Gelsenkirchen

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Stolz auf den Kampf der Bergarbeiter und ihre Kultur – ein Denkmal ganz besonderer Art

200 Menschen demonstrierten heute durch Gelsenkirchen-Horst. Anlass der Demo war die feierliche Einweihung des ersten Denkmals zur Erinnerung an den großen selbstständigen siebentägigen Bergarbeiterstreik 1997.

Von MLPD-Landesleitung NRW
Stolz auf den Kampf der Bergarbeiter und ihre Kultur – ein Denkmal ganz besonderer Art
Enthüllung der Lore zum Gedenken an den großen Bergarbeiterstreik von 1997 (Foto: RF)

Unter der Losung „Der Dicke muss weg“ leitete der Streik das Ende der Ära Kohl ein und vereitelte den Plan, 80.000 Kumpels zu entlassen. Das Besondere am Bergarbeiterstreik 1997 war, dass die Masse der Bergleute sich nicht damit zufriedengab, als die Gewerkschaftsführung nach einer Menschenkette den Kampf für beendet erklärte. Ausgehend von der Zeche Hugo breitete sich ein selbständiger Streik über alle Zechen aus.


Für Gelsenkirchener, aber auch Bewohner weiterer Städte im Ruhrpott war es Ehrensache, an dieser Demonstration und dem Festakt zur Einweihung des neuen Denkmals teilzunehmen. "Hier bei euch lobt sich die RAG nicht selber oder versucht mit der Tradition des Bergbaus auf Tourismus zu machen. Hier stehen die schwere Arbeit der Kumpel und ihr mutiger Kampf im Zentrum. Das finde ich gut", so ein Teilnehmer aus der Nachbarstadt Gladbeck.

Demonstration mitten durch Gelsenkirchen-Horst (Foto: RF)
Demonstration mitten durch Gelsenkirchen-Horst (Foto: RF)

In Kürze:

  • 200 Menschen demonstrierten gegen die RAG-Politik der verbrannten Erde durch Gelsenkirchen-Horst
  • Über 350 Teilnehmer verfolgten den Festakt mit der Enthüllung der Lore
  • Für das leibliche Wohl war wunderbar gesorgt

Der heutige Tag war zugleich Auftakt der Vorbereitung der 3. Internationalen Bergarbeiterkonferenz, die im Herbst 2023 in Thüringen/Deutschland stattfinden soll. Um 12.03 Uhr starteten die Moderatoren Christian Link, selbst Bergmann und Sprecher der Bergarbeiterinitiative Kumpel für AUF und Ulja Serway vom Kommunalwahlbündnis AUF Gelsenkirchen die Demonstration. Hunderte Gelsenkirchener verfolgten an den Fenstern und von Balkonen interessiert die lebendige Aktion. Zur Unterstützung wurden Münzen und Geldscheine sogar aus dem dritten Stock heruntergeworfen, insgesamt kamen auf diese Weise über 200 Euro während der Demo zusammen.

Fast jeder im Ruhrgebiet hat eine Rechnung mit der RAG offen

Eine Rechnung mit der RAG hat fast jeder im Ruhrgebiet offen. Dazu sprachen zahlreiche Leute, musikalisch unterbrochen durch Lieder der Band Gehörwäsche aus Köln. Anna Vöhringer vom Jugendverband REBELL betonte, dass die Jugend vom harten Kampf und der harten Arbeit der Bergleute lernen kann und will. Der REBELL hatte mit den ROTFÜCHSEN eine Choreographie einstudiert zum “Steigerlied“. Dann sprach Jan Specht von AUF Gelsenkirchen, der einzige Stadtverordnete, der den Weg zu dieser Demonstration gefunden hat.


Rechtsanwalt Peter Weispfenning, der viele Bergleute vor Gericht vertreten hat, berichtete über die sogenannten nichtanpassungsberechtigten Bergleute, die gegen alle Versprechungen des Konzerns, dass keiner „ins Bergfreie fallen“ werde, 2019 gekündigt wurden. Auch wenn es nicht gelungen ist, die Arbeitsplätze zu verteidigen, führte ihr Kampf mit unter anderem 15 Demonstrationen zu vielen wertvollen Kampferfahrungen und einer vierfach so hohen Abfindung wie ursprünglich geplant.

Zwei Richtungen im Umgang mit dem Bergbau

Es folgte die Parteivorsitzende der MLPD, Gabi Fechtner. Sie ist seit vielen Jahren mit den Bergleuten verbunden, verkaufte lange die Zeitung Rote Fahne vor den Zechen. Sie beobachtet seit geraumer Zeit zwei Richtungen im Umgang mit dem Bergbau: „Die bürgerliche Politik unterstützt die RAG und findet eigentlich alles großartig, was die RAG gemacht hat. Die andere Richtung findet sich heute bei dieser Demonstration, sie repräsentiert die Zukunft, sie steht für die Einheit des Kampfes für die Umwelt und die Arbeitsplätze und für die Einheit der internationalen Arbeiterbewegung.

