Gegen Abwälzung auf die Belegschaften

Gegen Abwälzung auf die Belegschaften

Halbleiter-Krise - Teil des kapitalistischen Krisenchaos!

Seit Anfang des Jahres melden alle Autokonzerne Produktionseinschränkungen und Kurzarbeit mit der Begründung: „Chip-Mangel“. Davon sind Zehntausende Kolleginnen und Kollegen in den Autokonzernen und bei Zulieferern betroffen.

Von gp
Halbleiter-Krise - Teil des kapitalistischen Krisenchaos!
Ein Mikroprozessor (foto: Matt Britt aus der englischsprachigen Wikipedia (CC BY-SA 3.0))

Über die Folgen berichtet ein Kollege von Audi: „Im Juni Schichtverlängerung und Sonderschichten beim A6/7, im Juli gleich sieben Tage Kurzarbeit. Das geht jetzt schon so seit Monaten, ein Wechselbad von Überstunden und Kurzarbeit. Du kannst nichts mehr planen. Und wenn die Schichtzuschläge wegfallen, dann haut das beim Lohn richtig rein, mal abgesehen von der am Jahresende noch ausstehenden Versteuerung der Kurzarbeit. Es heißt: 'Wenn ihr nicht mitmacht, dann gehen die Chips an andere Konzernbetriebe, Daimler oder BMW.' Die Belegschaft und auch der Betriebsrat werden regelrecht erpresst, der Logik des kapitalistischen Konkurrenzkampfs zu folgen. Der Unmut wächst.“

 

Eine selbstbewusste Ablehnung dieser verschärften Flexibilisierung erfordert, vom Klasseninteresse auszugehen und mit dieser sozialchauvinistischen Denkweise fertig zu werden. Ein Kollege von Daimler vermutet: „Die nutzen die Lieferschwierigkeiten bei den Chips zur weiteren Flexibilisierung und Einsparungen durch Kurzarbeit.“

Bedeutung der Halbleiter für die Autoindustrie

Halbleiter regeln Antrieb und Fahrverhalten oder lösen den Airbag aus. Ohne Halbleiter fährt heute kein Auto mehr. Die Chips werden für Fahrerassistenzsysteme, Licht, Motor, Sensorik, Bremssysteme verbaut. Dabei wird der Weltmarkt für Halbleiter vor allem von Konzernen aus den USA (Intel-Konzern), Südkorea (Samsung und SK Hynix) und Taiwan (TSCM) beherrscht. Europäische Chip-Hersteller sind weit abgeschlagen. Der Münchner Konzern Infineon nahm 2020 beim Umsatzranking den zehnten Platz ein.

Hauptsächliche Gründe für den „Chip-Mangel“?

  1. Allgemein wächst der Bedarf an Chips durch die fortschreitende Digitalisierung der Produktion und aller Lebensbereiche weltweit sprunghaft an. Beim Einbruch der Automobilproduktion im Frühjahr 20201 stornierten die Autokonzerne ihre Chip-Bestellungen. Die Chiphersteller stellten daraufhin ihre Kapazitäten auf andere Abnehmer, wie z.B. die Unterhaltungselektronik um2.
  2. Zur Aufbereitung des wichtigsten Rohstoffs Siliziums für die Chip-Produktion sind Schmelzanlagen notwendig. Zwei Drittel der Kapazitäten stehen in China3. Anfang des Jahres wurden dort 20 Anlagen zeitweilig stillgelegt. Das war auch eine bewusste Drosselung, um die Preise hoch zu halten und die Abnehmer unter Druck zu setzen4.
  3. Der Handelskrieg zwischen dem neuimperialistischen China und den USA hat u.a. dazu geführt, dass chinesische Hersteller wie Huawei und Xiaomi „die Märkte leer kauft"5.
  4. Wetter und Naturkatastrophen in Texas und Japan hatten 2020 zeitweilig die Chip-Produktion zum Teil Monate lang lahmgelegt.
  5. Der Bau neuer Halbleiter-Werke erfordert zweistellige Milliarden-Beträge und es dauert Monate, bis mit der Chip-Produktion begonnen werden kann.

Die Halbleiter-Krise – Teil des kapitalistischen Krisenchaos

Deutlich wird: die sogenannte „Halbleiter-Krise“ ist Teil der systemimmanentem kapitalistischen Weltwirtschafts- und Finanzkrise und verschiedener internationaler Strukturkrisen. Der Kampf um Maximalprofite und Weltmarktführerschaft führt zu einer Vernichtungsschlacht der Konzerne untereinander. So sind allein 2020 Konzernübernahmen von fast 120 Mrd. US-Dollar angekündigt worden. Der weltweite Konkurrenzkampf wird durch die Subventionen der Konzerne durch die jeweiligen Regierungen befeuert6. So fordert der US-Konzerns Intel für den Bau einer Fabrik 40 Prozent staatliche Gelder, da das in Asien „üblich“ sei7.

 

Die Abhängigkeit von US- und asiatischen Chip-Herstellern ist den europäischen Imperialisten bei ihrem Plan ein Dorn im Auge. Denn auch die modernen Waffensysteme sind auf modernste Halbleiter angewiesen. Bei der Eröffnung des neuen Bosch-Halbleiter-Werkes in Dresden am 7.6. forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel, dass Deutschland und Europa bei den Schlüsseltechnologien zu Asien und den USA aufschließen müsse. Deshalb hat die EU unter Führung des EU-Binnenmarktkommissars Thierry Breton eine sogenannte Halbleiter-Allianz gebildet. Ihr Ziel: den weltweiten Anteil der europäischen Chiphersteller bis zum Jahr 2030 von zehn auf 20 % mit 145 Mrd.$ staatlicher Subventionen von der EU zu verdoppeln.

Schluss mit dem Wechselbad!

Statt weiterer Flexibilisierung, Wechselbad von Überstunden und Kurzarbeit:
* Volle Bezahlung des Lohnes – auch Schichtzuschläge – bei Produktionsengpässen durch die Autokonzerne!
* Statt Überstunden und Kurzarbeit: Kampf für die 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich!
* Statt kapitalistischem Krisenchaos – vorwärts zur Arbeiteroffensive!