Altenpflege

Altenpflege

Gestern beklatscht, heute gefeuert

Ein Korrespondent aus dem Ruhrgebiet berichtet über die Situation in der Altenpflege.

Korrespondenz aus dem Ruhrgebiet

Nachdem die Impfungen in Gang kommen und die Infektionszahlen zurückgehen, ist es in den Medien etwas ruhiger geworden, was die Situation in den Altenheimen und Seniorenzentren angeht. Dabei machen sich aktuell die langfristigen Folgen der Pandemie bemerkbar, mit zum Teil gravierenden Folgen für die Beschäftigten.

 

Bis Anfang letzten Jahres war es extrem schwierig, einen Heimplatz für ältere Menschen zu finden. Aktuell hat sich die Situation umgedreht. Bedingt durch Covid-19 verstarben in den vergangenen zwölf Monaten weit überdurchschnittlich viele Menschen in den Seniorenzentren. Zeitweise gab es quarantänebedingte Aufnahmestopps. In unserem Zentrum sind derzeit rund 15 Prozent der Betten leer, ohne Aussicht auf schnelle Änderung. Bis letztes Jahr riefen die Sozialarbeiter der Krankenhäuser täglich in den Heimen an, um händeringend Plätze zu finden. Heute rufen unsere Sozialarbeiter wöchentlich die Krankenhäuser der Umgebung an und fragen nach neuen Bewohnerinnen und Bewohnern. Angeblich, so unsere Heimleitung, seien derzeit 30 Prozent der Seniorenzentren in Deutschland gravierend unterbelegt.

 

In der Schweiz gibt es bereits betriebsbedingte Kündigungen in solchen Fällen. Ganz so weit geht unsere Leitung (noch) nicht. Aber es wurden Zeitverträge nicht verlängert, befristete Arbeitszeitaufstockung nicht weitergewährt und ähnliche Maßnahmen. Unsere Abteilung wurde geschlossen und das Personal auf  andere verteilt. Durch die freien Betten war der allgegenwärtige Personalmangel zeitweise etwas erträglicher geworden. Aber diese Phase ist direkt wieder vorbei.

 

Von »systemrelevant« oder dem oft geheuchelten offiziellen Beifallklatschen für das Pflegepersonal keine Spur mehr. Es beginnt eine notwendige Diskussion über die Illusion, dass die bürgerliche Politik und die Unternehmen der Gesundheitsbranche durch die Corona-Pandemie plötzlich ihr Herz für die Pflege entdeckt hätten. Wenn wir an dieser Situation etwas ändern wollen, müssen wir uns gewerkschaftlich organisieren.