Explosion im Chempark

Explosion im Chempark

„Warum wird die Bevölkerung im Unklaren gelassen?“

Zur gestrigen Explosion im Chempark Leverkusen schreibt eine Korrespondentin vor Ort:

Korrespondenz aus Leverkusen
„Warum wird die Bevölkerung im Unklaren gelassen?“
Die Rauchsäule, die der Brand produziert hatte, war kilometerweit zu sehen. Was für Giftstoffe sind in der Luft? (rf-foto)

Gestern morgen erschütterte um 9.40 Uhr eine immense Detonation große Teile unserer Stadt. Meine Nachbarin klingelte fast umgehend an allen Wohnungen und rief dazu auf, Türen und Fenster zu schließen und nicht mehr ins Freie zu gehen. Was war geschehen? In der Abfallverbrennungsanlage im Chempark (ehemals nur Bayer, heute sind dort ca. 70 Firmen mit insgesamt über 40.000 Beschäftigten) war ein Tanklager explodiert. Die schwere Explosion löste einen Großbrand aus. Riesige schwarze Rauchwolken zogen über große Teile der Stadt hinweg und es verbreitete sich ein bestialischer Gestank. In der Folge mussten zunächst die Autobahnen A1, A3 und A59 gesperrt werden.

 

Auf einer Pressekonferenz, an der der Leiter des Chemparks, Lars Friedrich, sowie der Oberbürgermeister und die Leiter der Werks- und Berufsfeuerwehr teilnahmen, teilte Friedrich mit, dass bei der Explosion ein Mensch ums Leben kam. (Mittlerweile ist die Zahl der Getöteten auf zwei gestiegen. 31 Personen wurden verletzt. Fünf Menschen, nach denen noch gesucht wird, werden vermisst, Anm. d. Red.)

 

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe stuft den Großbrand aufgrund der Explosion als "extreme Gefahr" ein, denn es ist völlig unklar, welche Gifte sich in der Luft befinden und wie sehr die Bevölkerung wirklich gefährdet ist! Diese Pressekonferenz strotzte vor nichtssagenden "Informationen". Was soll man mit Aussagen anfangen, wie die von Chempark-Leiter Friedrich, es gäbe keine akute Gefährdungslage, aber eine Gefährdungslage???

 


Tatsache ist, dass der Brand erst um 12.15 Uhr gelöscht war. Denn es dauerte sehr lange, bis die über das Tanklager laufenden Stromleitungen abgeschaltet waren. Tatsache ist, dass in dieser Sonderabfallverbrennungsanlage drei Tanks durch den Brand weitgehend zerstört wurden. Jeder Tank enthielt 300.000 bis 400.000 Liter¹ chlorierter Lösungsmittel. Mein Nachbar – selbst jahrzehntelang Laborant bei Bayer – sagt mir: Diese Lösungsmittel müssen bei Temperaturen von mindestens 1000 Grad verbrannt werden; geschieht dies nicht, besteht die Gefahr, dass sich hochgiftige krebserregende Dioxine bilden! Warum hat Herr Friedrich das der Bevölkerung nicht mitgeteilt?

 

Statt dessen heißt es: Es gibt noch keine Hinweise zu den Ursachen der Explosion, es gibt auch noch keine Analyse der durch den Brand ausgetretenen Substanzen; gestern sind massenhaft Luftmesswagen unterwegs gewesen; die Bevölkerung in den betroffenen Stadtteilen soll nach wie vor Türen und Fenster geschlossen halten, keine Klimaanlagen benutzen, kein Obst aus den Gärten ungewaschen essen und die Spielplätze in der Nähe werden sicherheitshalber geschlossen! Keine beruhigenden Nachrichten und ein Grund dafür, volle Transparenz zu fordern, was hier wirklich passiert ist!