 

Wie kann man sich zwei so konträre Bewegungen erklären? Das lässt sich nur erklären, weil es in der Gesellschaft eben zwei Klassen gibt. Auf der einen Seite die Klasse der Arbeiter, auf der anderen Seite steht die Kapitalistenklasse. Sie steht für die kapitalistische Ausbeutung und Umweltzerstörung. Kaum jemand würde offen für die zweite Klasse Partei ergreifen. Der Antikommunismus soll vor allem verhindern, dass sich der Richtung der Arbeiterklasse und der revolutionären Bewegung mehr Menschen anschließen.

 

Man muss parteiisch in einer solchen Situation sein, man kann nicht dazwischen stehen oder sich raushalten. Ich beglückwünsche diese Bewegung deshalb ausdrücklich!“ Um in dieser gesellschaftlichen Verwirrung besser durchzublicken, hat die MLPD ein neues Buch veröffentlicht: „Die Krise der bürgerlichen Ideologie und des Antikommunismus“.

Teilnehmer aus vielen Betrieben des Ruhrgebiets

Markus Stockert und Günter Belka von der Arbeiterplattform des Internationalistischen Bündnisses betonten die Beteiligung aus vielen Betrieben des Ruhrgebiets an dieser Demonstration. Die Arbeiterinnen und Arbeiter sind erfolgreich, wenn sie sich über Betriebsgrenzen hinweg zusammenschließen. Günter Belka versprach der Jugend, die Kampferfahrungen an die nächste Generation weiterzugeben. Um 13.30 Uhr übergaben die Moderatoren der Protestaktion das Mikrofon an die Moderatoren des Festaktes zur Enthüllung des Bergarbeiterstreik-Denkmals, Lisa Gärtner und Claudia Schewior.

 

Insgesamt über 350 Teilnehmer verfolgten den Festakt mit der Enthüllung der Lore. Mit rund 700 Euro Spenden und 1750 Euro Einnahmen aus gespendeten Bergbauutensilien hat der Festakt erfolgreich seine finanziellen Ziele erreicht. Bekanntgegeben wurde eine neue Organisationsform zur Unterstützung der Vorbereitung der Bergarbeiterkonferenz, die Mitgliedschaft in Solidarität International mit Extra-Beitrag zur Finanzierung der Bergarbeiterkonferenz.

 

Das Hauptprogramm auf der im Grünen aufgestellten Tribüne startete mit einer typisch bergmännischen Seilfahrtglocke sowie dem Auftritt von Kindern und Jugendlichen des Jugendverbands REBELL und seiner Kinderorganisation ROTFÜCHSE. Zuerst sprach Stefan Engel, öffentlicher Sprecher der Kumpel-Zeitung Vortrieb, ehemals Mitglied der Betriebsgruppe Hugo der MLPD, die maßgeblich an dem Streik beteiligt war, erster Hauptkoordinator der internationalen Bergarbeiter-Koordinierung. Als Leiter der Redaktion REVOLUTIONÄRER WEG verarbeitete er die Erfahrungen des Bergarbeiterstreiks für die ganze Arbeiterbewegung. Es wurde mucksmäuschenstill auf dem Platz, als Stefan Engel dazu ausführte:

"Ein Generalstreik der Bergleute in Deutschland"

„Unser Denkmal, unsere Lore ist Ausdruck der Weltanschauung des wissenschaftlichen Sozialismus, der Befreiung der Arbeiterklasse von Ausbeutung und Unterdrückung. Die Lore ist in dieser Form einzigartig. Nicht irgendwelche Kaiser oder Kanzler werden hier gewürdigt, sondern die Bergleute und ihre Familien und ihr selbstständiger Massenstreik 1997. … Mit den 130.000 Beteiligten war es - man kann schon sagen - ein Generalstreik der Bergleute in Deutschland, an der Ruhr, im Saarland und zeitweilig auch zusammen mit den Kali-Kumpels in Hessen und Thüringen."

 

Die Kumpels hatten Autobahnen blockiert, die Bannmeile der damaligen Hauptstadt Bonn überrannt und im Saarland Blockaden mit Kohle errichtet. Dennoch trauten sich die Herrschenden nicht, ihre Gesetze gegen die kämpfenden Arbeiter anzuwenden. „Das war die Defensive der Herrschenden vor der Arbeiteroffensive“, so Stefan Engel. Dieser Streik, der in keinem Geschichtsbuch vorkommt, war „die Erhebung der niedergedrückten Bergmannsseele“. Stefan erklärte, dass auf dem Denkmal ein Abbild von Hugo Hauer zu sehen ist: „Hugo Hauer, das sind wir alle. Hugo Hauer ist das Synonym für die Überlegenheit der Arbeiterklasse."

