen wird dann identisch mit der Freiheit der ganzen Gesellschaft von Ausbeutung und Unterdrückung. Aber auch der abgeschafften Freiheit der Kapitalisten und Imperialisten, die Natur zu zerstören und Kriege zu führen.

 

Der Kampf um den Sozialismus und Kommunismus setzt heute schon voraus, mit dem zersetzenden Einfluss des individualistischen und egoistischen Freiheitsbegriffs fertig zu werden. Darüber muss gesellschaftlich viel mehr diskutiert werden!

 

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