Explosion im Chempark Leverkusen

Explosion im Chempark Leverkusen

Tickende Zeitbomben

Man fühlt sich an die zehn biblischen Plagen erinnert, was da über Leverkusen kam: Die Corona-Pandemie, dann das Hochwasser Mitte Juli und nun die Explosion auf der Sondermülldeponie des Chemparks im Leverkusener Stadtteil Bürrig.

Von gof
Tickende Zeitbomben
Der Brand im Chempark (rf-foto)

Anders als in der Bibel hatte Gott hier seine Hände nicht im Spiel. Sondern ein Trio Infernale, ein Höllentrio mit dem Chemieübermonopol Bayer und seiner ausgelagerten Ex-Tochter, dem Infrastruktur- und Dienstleistungskonzern Currenta an der Spitze und der Landesregierung sowie der Bezirksregierung Köln als willfährige Dienstleister. Für die Maximalprofite von Bayer und Currenta wird hier vertuscht, verschwiegen und verharmlost.

Was ist geschehen?

Auf der Seite des Landesamtes für Umwelt, Natur- und Verbraucherschutzes ist eine erste Untersuchung der Rußpartikel¹ veröffentlicht, die nach der Explosion im Umkreis niedergegangen sind. Eine Satellitenaufnahme darin zeigt, dass die Sondermüllverbrennungsanlage kaum einen Kilometer von den nächsten Wohngebieten entfernt ist. Die durch die Explosion und den Brand erzeugte Rauchfahne verteilte sich durch den Südwestwind innerhalb von vier Stunden über Wuppertal und das Bergische Land hinweg bis nach Dortmund.²

 

Nach dem heutigen Stand kamen bei der Explosion fünf Menschen zu Tode, 31 wurden teils schwer verletzt und zwei Kollegen werden immer noch vermisst. Bis Samstag hat die Betreiberfirma der Sondermülldeponie, Currenta, unter dem scheinheiligen Vorwand der Suche nach den Vermissten und laufender Ermittlungen verschwiegen, was in den explodierten Tanks lagerte.⁴ Nach Angaben der Kölner Bezirksregierung waren es „flüssige Reststoffe aus der Produktion von Chemikalien für die Landwirtschaft“. Der Hauptbestandteil dieser Abfälle seien „phosphor- und schwefelhaltige Chemikalien“.

 

Aber auch hier keinerlei Aufklärung, welche Gefahr von diesen Verbrennungsrückständen ausgeht.⁵ Auch "Nebenbestandteile" können hochgiftige Verbrennungsprodukte freisetzen. Die Warnung bleibt bestehen, Obst und Gemüse aus den Gärten nicht zu essen, nicht selbst Rußpartikel zu beseitigen und Kinder nicht auf die Spielplätze zu lassen. Völlig ungeklärt bisher auch, weshalb es überhaupt zu der Explosion kam.

 

Die Untersuchung des Landesamts für Natur-, Umwelt- und Verbraucherschutz, am 30. Juli veröffentlicht, nennt nur sehr geringe Mengen der hochgiftigen Stoffe Dioxine, Furane und PCB - weit unterhalb der von der EU und der Weltgesundheitsorganisation WHO festgelegten Grenzwerte. Also Entwarnung? Nein. Denn alle diese Stoffe reichern sich im menschlichen Organismus, in Tieren und Pflanzen an und wirken auch in sehr geringen Mengen schädigend auf unser Nervensystem und inneren Organe.

Unglück mit Ansage

Bayer lässt seinen Chempark und die Sondermüllverbrennungsanlage rechtlich von Currenta betreiben. Verbrannt werden Produktionsrückstände von Bayer und anderen auf dem Gelände ansässigen Firmen, ein undurchschaubarer Giftcocktail. Alles unter den Augen der zuständigen Behörden: Vor rund zehn Jahren erteilte die Bezirksregierung Köln die Genehmigung, die Kapazität der Brennöfen von 80.000 Tonnen auf 120.000 Tonnen pro Jahr zu erweitern.⁶

 

Unfälle gab es da schon öfter: 2009 traten bei einem Defekt einer Dossier-Einrichtung Luftschadstoffe aus, 2010 entflammte ein Feuer und 2011 ging nach einem Störfall ein Sandregen auf Teile Leverkusens nieder. Eine Rote-Fahne-News-Korrespondenz vom 29. Juli aus Leverkusen deckte auf: „Es handelt sich hier um eine Alt-Zulassung, die heute nie mehr erteilt werden würde. Das Beste: Die Sondermüllverbrennung steht auf der zum "Neulandpark" umgetauften größten Chemie-Sondermülldeponie Europas. Ein früherer Chemiearbeiter, der in seiner Jugend dort selbst noch Giftmüll verklappt hat, wurde bei der Meldung über den Unfall ganz blass: "Kann man sich überhaupt vorstellen, was passiert, wenn das gemeinsam in die Luft fliegt?“

 

Der aktuelle SPIEGEL vom 31. Juli (S. 62) berichtet: Die Bezirksregierung Köln hat zuletzt im Januar 2016 die Abfallströme der mit giftigen Lösungsmitteln befüllten Tanks gesondert überprüft. Die letzte Störfall- und Umweltprüfung hat im Jahr 2018 stattgefunden. Die Prüfungen waren also mehr als nachlässig. Eine aktuelle Störfall- und Umweltinspektion wurde für April 2021 anberaumt und bis zum Unfall jetzt nicht abgeschlossen, angeblich wegen der Corona-Pandemie. Deshalb hätten die Gespräche nur per Video-Schalte stattfinden können!⁷

 

Und das in dem Bundesland, dessen Ministerpräsident Armin Laschet immer zuerst nach Corona-Lockerungen schreit. An den ganzen Vorgängen sieht man doch erneut, wie ernst die Laschet-Regierung Umweltschutz wirklich nimmt. Erst volle drei Tage nach dem Unfall auf dem Chempark war von Landesumweltministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) überhaupt was zu hören. Von Armin Laschet selbst: Fehlanzeige.

Gemeinsamer aktiver Widerstand ist gefordert

Ein Flugblatt des MLPD-Kreises Südliches Rheinland ruft für heute, 18.30 Uhr, zu einer Protestkundgebung in Leverkusen-Wiesdorf auf dem Friedrich-Ebert-Platz auf. Einmal mehr zeigt dieser Unfall bei Bayer, dass Arbeiter- und Umweltbewegung dem gleichen Feind gegenüberstehen, dem internationalen Finanzkapital, das seine Maximalprofite heute nur noch durch die mutwillige Zerstörung der Einheit von Mensch und Natur, durch Überausbeutung und durch Konkurrenzkampf bis hin zur Gefahr eines neuen Weltkrieges erzielen kann.

 

Die in ständiger Gefahr schwebenden Arbeiter des Chemparks, von der Giftwolke kontaminierte Anwohner, in der ganzen Chemieregion lebende und gefährdete Menschen, Geschädigte des Hochwassers, von Ernteausfällen betroffene Bauern und so weiter - sie alle müssen sich zum gemeinsamen aktiven Widerstand zusammenfinden, gemeinsame Forderungen aufstellen und ihren Widerstand als Schule eines gesellschaftsverändernden Kampfs für den Sozialismus organisieren.