Mercedes-Luxus-Strategie

Mercedes-Luxus-Strategie

Dreister Daimler-Konzern greift Arbeiter an

Die Bekanntmachung des selbständigen Streiks der EvoBus-Kollegen in Mannheim vom 29. Juni gegen die Vernichtung von insgesamt 1600 Arbeitsplätzen [1] durch die Kollegenzeitung „Stoßstange“ stößt auf breites Interesse und Sympathie der Beschäftigten in Mercedes-Benz-Werken und anderen Betrieben. Denn die Luxus- und Elektrifizierungs-Strategie des Vorstandes hat es in sich!

Von wb
Dreister Daimler-Konzern greift Arbeiter an
Luxusauto Maybach (shutterstock_1963117873)

Der Hintergrund dafür ist der verschärfte internationale Konkurrenzkampf im Automobilbereich. Diese hat sich aufgrund der Weltwirtschafts- und Finanzkrise, befeuert durch die Corona-Pandemie und Rohstoff- und Logistikkrise, sowie verschiedener Strukturkrisen aufs Äußerste zugespitzt. Letztlich überlebt und erzielt Maximalprofit nur der, der eine weltmarktbeherrschende Position hat.

 

Und genau das strebt der Vorstand von Mercedes-Benz (MB) mit seiner neuen Strategie an: „Mercedes-Benz hat die strategischen Weichen in Richtung profitables Wachstum im Luxus-Segment neu gestellt und strebt die führende Position bei Elektroantrieben und Fahrzeug-Software an.“ [2] Dieses bereits 2020 formulierte Ziel hat der Vorstand mit der vorzeitigen Umstellung der Produktion auf Fahrzeuge mit E-Antrieb ab 2030 und der strikten Konzentration auf drei Produktkategorien weiter geschärft: Top End Luxury (Maybach, S-Klasse, G-Klasse), Core Luxury (E-Klasse) und Entry Luxury (C-Klasse).

 

Im Mittelpunkt steht dabei der „Anspruch, die begehrenswertesten Autos der Welt zu bauen“, so MB-Chef Ola Källenius, bei der Vorstellung der Luxus-Strategie. [3]  Begehrenswert soll also eine Maybach-S-Klasse sein, mit Preisen von 165.000 Euro aufwärts oder eine S-Klasse, die man in der Basisausführung schon knapp unter 100.000 Euro bekommt? Einer Summe, für die ein durchschnittlich verdienender Facharbeiter zwei bis drei Jahre arbeiten würde! Aber dafür gibt es einen Elektro-Antrieb mit einer Reichweite von 770 km, großen Head-up-Display in der Windschutzscheibe, einem "intelligenten Infotainment-System" und  einem Drive Pilot, wo man auf Autobahnen bei Staus bis 60 km/h hochautomatisiert fahren kann. So sieht Luxus aus, der im guten alten Duden als „übersteigerter, nicht notwendiger, nur zum Vergnügen betriebener Aufwand“ definiert wird. Reinste Dekadenz!

 

Bei dem Gedanken, in Zukunft nur mehr für die Reichen oder die Luxus-Klasse zu produzieren, schüttelt es nicht wenige Mercedes-Kollegen. „Ich empfinde die Strategie als arrogant und größenwahnsinnig". „Nur noch Luxus-Autos. Damit hat Mercedes-Benz keine gesellschaftlich relevante Funktion mehr", heißt es in Kommentaren auf sozialen Netzwerken. Schon Lenin bezeichnete den Kapitalismus in seiner monopolistischen und imperialistischen Stufe als  „parasitär oder faulender Kapitalismus“. Denn für Manager wie Källenius ist selbst in Krisenzeiten nur die Steigerung der Umsatzrendite auf  14 Prozent „begehrenswert“ - auch wenn die Autos keinen gesellschaftlichen Nutzen haben.

