Bezug zur indonesischen Geschichte

Bezug zur indonesischen Geschichte

Documenta 15: Enttarnter Antisemitismus oder verkannter Antikommunismus?

Der Philippinen- und Südostasien-Experte Dr. Rainer Werning hat zur Debatte um die Documenta 15 den Beitrag* "Enttarnter Antisemitismus oder verkannter Antikommunismus?" verfasst, der einen wichtigen Bezug zur indonesischen Geschichte herstellt, den man sonst nicht zu lesen kriegt. "Rote Fahne News" dokumentiert.

Gastbeitrag von Dr. Rainer Werning

Am 24. Juni veröffentlichte die indonesische Künstlergruppe Taring Padi, deren inkriminiertes Riesenbanner mit dem Titel „People’s Justice“ wieder zurückgezogen, eingerollt und entfernt wurde, eine Stellungnahme, in der es u.a. heißt: „Als Kollektiv von Künstlerinnen und Künstlern, die Rassismus jeglicher Art verurteilen, sind wir schockiert und traurig über die mediale Berichterstattung, die uns als antisemitisch bezeichnet. Mit Nachdruck möchten wir unseren Respekt für alle Menschen bekräftigen, unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit, Race, Religion, Gender oder ihrer Sexualität. Zum besseren Verständnis unserer Bildsprache wollen wir auf den inhaltlichen Bezug zur indonesischen Geschichte und Entstehung unseres Kunstwerks eingehen. Das acht mal zwölf Meter große Banner People’s Justice wurde 2002 in Yogyakarta, Indonesien, von zahlreichen Mitgliedern unseres Kollektivs gemeinsam erstellt. Das Bild entstand vor dem Hintergrund der schwierigen Lebensbedingungen, die wir unter einer Militärdiktatur erfahren hatten, in der Gewalt, Ausbeutung und Zensur an der Tagesordnung waren. Wie viele unsere Kunstwerke versucht das Banner, die komplexen Machtverhältnisse aufzudecken, die hinter diesen Ungerechtigkeiten stehen. Insbesondere geht es um den Massenmord an mehr als 500.000 Menschen in Indonesien im Jahr 1965, der bis heute nicht aufgearbeitet wurde.“

 

Einen wahren Proteststurm lösten dabei vor allem zwei auf dem Banner dargestellte Figuren aus – eine trägt in Form eines Schweinsgesichts auf dem Schutzhelm die Inschrift „Mossad“ und die andere wird präsentiert mit Anzug, gezackten Raffzähnen, einer Zigarre im Mundwinkel und SS-Runen auf schwarzer Hutkrempe. Vor Letzterer ist ein überdimensionales, furchteinflößendes Fabelwesen platziert, welches im Sinne der Künstlergruppe womöglich den Architekten des Massenmordes Mitte der 1960er Jahre symbolisiert – nämlich General Suharto. Er war als Gebieter über das größte und bevölkerungsreichste Land Südostasiens der ausgesprochene Darling der „westlichen Wertegemeinschaft“. Da sein Vorgänger und Staatsgründer Ahmed Sukarno von eben dieser „Wertegemeinschaft“ verdächtigt wurde, sich allzu stark gen Volksrepublik China zu orientieren, galt er als unsicherer Kantonist. ...

 

Laut Recherchen des israelischen Menschenrechtsanwalts Eitay Mack [1] knüpfte der Mossad Kontakte mit dem indonesischen Militärregime, um gemeinsame Handelsprojekte in die Wege zu leiten und bilaterale Austausch- und Besuchsprogramme von Beamten und Militärs zu organisieren, die freilich unter strengster Geheimhaltung stattfanden. In dem Dokument, das der Mossad am 6. April 1967 im Vorfeld des Besuchs einer indonesischen Delegation erstellte, hieß es: „Wir wissen wenig über ihren Charakter, ihre Denkweise oder ihre tatsächlichen Beziehungen zu uns. Dennoch sollten wir sie nicht wie Afrikaner behandeln, sondern eher so, als wären sie Europäer.“ [2] ...

 

(Und) Für die in- wie ausländische Imagepflege Suhartos als stets „lächelnden General“ zeichnete ausgerechnet Rudolf Oebsger-Röder, ein glühender Ex-Nazi und SS-Obersturmbannführer, verantwortlich. Nach dem Krieg war Röder unter anderem hauptberuflich für die Organisation Gehlen, den Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes (BND), tätig. Später arbeitete er in Jakarta unter dem Namen O. G. Roeder sowohl als BND-Mitarbeiter als auch als Korrespondent für die Süddeutsche Zeitung und die Neue Zürcher Zeitung. In der indonesischen Metropole gelang es ihm, sozusagen als ideeller Gesamtnazi auf dem Archipel, Zugang zu Suharto zu finden und als dessen Berater und Biograph zu wirken.

 

Roeders Chef, der ehemalige Nationalsozialist und erste Präsident des BND bis 1968, Reinhard Gehlen, hatte in einem Mitte Oktober 1996 ausgestrahlten Beitrag des ARD-Fernsehmagazins Monitor den Machtantritt Suhartos mit den Worten gepriesen: „Der Erfolg der indonesischen Armee, die (…) die Ausschaltung der gesamten kommunistischen Partei mit Konsequenz und Härte verfolgte, kann nach meiner Überzeugung in seiner Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.“ [4]

 

Könnte es sein, dass in Kassel eine bewusst eindimensionale Bild-„Interpretation“ – auf wessen Initiative und mit welchem Nutzen?! – betrieben wurde? Wenn in Deutschland „antisemitische Bilder“ indonesischer Künstler einen Sturm der Entrüstung entfachen, sollte die bundesdeutsche Unterstützung der sogenannten „Neuen Ordnung“ unter dem Schurken Suharto und dessen entfesselter antikommunistischer Blutrausch wenigstens nicht länger mehr verheimlicht werden. In dieser Hinsicht und erst recht mit Blick auf aktuelle Entwicklungen in Gesellschaft, Politik und Kunst dies- wie jenseits von Kassel besteht also reichlich Gesprächsstoff, über den sich trefflich reden, diskutieren und rational streiten ließe. So das denn überhaupt noch gewollt ist.

 

Hier steht der Beitrag von Dr. Rainer Werning in voller Länge zur Verfügung