Autoindustrie

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Chipbeben: Ein tiefer Blick in die Krisenhaftigkeit des Imperialismus

Nein, die Corona-Pandemie war es nicht. Selbst bürgerliche Wirtschaftsjournalisten und -institute bemühen COVID-19 nicht als Hauptursache der Chipkrise in der Automobilindustrie. Die Unternehmensberatungsfirma Alix Partners rechnet mit einem weltweiten Produktionsrückgang von 3,9 Millionen Fahrzeugen mit einem geschätzten Wert von 110 Mrd Dollar. (1)

Von Landesleitung Nordrhein-Westfalen der MLPD
Chipbeben: Ein tiefer Blick in die Krisenhaftigkeit des Imperialismus
Automatisierte Chip-Produktion (shutterstock_47536699)

Alleine beim Volkswagen-Konzern verließen im ersten Quartal 100.000 Fahrzeuge weniger aufgrund fehlender Halbleiter die Bänder. Im zweiten Quartal kann dies noch drastischer ausfallen. Betroffen sind auch die anderen Hersteller. Der US-Autoriese Ford kalkuliert Mehrbelastungen von rund 2,5 Mrd Dollar durch die Knappheit an Chips ein.

Konkurrenzkampf mit harten Bandagen

Im Frühjahr 2020, bei der ersten Welle der Pandemie, schlossen die großen Automobilhersteller über Wochen ihre Fabriken, nicht nur wegen COVID 19. Die 2018 ausgebrochene Weltwirtschafts- und Finanzkrise hatte auch die Autokonzerne erfasst. Diese nutzten die Gelegenheit, Überkapazitäten abzubauen, für Rationalisierungen und Neuordnungen in der Autobranche und kassierten dafür Kurzarbeitergeld. Daimler Düsseldorf strich eine komplette Nachtschicht und entließ 1300 Leiharbeiterinnen und -arbeiter. Januar 2021 entstand der viertgrößte Autogigant der Welt, Stellantis, mit 14 Automarken und weltweit 410.000 Beschäftigten (2). Tatsächlich tobt ein intensiver Konkurrenz- und Marktbeherrschungskampf, jedoch nicht allein unter den Autokonzernen. Auch Zulieferer und Halbleiterkonzerne mischen mit. Die Chiphersteller liefern ihre Chargen an Zulieferer wie Bosch oder Conti, die entsprechend der Bestellungen der Autokonzerne Lagerbestände aufbauen, um sie Just-in-Time zu liefern. Autokonzerne stornierten oder kürzten während der ersten Pandemiewelle ihre Bestellungen. Doch andere griffen zu, Hersteller von Kommunikations- und Unterhaltungselektronik, die in der Pandemie stark wuchsen. Ab Herbst 2020 fuhren die Autohersteller ihre Produktion wieder hoch, doch die Lagerbestände der Zulieferer waren abgegriffen und aufgrund der technisch bedingten langen Produktionszeiten in der Halbleiterbranche so schnell nicht wieder zu füllen (3).

Wirtschaftliche Gewichte verschieben sich

Nur acht Prozent des gesamten Umsatzes der Chip-Branche werden in der Autoindustrie erzielt. Alleine der iPhone-Produzent Apple kauft so viele Chips wie die weltweite Autoindustrie (3). Den Takt auf dem Chipmarkt geben andere an. Aber: ohne Mikrochips läuft heute kein Auto mehr. Die Umstellung auf die E-Mobilität verstärkt die Abhängigkeit der Autobranche von den Halbleiterherstellern und –lieferanten noch mehr. Den imperialistischen Konkurrenzkampf befeuern noch andere Entwicklungen. Europa hinkt in der Halbleiterfertigung den USA und Asien, vor allem China, um Jahre hinterher, ebenso in der Fertigungselektronik. Lediglich bei Sensoren und Leistungshalbleitern ist Europa führend (3). 70 Prozent des Weltmarktes mit Halbleitern nimmt Asien ein, davon alleine China mit 34 Prozent. Europa mit nur 8 Prozent (4). Diese Abhängigkeit von den USA, China, Korea, Taiwan oder Japan stört die EU-Imperialisten gewaltig. Sie beginnt schon beim unerlässlichen Rohstoff der Mikroelektronik, Silizium. 60 Prozent des Siliziums kommen aus China. Mit einer europäischen Mikrochip-Initiative, gespeist aus dem 750 Mrd € schweren Corona-Wiederaufbaufonds der EU, soll die Aufholjagd gestartet werden (5). 2,6 Mrd € daraus sollen in Deutschland verwendet werden, plus 1 Mrd € vom Bundeswirtschaftsministerium.

Die Umweltkrise schlägt auf die Wirtschaft zurück

Unter der Alleinherrschaft des internationalen Finanzkapitals nimmt die Einheit von Mensch und Natur eine negative, menschheitsbedrohende Entwicklung an. Sie wirkt auf die Abläufe der internationalen Produktion zurück. Die Corona-Pandemie wie auch andere gefährliche Seuchen hätten ohne die Zerstörung natürlicher Lebensräume so nicht entstehen und sich ausbreiten können. Der Raubbau an den natürlichen Rohstoffen, Silizium, Gold, Kupfer, seltene Erden, und deren ungeheure Verschwendung (Elektronikmüll ...) gefährden besonders die modernsten Herstellungs-, Kommunikations- und Forschungsbereiche. In Japan und Texas musste die Chipproduktion für einige Zeit wegen Extremwetterlagen gestoppt werden (6).

Kampf gegen die Abwälzung der Krisenlasten

Aktuell schickt Audi 10.000 Beschäftigte in Ingolstadt und Neckarsulm in Kurzarbeit (7). Anfang Mai verkündeten die Ford-Werke in Köln Kurzarbeit für 5000 Kolleginnen und Kollegen bis Juli, danach Werksferien bis Mitte August (8). Ähnlich bei Ford Saarlouis. Da passt es doch gut, wenn Bundesarbeitsminister Hubertus Heil Erleichterungen bei der Kurzarbeit bis nach den Bundestagswahlen verlängern will, bestimmt auch der Autoindustrie zu Diensten (9). Kurzarbeit ist möglich, wenn zehn Prozent der Beschäftigten betroffen sind. Außerdem übernimmt der Staat die Sozialversicherungsbeiträge für die ausgefallenen Arbeitsstunden. Dazu können die Autokonzerne natürlich nicht nein sagen. Die Autokonzerne wollen die Kosten der Umstellung auf E-Mobilität vollständig auf die Beschäftigten und die Gesellschaft abzuwälzen. Dagegen muss ein Kampf geführt werden. Aber mit welcher Perspektive? Die Krisenhaftigkeit des Imperialismus vertieft sich und haftet ihm bis zu seinem Untergang an. Sie kann im Imperialismus nicht behoben werden. Zeit, antikommunistische Vorbehalte und Denkverbote zu durchbrechen. Das Buch „Die Krise der bürgerlichen Ideologie und des Antikommunismus“ von Stefan Engel hilft dabei und es vermittelt ein lebendiges Bild des Sozialismus.