Amazon, Tarifrunde Erziehungswesen, NRW-Unikliniken

Amazon, Tarifrunde Erziehungswesen, NRW-Unikliniken

Große und kämpferische Beteiligung an ver.di-Streiktagen

Die Beschäftigten im Sozial- und Erziehungswesen, bei Amazon und an sechs Universitätskliniken in Nordrhein-Westfalen unterwerfen sich nicht der Kriegshetze und Verzichtspropaganda. Mit mehrtägigen kämpferischen gewerkschaftlichen Streiks treten sie entschlossen für ihre Interessen und Arbeiterrechte ein.

Von Korrespondentinnen und Korrespondenten / gis
Große und kämpferische Beteiligung an ver.di-Streiktagen
800 streikende Erzieherinnen und Erzieher demonstrieren durch Nürnberg (rf-foto)

Die Urabstimmung an den Uni-Kliniken ergab eine Mehrheit von mehr als 98 Prozent für Streik! Die gewerkschaftlichen Streiks diese Woche mit ihrer hohen Beteiligung und kämpferischen Demonstrationen durch zahlreiche Innenstädte sind bedeutsam und beispielhaft auch für andere Branchen. Ergänzend dazu sind selbständige Streiks für einen Lohnnachschlag sofort das Zeichen der Zeit.

Amazon-Beschäftigte kämpfen für Tarifvertrag und gegen Bespitzelung

In den beiden Amazon-Verteilzentren in Bad Hersfeld sowie in Koblenz, Leipzig, Rheinberg, Graben und Werne streikten die Beschäftigten am Montag und am Dienstag und teilweise bis heute. Mehr als 2.500 Arbeiterinnen, Arbeiter und Angestellten folgten dem Aufruf der Gewerkschaft ver.di. Bereits seit 2013 führt ver.di den Kampf um einen Tarifvertrag für die Beschäftigten. Ihre Lohn- und Arbeitsbedingungen sollen nach dem Tarif für den Einzel- und Versandhandel bezahlt werden; bisher gilt für sie der (schlechtere) Logistik-Tarifvertrag. Außerdem kämpfen die Beschäftigten für Datenschutz.

Bundesweit Warnstreiks im Sozial- und Erziehungswesen

Die Tarifverhandlungen für die bundesweit rund 330.000 Beschäftigten im Sozial- und Erziehungswesen blieben im März in zweiter Runde ohne Ergebnis. Vor der dritten Runde am 16. und 17. Mai in Potsdam verleihen die Warnstreiks den gewerkschaftlichen Forderungen Nachdruck. Am Montag streikten die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, gestern die Beschäftigten in Kitas und Ganztagsschulen, und heute die der Behindertenhilfe. ver.di fordert verbesserte Arbeitsbedingungen, Lohn- und Gehaltserhöhungen und Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel. Überall gibt es zu wenig Personal, Überstunden und großer Arbeitsdruck führen zu Krankheit und noch mehr Kündigungen.

