Vor 80 Jahren

Vor 80 Jahren

Februarstreik in den Niederlanden

Gestern vor 80 Jahren setzte die Arbeiterbewegung in den Niederlanden mit einer mutigen Aktion des Massenwiderstands gegen die faschistische deutsche Besatzungsmacht ein unvergessenes Signal.

Von einem Korrespondenten aus Köln

Im Kriegsjahr 1941 leiden die Niederländer schon fast ein Jahr unter der deutschen Besatzung. Außer der faschistischen NSB (National Socialistische Beweging) sind alle Parteien verboten, die niederländische Regierung sitzt im Exil in London und Repressalien gegen die Bevölkerung und hier vor allem gegen die jüdischen Niederländer nehmen ständig zu.

 

In der Folge kam es zu verschiedenen Widerstandshandlungen. Amsterdamer Arbeiter protestierten gegen die Verlängerung der Arbeitszeit, Werftarbeiter verweigerten den Arbeitseinsatz in Deutschland und in Delft und Leiden protestierten Studenten gegen die Entlassung jüdischer Hochschullehrer.

 

Anfang 1941 schickt die NSB ihre WA (Weerafdeling, Wehrabteilung), eine der deutschen SA vergleichbare faschistische Schlägertruppe auf die Straßen, um die Bevölkerung einzuschüchtern. Die WA organisiert Provokationen in den überwiegend von jüdischen Bürgern bewohnten Vierteln Amsterdams.

 

Der Widerstand bei der Erstürmung eines Eissalons war dann der Anlass für groß angelegte Razzien in den jüdischen Wohnvierteln Amsterdams am 22. und am 23. Februar. Bei dieser Vergeltungsaktion wurden 427 jüdische Männer im Alter von 18 bis 35 Jahren festgenommen und als Geiseln abgeführt. Die Männer wurden - aufs schlimmste misshandelt – in das Lager Kamp Schoorl deportiert und von dort aus in die deutschen Konzentrationslager Buchenwald und Mauthausen verbracht. Innerhalb eines Jahres starben sie dort an den Folgen der ständigen Misshandlungen und den Entbehrungen des Lebens in diesen KZ.

 

Aufgrund der unmenschlichen Behandlung geriet ganz Amsterdam in Wut. Unter anderem rief auch die Leitung der Kommunistischen Partei der Niederlande (CPN), die damals in der Illegalität tätig war, zum Streik auf.
„Streikt!!! Streikt!!! Streikt!!!“

Am 24. Februar 1941, um 18 Uhr, sprachen Mitglieder der CPN vor etwa 250 Menschen auf dem Noordermarkt. Am kommenden Tag sollte Amsterdam still stehen, als Protest gegen die Judenverfolgung und den Naziterror. Flugblätter mit dem Streikaufruf wurden verteilt. Am frühen Morgen des 25. Februar 1941 wurde dem Streikaufruf Folge geleistet. Der Straßenbahnverkehr war weitgehend zum Stillstand gekommen, Teile des Öffentlichen Dienstes schlossen sich dem Streik an, Metallbetriebe, der Schiffsbau, große Ladenketten.

 

Für die Deutschen war der Streik eine vollkommene Überraschung und so konnte er auch noch am 26. Februar fortgeführt werden. Die Streikbewegung weitete sich sogar noch aus: Utrecht, Hilversum, Kennemerland, Zaanstreek ... Doch die Nazis erholten sich schnell von ihrem Schreck und schlugen den Streik mit äußerster Brutalität nieder. SS, SD und Grüne Polizei gingen mit der Schusswaffe gegen Streikende vor. Sie erschossen und/oder erschlugen neun Personen, 24 weitere wurden schwer verletzt.

 

Doch das reichte den Faschisten nicht. Hunderte Streikende wurden verhaftet, eingesperrt und misshandelt. Auf Kommunisten wurde regelrecht Jagd gemacht. Immerhin waren es ja vier CPN-Mitglieder gewesen, die auf dem Noordermarkt zum Streik aufgerufen hatten. Am 13. März schließlich wurden drei Kommunisten und 15 Mitglieder der bürgerlichen Widerstandsorganisation „De Geuzen“ von einem Erschießungskommando hingerichtet.

 

Heute schmückt eine bronzene Plakette die Außenmauer der auf dem Noordermarkt in Amsterdam stehenden Noorderkerk. Die Aufschrift lautet: „Am Montag, dem 24. Februar 1941, um 6 Uhr abends, sprachen hier Mitglieder der damals verbotenen Kommunistischen Partei der Niederlande zu 250 Mitbürgern. Sie riefen zu einem Proteststreik gegen die Deportation von 400 jüdischen Amsterdamern durch die deutschen Besatzer auf. Am folgenden Morgen brach der Februarstreik aus.“

 

Der Februarstreik vor 80 Jahren, das waren zwei Tage heldenhaften Widerstands. Er ging als einzige öffentliche Massenprotestaktion gegen die Judenverfolgung im von den Hitler-Faschisten besetzten Europa in die Geschichte ein. Alljährlich findet auf dem Jonas Daniel Meijerplein, am Denkmal „De Dokwerker“, ein Gedenken statt.

 

In diesem Jahr findet das Gedenken am 25. Februar, um 16.45 Uhr, statt. Die niederländische ICOR-Organisation Rode Morgen berichtete in ihrer Zeitung über eine Ausstellung „Kommunisten im Widerstand“, die 2018/2019 im Nationalen Befreiungsmuseum in Groesbeek gezeigt wurde.