Argument

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Corona und der Wert der freiwilligen Disziplin

Als ich in der Warteschlange zum Schnelltest vor der Stadthalle stehe, erinnerte ich mich an eine Auseinandersetzung mit einer Corona-Leugnerin.

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Sie warf der MLPD vor, dass wir uns der Propaganda der Regierung unterwerfen würden, die Corona nur als Vorwand erfunden hätte, um die Massen zu unterdrücken. Und diese würden auch alles brav mitmachen, was von oben kommt.

 

Nun, die Leute allen Alters standen zwar - oberflächlich gesehen - „brav“ in der Reihe. Keiner drängelte vor. Ich frage die Umstehenden, wann sie nach ihrer Anmeldung an der Reihe sind, ich sei um 11.30 Uhr dran. Einer antwortet: „Wir sind die, die um 12 Uhr dran sind, die 11Uhr-Dreissiger sind da vorne rechts, die um 11.45 Uhr daneben in der Schlange.“ Eine ältere gehbehinderte Frau mit Rollator kommt unsicher, sie hat sich nicht angemeldet und wird trotzdem nach vorne durchgewinkt. Ohne Aufpasser halten alle den Abstand ein, die Reihe zieht sich fast hundert Meter in die Länge.

 

Gelegenheit für kurze Diskussionen. Alle stimmen in den Ärger über die Regierenden ein. Dass „die Konzerne wieder mal den großen Reibach“ machen, dass sich die „Herren Politiker“ auch noch bedienen und abzocken, dass wir, die „kleinen Leute“ wieder mal „alles ausbaden sollen“ usw. Das Testzentrum steht mitten in einem stark von Bergarbeitern und Stahlarbeitern geprägten Stadtteil.

 

Brav sind diese Menschen nicht. Aber sie sind von ihrer harten Arbeit und ihren Lebensverhältnissen an eine Disziplin gewohnt, im Sinne: „Gemeinsam sind wir stark“. Die wenigsten sehen sich als politische Menschen, aber ihre Disziplin ist ein großer Trumpf. Ohne diese wird es weder eine Revolution noch einen Sozialismus geben.