Aussagen von Zeitzeugen des Streiks

Zu diesen Worten und einem Trommelwirbel enthüllten Christian Link sowie Mara und Paula von REBELL und ROTFÜCHSEN die Lore, was von begeistertem Applaus auf dem ganzen Platz begrüßt wurde. Die Lore hatte der REBELL in den letzten Wochen für ihre Verwendung als Denkmal aufgearbeitet.
Im weiteren Programm folgten Aussagen von Zeitzeugen des damaligen Streiks. Günter Belka, 33 Jahre lang als Bergmann unter Tage: „Natürlich macht man sich seine Gedanken und ist es nicht gerade schön, wenn man einen auf die Mütze kriegt. Aber es ist in solch einer Situation eine Frage des Klassenstandpunkts als Arbeiter, ob man kämpft und das auch höher stellt als persönliche Ängste oder Interessen.“

 

Ein türkischer Bergmann, der selbst bei der Autobahnblockade beteiligt war, sagte: „Da kam ein Polizist und sagte: Geh doch in die Türkei und leg dich da auf die Autobahn, nicht in Deutschland.“ Da habe er gesagt: „Dann fahr doch über mich drüber. Ich kämpfe hier auch für deine Zukunft, deinen Arbeitsplatz und den von deinen und meinen Kindern, nicht nur für dich oder mich. Das hat nichts mit Türke oder Deutscher zu tun.“

 

Ein Lied der Bürgerinitiative gegen den Dioxin-Skandal auf Zeche Hugo, dass Hugo-Hauer-Lied, würdigte die Bergarbeiterkultur. Verschiedene internationale Grüße eröffneten den Blick in die Welt, wo die Bergarbeiter in vielen Kämpfen - wie derzeit in Kolumbien - sich an die Spitze der Kämpfe um Umweltschutz und Arbeitsplätze stellen.

3. Internationale Bergarbeiterkonferenz in Vorbereitung

Andreas Tadysiak, Hauptkoordinator der Internationalen Bergarbeiterkonferenz stellte die Vorbereitung der 3. Internationalen Bergarbeiterkonferenz vor, die 2023 in Thüringen/Deutschland stattfinden wird. Um die Fahrtkosten für die Bergleute aus Peru, Kolumbien, Australien, dem Kongo und so weiter zu finanzieren, wurde sofort mit dem Spendensammeln begonnen. Marlies Schumann von Solidarität International (SI) stellte eine neue Art der Spendensammlung von Kumpel für auf und SI vor: Jeder, der die 3. Internationale Bergarbeiterkonferenz unterstützen möchte, kann mit einem festen monatlichen Beitrag Spenden und für 1,50 Euro im Monat Mitglied von SI werden.

 

Ein türkischstämmiger Teilnehmer stolz: "Der Bergarbeiterstreik 1997 war ein bewegender Streik nach dem Zweiten Weltkrieg. Deshalb sind wir heute hier. Um diesen Kampfgeist von damals wiederzubeleben. Wir sind hier, um von diesem Kampf zu lernen und ihn zu ehren. Das ist das Wichtigste." Und ein Opel-Arbeiter: "Auch für uns Automobilarbeiter sind die Kampfformen der Bergarbeiter wichtig. Wenn es um die Profitinteressen geht, die gegen die Umwelt und die Bevölkerung durchgesetzt werden sollen, dann braucht man Kampfformen, die den Profiteuren wehtun."

Ein rundum gelungener Tag

Mit internationalen Liedern unter anderem aus Bolivien und der Türkei sowie der Bergarbeiterhymne Santa Barbara aus Spanien endete das Bühnenprogramm. Im Anschluss waren alle Teilnehmer eingeladen, die wunderschön gestalteten Stände mit Bergarbeiterutensilien zu erkunden, die Kumpels gespendet haben für die Finanzierung der 3. Internationalen Bergarbeiterkonferenz. Es gab aber auch Stände der Umweltgewerkschaft, des Frauenverbands Courage, von Kumpel für AUF, des Verlag Neuer Weg und eine Ausstellung über den Bergarbeiterstreik von 1997.

 

Für das leibliche Wohl war mit vielen, vielen Helferhänden wunderbar gesorgt. Es gab ein wunderbares Kuchenbuffet, Thüringer Bratwürste wurden gebrutzelt, viele ließen sich die knusprigen Hähnchen schmecken. Ein rundum gelungener Tag!

 

Hier kann der Livestream nachträglich angeschaut werden