Bremen

Bremen

Programmierte Störung

Von wegen sieben Prozent Teuerung hätte ich noch eine Anekdote aus unserer kapitalistischen Gegenwart zu erzählen: In dieser Woche konnte die aktuelle Seite der Bremer Montagsdemo erst mit Verspätung ins Netz gestellt werden. Dem Kabelnetzbetreiber Vodafone hat es nämlich gefallen, den Webmaster vom Internet abzuklemmen, inklusive Telefon, trotz bezahlter Rechnungen, und zwar exakt zum Quartalsende für sieben Tage, von Schlag 12 Uhr mittags am 31. März 2022 bis pünktlich zur gleichen Stunde am 7. April.

Korrespondenz

Das Ende war freilich die ganze Zeit über nicht absehbar. Seltene frühere Unterbrechungen hatten sich auf wenige Stunden beschränkt.

 

Nun hatte ich schon jahrelang nicht an Stecker und Leitung gewackelt, deshalb warf ich einen bangen Blick aus dem Fenster auf die Baumaschinen, die an den Vortagen auf einem schräg gegenüberliegenden Grundstück herumgewühlt hatten, wo sie nun ganz unschuldig herumstanden; aber vermutlich verläuft dort keine Kabelnetzschlaufe, sondern schlimmstenfalls ein Abzweig, und selbst dieser würde wahrscheinlich nicht zufällig gerade mittags am Quartalsende versehentlich angebaggert werden. Zudem hätte der Ausfall dann auch meine Hausnachbarn treffen müssen. Stattdessen vermute ich, Vodafone wollte mich zur Kündigung meines alten Vertrags für 21 Euro und zum Neuabschluss eines schnelleren für 35 Euro bewegen.

 

Genau das tat nämlich am folgenden Nachmittag des 1. April der Vodafone-Kundendienstler bei Mediamarkt im Einkaufszentrum Waterfront. Dieser Mitarbeiter, sehr professionell, demonstrierte mir seine Gesprächskunst bereits in der langen Wartezeit, bis ich endlich an der Reihe war. Er verstand sich auf die generationsgerechte Kundenansprache, ersparte mir also das Geduztwerden, und bekam ganz leuchtende Augen, als er auf dem Bildschirm herausfand, dass mein Vertrag bereits sozusagen uralt war. Von Aufnahme einer Störungsmeldung wollte er fortan überhaupt nicht mehr sprechen, sondern hielt mir, um sicherzugehen, dass ich es auch wirklich verstanden hätte, wiederholt vor, alle Kunden fragten sonst immer, ob sie denn nicht einen schnelleren und außerdem auch mobilen Zugang bekommen dürften.

 

Doch mir fehlen weder Fernsehen noch scharfe Express-Bilder von Netflix bis Pornhub, sondern bloß E-Mail, Online-News und File-Transfer, und Mobilfunk brauche ich schon gar nicht, weil ich ja dem Hartz-IV-Regiment unterstellt bin und die Stadt gar nicht verlassen darf. Dieser neue Vertrag wäre einfach zwei Drittel teurer, das weiß ich im Kopf! Sollte ich dem jungen Mann auch von meiner Regelsatz-unrelevanten offenen Zahnarztrechnung erzählen, die einem in unserem Alter schon mal ins Haus flattern kann? Gestern Mittag funktionierte der Festnetzzugang dann wieder, ganz von selbst. Wie sich zeigte, hätte ich sogar schon vorgestern eine E-Mail-Nachricht auf meinem Mobilgerät erhalten können, dass man sich bemühe, die „Netzstörung" zu beheben. Trotz bezahlter Rechnungen mitten im ungekündigten, laufenden Vertrag die Leistung einzustellen und abzuwarten, ob man zur Wiederaufnahme nicht lieber um Abschluss eines neuen, 67 Prozent teureren Vertrages bitten möchte, ist ein starkes Stück.