Redebeitrag auf der Herbstdemonstration in Stuttgart

Redebeitrag auf der Herbstdemonstration in Stuttgart

"Ich werde transformiert und digitalisiert"

Ein Montagsdemonstrant hielt auf der Auftaktkundgebung der Herbstdemo in Stuttgart am 23. Oktober einen Redebeitrag.

Von einem Montagsdemonstranten

Servus. Ich bin mein ganzes Leben in der Automobil-Zulieferindustriebranche beschäftigt. Hier im Lande produziere ich hauptsächlich Zylinderkopfdichtungen, Das sind so Verbrennungsmotorteile, die man in naher Zukunft nicht mehr brauchen wird. Zumindest nicht In Europa. Zur Zeit tut man mich digitalisieren und transformieren - zu einem "klimaneutralen, wettbewerbsfähigen" Mitarbeiter, der "in zehn, 20 oder 30 Jahren (auch noch) zur führenden Industrienation" gehört. Der Schlüssel dabei ist, zumindest aus meiner Erfahrungssicht der letzten Jahre, das Wort "Flexibilisierung" gewesen. Und man sagt es mir, dass ich dabei eigentlich der große Gewinner bin.

 

Warum bin ich ein Gewinner? Weil die Firma transformiert, nicht nur mich, sondern auch die Produktion. Wir sind voll dabei bei der  Brennstoffzellen- und Batterieproduktion. Es wird behauptet, dass niemand seine Arbeit verlieren wird. Aber das sind reine Behauptungen. Es wird zwar weitere Qualifizierung angeboten, aber was Ist, wenn jemand nicht acht Stunden Sichtprüfung auf spiegelnden Metallplatten machen kann oder wenn man eben doch die Sap-Bedienung nicht versteht, weil man damit noch nie was zu tun hatte?

 

Wenn ich es alles schaffe, bleibe ich Gewinner. Aber halt, ich als Gewinner habe auch schon was bekommen. Statt zehn Schichten in der Woche habe ich inzwischen 21 bekommen. Das ist doppelt so viel. Und vieles davon freiwillig. Manchmal sage ich souverän freiwillig "Ja", ich mach doch bei den dauerhaften Sonderschichten am Wochenende mit, um danach von Montag bis Freitag zuhause alleine vor der Glotze zu sitzen. Erstens, muss ich keine Chefs mehr sehen, und zweitens, meine Team-Kollegen werden schon kompensieren, dass ich nicht da bin. Hauptsache, unsere Maschinenlaufzeit liegt bei absoluten 69  Prozent. Und der Profit steigt weiter. Ich bekomme auch was davon, zusätzlich zu meinem Lohn. Für die letzten drei Jahre: 120 Euro Gewinnbeteiligung in Form von Spritgutscheinen, 40 Euro pro Jahr, 77 Cent pro Woche, 15 Cent pro Tag. Wenn ich mich weigere, freiwillig zu flexibilisieren, tut das unser Betriebsrat für mich. Auch freiwillig, so wie ich gehört habe.

 

Ich darf auch bei wiederholten Umfragen immer wieder freiwillig wählen: Zwischen mehreren Schichtmodellen; ihr wisst schon, wie das so läuft. Also ... ich darf freiwillig entscheiden, ob ich in der ersten Woche sechs Tage arbeite, und danach vier Tage oder fünf Tage, oder ob ich doch mit vier Tagen anfange, aber in Nachtschicht, wo ich dann in Spätschicht am Samstagabend bis 22 Uhr schufte - und so weiter. Seid ihr mitgekommen? Danach wird behauptet: Ja, so wolltest Du es doch haben, oder etwa nicht?

 

Ich bin nicht nur zeitlich flexibilisiert. Inzwischen darf ich öfter mal zwei Stufen unter meiner Lohngruppeneinstufung arbeiten. Dabei hält man mir vor Augen, schwarz auf weiß und in Großformat direkt vor meiner Nase, für wie wenig Geld die chinesischen und die indischen Kollegen das Gleiche tun. Dabei ist das entscheidende Wort neuerdings „Disziplin“. Mit dieser Disziplin „marschieren wir auf unserem gemeinsamen Weg“, sagte man mir bei der letzten Betriebsversammlung, die zum ersten Mal hundertprozentig digital war. In kleinen Gruppen saßen wir vor der Leinwand. Wisst Ihr, wie dabei der Schlusstagesordnungspunkt heißt? Na klar, wie immer: „Sonstiges und Fragen". Nur die Leinwand konnte mir nichts beantworten. Zumindest nicht freiwillig.

 

Ja, jetzt kapiere ich langsam. Es ist nicht der Begriff "Flexibilisierung", der die letzten Jahre geprägt hat, sondern die Freiwilligkeit, mit der ich dabei mitgemacht habe. Aus Angst vor den kommenden Zeiten. Aus Unwissenheit, welche Alternativen ich habe. Dass die Zukunft immer was Neues mitbringt, ist nichts Neues. Das ist auch gut so. Dass unsere Zukunft Alternativen hat, aber nicht im Kapitalismus, das weiß ich schon lange. Dass die Alternative heißt: "Beteiligt Euch in positiver gewerkschaftlicher Arbeit, organisiert Euch in der einzigen Arbeiterpartei Deutschlands und überwindet die Misere, indem ihr den echten Sozialismus aufbaut.", das müssen wir noch weiter verbreiten. Das ist unsere wahre Freiwilligkeit und Flexibilität. Sehr gefragt in nächster Zukunft!