Augenzeugenbericht aus dem Grenzgebiet Polen-Belarus

Augenzeugenbericht aus dem Grenzgebiet Polen-Belarus

„Derzeit vollzieht sich eine humanitäre Katastrophe an der polnisch-belorussischen Grenze“

Die Rote Fahne Redaktion dokumentiert Auszüge eines Berichts, den der Politikwissenschaftler Thomas Handrich veröffentlicht hat und der aktuell im Internet verbreitet wird. Herr Handrich hielt sich zusammen mit seinem Sohn vom 27. bis 31. Oktober im Urwaldgebiet, kurz vor der Sperrzone zwischen Polen und Belarus, auf und schloss sich einer lokalen Hilfsorganisation an.

Hunderte, vielleicht Tausende Menschen, befinden sich derzeit im großen Waldgebiet um Bialowieza auf der Flucht. … Häufig werden die Geflüchteten von den Grenzeinheiten aufgegriffen, die mit Hubschraubern und mit Fahrzeugen entlang der Wege patrouillieren. In diesem Fall erfolgt fast immer ein Pushback zurück zur Grenze nach Belarus. ... Ein lokaler Waldkenner berichtete uns, dass es in der Region Sumpfgebiete gibt, die Menschen ohne Ortskenntnisse zum Verhängnis werden können. Die Toten würden hier erst irgendwann einmal als Moorleichen entdeckt werden.

 

Das unmittelbare Grenzgebiet (ca. 3 km entlang der Grenze) ist durch Straßensperren von der Außenwelt abgeriegelt. An der vordem kaum gesicherten Grenze nach Belarus wurde ein provisorischer Stacheldrahtzaun ausgerollt. Der seit Anfang September verhängte Ausnahmezustand in der Sperrzone zum Schutz vor illegaler Immigration ist ausschließlich militärisch konzipiert. ...

 

In der polnischen Zivilgesellschaft wächst die Unterstützung für die Geflüchteten in der Grenzregion. Im Ort Bialowieza, innerhalb der Sperrzone gelegen, lassen sich viele trotz massiver Präsenz der Grenzeinheiten nicht davon abbringen, den Geflüchteten im Wald mit Nahrungsmitteln und notdürftiger Erstversorgung zu helfen. Manche nehmen die Geflüchteten auch mit nach Hause. Aber: Es sind zu viele kranke, schwache, traumatisierte Menschen, die einer professionellen ersten Hilfe bedürfen. Die nicht ausgebildeten Helfer*innen überfordern sich permanent und geraten an die Grenzen ihrer physischen und psychischen Belastbarkeit. ...

 

Muss ein Krankenwagen gerufen werden, dauert es manchmal Stunden, bis der Rettungswagen eintrifft. Das Krankenhaus in Hajnowka verfügt lediglich über zwei Rettungswagen und ist derzeit total überfüllt mit Geflüchteten und Covid-Kranken. ...

 

Derzeit vollzieht sich eine humanitäre Katastrophe an der polnisch-belorussischen Grenze, und zwar auf beiden Seiten der Grenzregion. Diese ist mittlerweile durch journalistische Recherchen in Ostpolen auch in deutschen Medien detailliert dokumentiert. Informationen über die Lage in Belarus müssten den Geheimdiensten vorliegen, wurden bislang aber nicht veröffentlicht. … Unmittelbar verantwortlich handelnd sind die belarussische und polnische Regierung.