„Wir sind am Limit!“

Ein Korrespondent berichtet aus Stuttgart: "An diesem bundesweiten Streiktag in Kindertageseinrichtungen und schulischer Ganztagsbetreuung haben in Baden-Württemberg 3.700 Beschäftigte die Arbeit ganztägig niedergelegt. Ein Schwerpunkt lag in Stuttgart, wo 1266 Erzieherinnen und Erzieher und andere Beschäftigte streikten. 'Mehr Entlastung! Mehr finanzielle Anerkennung!' - dafür demonstrierten 1500 Kolleginnen und Kollegen vom Streiklokal im DGB-Haus durch die Innenstadt zum Rathaus. Unsere Forderungen sind nicht nur finanzieller Art, wie viele Menschen meinen. Wir brauchen: Mehr sozialpädagogische Fachkräfte! Mehr Zeit für Kinder! Mehr Zeit für gute pädagogische Arbeit! Mehr Reflexion! Mehr Entlastung! Mehr finanzielle Anerkennung durch deutliche Höhergruppierungen! Die Stimmung war insgesamt sehr kämpferisch, aber auch geladen von Frust, wo keiner mehr versteht, wohin das mit der ganzen Überlastung, durch Fachkräftemangel, enorm gestiegene Anforderungen in den Krisenzeiten noch hin führen soll. Gerade auch durch die Überlastung der Familien besonders auch der Flüchtlingsfamilien, sind wir doch ständig nur „am Feuerwehr spielen“. Es fehlt über Wochen an Zeit für die Vor- und Nachbereitung der pädagogischen Arbeit. Mit meinen Kolleginnen bin ich nach diesem Streiktag darüber einig, dass wir jetzt auf jeden Fall weitermachen müssen und es offensichtlich notwendig ist, mit Urabstimmung und richtigem Streik unsere Forderungen noch mehr deutlich zu machen. Vor allem müssen wir auch noch diskutieren, wie wir noch mehr die Eltern und die Bevölkerung zur solidarischen Unterstützung gewinnen können.'

 

In Nürnberg demonstrierten 800 streikende Kolleginnen und Kollegen durch die Innenstadt. Auch in Ingolstadt gab es eine Demonstration. Unter anderem skandierten die Demonstranten: "Ende der Bescheidenheit! Erzieher sind jetzt kampfbereit". Die Erzieherin Petra Müller sprach auf der 1.-Mai-Kundgebung in Gelsenkirchen. Auch sie unterstrich, dass es in der aktuellen Tarifauseinandersetzung „um mehr Wertschätzung und um mehr Fachkräfte“ gehe. In der Stadt zeige sich, dass die gesamte soziale Arbeit am Limit sei: „Eine Fachkraft kümmert sich um 20 Kinder.“ Die Finanzen der Kommunen müssten verbessert werden, „denn Geld ist da“, appellierte sie. Eine andere Rednerin forderte nachdrücklich gleiche Rechte für Geflüchtete - ob aus der Ukraine, aus Syrien, Afghanistan oder aus Kamerun. In Streiks der Erziehungs.- und Sozialberufe durchdringt sich die Frauenbewegung mit dem gewerkschaftlichen Kampf. So wird auch der Kampf um die Befreiung der Frau in die soziale Frage einbezogen.

Streik am Uniklinikum Essen „Entlastung für Alle - sonst gibt es Krawalle“

So hallte es am Mittwochmorgen durch die Essener Innenstadt, berichtet ein Korrespondent aus Essen. Der 1. Tag des Erzwingungsstreiks für einen Tarifvertrag Entlastung an den sechs Unikliniken in NRW hat mit 1.900 Streikenden stattgefunden. In Essen beteiligten sich über 300 Kolleginnen und Kollegen. Zehn von 13 OP Sälen standen still. Die Streikenden sorgten für die komplette Schließung einzelner Stationen und Bereiche trotz massivem moralischen Druck durch die Klinikleitung. Einige führten noch Notdienste durch, signalisierten aber ihre Streikbereitschaft und werden in den nächsten Tagen mitstreiken. Natürlich wird immer eine Notversorgung aufrecht erhalten und der Streik hat als wesentliches Motiv gerade die bessere Versorgung der Patienten. Im Streikzelt wurde intensiv beraten, wie weitere Kolleginnen und Kollegen mobilisiert werden können. Ein kämpferischer Demozug zog durch den Stadtteil in die Essener Innenstadt. Am Ende fand eine lebendige gemeinsame Abschlusskundgebung mit 400 Streikenden aus dem Erziehungswesen und der Telekom statt. Am Samstag, den 07.05.2022, ruft ver.di die Beschäftigten der sechs Unikliniken zu einer Demo und Kundgebung in die Landeshauptstadt Düsseldorf auf. Starten soll der Protestzug um 12 Uhr vor dem DGB-Haus und führt zum Landtag. Hier findet um 14 Uhr eine Kundgebung statt.