Zu wenig Klassenzusammenarbeitspolitik

Zu wenig Klassenzusammenarbeitspolitik

Warum VW-Chef Diess geschasst wurde.

Am 22. Juli hat der Aufsichtsrat von VW in einer Video-Konferenz die Ablösung des bisherigen VW-Chefs Herbert Diess von der Konzernspitze angeblich im „gegenseitigen Einvernehmen“ bekanntgegeben. Diess bleibt bis zur Rente in drei Jahren für schlappe 30 Mio. Euro als „Berater“ des Vorstands bei VW. Als seinen Nachfolger berief der Aufsichtsrat zum 1.9. den bisherigen Porsche Chef Oliver Blum, der diese Aufgabe auch weiterhin behalten soll.

Von gp

Die Ablösungsentscheidung war im engsten Kreis der Eigentümer-Familien Porsche und Piech getroffen worden. In den bürgerlichen Medien wird Diess als „genialer Visionär und Meister der Ankündigungen“ gefeiert. Auch Wolfgang Porsche lobt Diess: „Es ist sein besonderes Verdienst, dass der Volkswagen-Konzern heute in einer starken Position für die weitere Transformation ist.“ Dazu gehören die Konzentration auf die E-Mobilität und die einheitliche Durchsetzung der  Elektro-Plattform MEB für alle PKW-Marken. Diess erkannte, dass Software, autonomes Fahren und Big Data in Zukunft das Autogeschäft dominieren werden. Und dass man dieses Know-how daher nicht aus der Hand geben dürfe. Deshalb gründete er die Software Konzerntochter Cariad [1]. Ebenso plante er, Volkswagen zu einem voll integrierten Mobilitätskonzern umzubauen.

 

Warum musste er trotzdem als Vorstandsvorsitzender gehen? Als hauptsächlichen Grund wird über die bürgerlichen Medien verbreitet, Diess sei zwar „strategisch brillant, aber mit massiven Defiziten bei Führung und Umsetzung“. [2] So werden ihm u.a. das Chaos bei der Softwaretochter Cariad angelastet, das die Modellplanung des Konzerns ausbremst und dazu führt, dass wichtige Fahrzeuge erst Jahre später auf den Markt kommen können. Das wirft VW strategisch vor allem auf dem wichtigen chinesischen Markt zurück.

 

Dies und andere Auseinandersetzungen haben sicher eine Rolle bei der Ablösung von Diess gespielt, waren aber nicht der wesentliche Grund. In den bürgerlichen Medien, aber auch von seinem Umfeld wird vor allem sein Führungsstil kritisiert. Diess suche mit seiner  „Hauklotz-Rhetorik“ immer die Konfrontation. Diess hat sich damit nicht nur in seinem eigenen Haus Feinde gemacht. Sein Stil passte so gar nicht zu dem seit Jahrzehnten propagierten Bild der VW-Familie. Dieser Stil kam vor allem bei den Belegschaften nicht an und brachte sie gegen den Vorstand auf.

 

Vor allem, als er Mitte Oktober 2021 für alle überraschend die Vernichtung von 30 000 Arbeitsplätzen in Deutschland verkündete. Damit hat er gegen die bei VW gepflegte Politik der Klassenzusammenarbeit, dem Suchen nach „gemeinsamen Lösungen“ [3] verstoßen und für erhebliche Unruhe unter den Belegschaften gesorgt. Diess musste deshalb zurückrudern, wobei er nur die Wahrheit gesagt hat: die massenhafte Vernichtung von Arbeitsplätzen durch die Umstellung auf die E-Mobilität, denen nur eine geringe Zahl neuer Arbeitsplätze gegenüberstehen. Dies durchzuziehen war Diess nicht der richtige Mann. Demgegenüber wird sein Nachfolger, Oliver Blum als „Teamplayer“ gelobt, der „für Ruhe im Laden sorgen“ soll. [4] Ob ihm das gelingen wird, bleibt ernsthaft zu bezweifeln.

 

 

[1]  Bei Cariad soll die gesamte Software Entwicklung gebündelt und die einheitliche Software-Plattform entwickelt werden.

[2]    www.automobilwoche.de, 23.7.22

[3]  So die Vorsitzende des Gesamtbetriebsrates von VW, Daniela Cavallo, Berliner Zeitung 4.11.21

[4]  www.automobilwoche.de, 23.7.22