Aus für die A- und B-Klasse

Im Zuge der Luxus-Strategie sollen bis 2025 „drei von sieben Kompaktwagen gestrichen“ werden. Schnell war klar, dass dies das Aus für die A- und die B-Klasse bedeutet, die in Rastatt mit 6.500 Beschäftigten und im ungarischen Kecskemet produziert werden. Obwohl die A-Klasse der meistverkaufte Mercedes in Europa war, mit 500.000 Stück  2019 und 2021 noch 322.800, zählt für den Vorstand nicht der Gebrauchswert, sondern nur die kapitalistische Logik:  Mit einem Festhalten an der Produktion „wäre das Ziel gefährdet, bis 2025 eine Umsatzrendite von mehr als 14 Prozent auf Konzernebene zu erzielen.“ [4]  Betroffen sind damit auch die Motorenwerke Kölleda, Untertürkheim und Renault, sowie die Fahrwerksumfänge von Untertürkheim und Hamburg.

Von Unruhe in betroffenen Belegschaften

berichten die „Badische Neueste Nachrichten“ [5]. Der MDR-Sender lässt dagegen eine Sprecherin des Unternehmens zu Wort kommen, in Kölleda gebe es wegen der Ankündigung "keine große Aufregung". [6] Dass das „Umfeld von Källenius“ sich zu folgenden Dementi genötigt sieht, widerspricht dem jedoch: „Von einem „Schrumpfkurs“ könne keine Rede sein.“7 Ebenso, dass am 29. Juni der MB-Vorstand das neue Produktionsnetzwerk zur Konzentration auf die Luxus-Autos mit E-Antrieben als „Sicherung der Beschäftigung und der Zukunft der Belegschaften“ präsentierte. Für Rastatt z.B. sollen „ab 2024  neue Modelle auf Basis der MMA-Plattform vom Band laufen.“ Genaueres? Fehlanzeige!

Spekulation statt seriöser Prognose

Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Ergun Lümali und sein Stellvertreter Michael Häberle tragen die Luxus-Strategie des Vorstandes mit. Letzterer geht nicht von einer gesamthaften „Stückzahlreduzierung“ aus, weil er erwartet, dass MB „mit der Luxusstrategie auch weiterhin wachsen“ [7] will. Doch es ist spekulativ, dass in einer Zeit tiefster und gleichzeitig wirkender Krisen es eine wachsende Zahl von wohlhabenden Käufern gibt.5 Bereits in der Weltwirtschafts- und Finanzkrise von 2008 bis 2014 wurde „die Luxusbranche weit stärker (getroffen) als erwartet.“ [8] Das galt auch für Mercedes, der „im Januar 2009 ... im Vergleich zum Januar im Vorjahr 30 Prozent bei den Neuzulassungen (verlor), während der Gesamtmarkt nur um 14,2 Prozent fiel.“   

Neue Anforderungen an das Klassenbewusstsein

Auf einer Centerversammlung am 28. Juni im Werk Untertürkheim gab es auffallend wenig Beifall für den Centerleiter, der die neue MB-Strategie vorstellte. Auch was die „kritische Begleitung“ der Betriebsratsführung angeht, gibt es viel Skepsis der Kolleginnen und Kollegen. Denn sie erleben live, wie im Zuge der E-Campus-Pläne Fertigungslinien eingestellt und Hallen abgerissen werden. Und dass sie in der Luft hängen, welche Arbeit sie in Zukunft machen und wie es mit der Zukunft der Belegschaft aussieht. Doch es mangelt noch an einer positiven Verarbeitung der Enttäuschungen in „den Daimler“, die Co-Managementpolitik der reformistischen Führung und dem Fertigwerden mit der bürgerlichen Ideologie, nach der die (Automobil-)Arbeiter keine Zukunft hätten.

 

Die MLPD und ihre Betriebsgruppen bei Daimler messen deshalb der Herausbildung der Klassenselbständigkeit der Arbeiter und der notwendigen Erhöhung ihrer Kampfkraft größte Bedeutung bei: So wie bei EvoBus in Mannheim (Daimler Truck) mit ihrem Streik gegen Arbeitsplatzvernichtung stehen selbständige Streikaktionen für Lohnnachschlag ebenso wie politische Kampfmaßnahmen gegen den Kriegskurs der Bundesregierung und Weltkriegsgefahr als Anforderung an die Belegschaften beider Daimler-Sparten. Solche, zum Teil noch spontanen Kämpfe, zu hart geführten gewerkschaftlich und selbständig organisierten Streiks in Teilbereichen hin zum konzernweiten Streik höherzuentwickeln – das „zielt auf den Übergang von der strategischen Defensive der internationalen Arbeiterklasse zur strategischen Offensive bis zur sozialistischen Revolution“ [9] ab.