Antwort auf einen Leserbrief
Zu: „Getreideblockade in der Ukraine – Was tun?“
Die folgende Antwort des Autors des Artikels „Getreideblockade in der Ukraine – Was tun?“, welcher am 15. Juni auf „Rote Fahne News“ erschienen ist, bezieht sich auf einen Leserbrief zu diesem Artikel.
… Viele Dank für Deine Zuschrift. Du schreibst: „Es handelt sich zunächst einmal um eine typische kapitalistische Überproduktionskrise.“ Das wäre innerhalb der Ukraine nur möglich, wenn sie von der Welt abgeschottet wäre, was sie aber bisher nicht ist. Der drohende oder auch teilweise Ausfall der Getreide-Exporte aus der Ukraine hat deshalb solche Auswirkungen auf den Weltmarkt, weil die Weltgetreideproduktion mit dem weltweiten Verbrauch seit Jahren gerade eben Schritt hält.
Durch Dürre- oder Flutkatastrophen wird die Versorgung unsicherer. Die Spekulation spielt eine große Rolle und führt dazu, dass sehr schnell, je nach Gegebenheiten, die Preise nach unten oder oben getrieben werden. Hatten wir zu Beginn der Weltwirtschafts- und Finanzkrise in Wechselwirkung zur Corona-Pandemie noch deutlich gefallene Preise (2019 bis Mitte 2020) auf dem Weltmarkt, hat sich das mit Vorbereitung und Beginn des Ukraine-Kriegs komplett umgedreht. Weltweit sind die Preise für Agrarrohstoffe regelrecht explodiert und zwar bereits im zweiten Halbjahr 2021 mit dem horrenden Anstieg der Energie- und Düngerpreise.
Mit dem Beginn des Ukraine-Kriegs gab es einen erneuten Anstieg! Die Weizenpreise wurden weltweit hochgetrieben - auf bis zu 440 Euro pro Tonne. Das ist mehr als das 2,5-fache von 2021 (170 Euro/t). Wie Du selbst richtig schreibst, kann man jederzeit Getreide in die EU ausführen. Der Artikel bzw. das Argument behandelte lediglich die Frage, ob man 25 Millionen Tonnen Getreide mal eben innerhalb von vier bis sechs Wochen wegtransportieren kann. Darüber schwurbelte ja auch Cem Özdemir, dass man mit LKW, Bahn oder Binnenschiffe Getreide wegfahren müsste. Das kann man auch, aber eben nicht in der Zeit und nicht mit 25 Millionen Tonnen! Das geht nur über den Seeweg mit Schiffen, die mehr als 10.000 bis zu 100.000 Tonnen (je nach Tiefgang der Häfen) laden können.
Wie die Weizenpreise im Inland der Ukraine für die eigene Bevölkerung aussehen, ist eine andere Frage. Dazu gibt es leider kaum Berichte. Die Bevölkerung in der Ukraine wird meines Wissens vorwiegend durch viele Kleinbauern ernährt, die ihre Produkte für sich selbst und einen Teil für die lokalen Märkte produzieren. Ein Preisverfall innerhalb der Ukraine durch die Getreideberge würde der Bevölkerung eher helfen.
Der Großteil der landwirtschaftlichen Flächen wird von Großagrariern und Agrarmonopolen bewirtschaftet, die für den Export produzieren. Du schreibst: „Die Getreidepreise sind in der Ukraine so weit im Keller, dass der Verkauf nicht die neue Ernte finanziert“. Das stimmt so nicht, denn die neue Ernte wächst bereits auf den Feldern heran, trotz Krieg.
Schätzungen gehen zwar von einer geringeren Getreideernte in der Ukraine aus, die aber nicht nur vom Krieg verursacht ist, sondern auch durch Trockenheit in bestimmten Regionen. Es wird im Moment mit 22,5 Millionen Tonnen Getreide gerechnet (aufgrund von Satellitendaten), das wären 17 Prozent weniger als im Durchschnitt der letzten Jahre.
Die Frage ist nur, wo es gelagert werden soll. Auch wenn der Weizenpreis zuletzt gesunken ist - von 440 Euro je Tonnen auf 370 Euro, dann ist das immer noch mehr als doppelt so viel wie 2021! Jede LKW-Ladung, die in die EU exportiert werden kann, wird sehr hoch bezahlt. Allerdings hast Du recht: Auch das geht alles nur, so lange Frachtkosten und Umschlagskosten die hohen Preise nicht komplett auffressen. Logistisch ist es nur sinnvoll, den Transport mit möglichst kurzen Strecken und mit möglichst wenig Umschlagskosten (Be- und Entladen) durchzuführen, also mit LKW zum nächstgelegenen Seehafen. Das geht letztlich nur über Verhandlungen mit Putin, über die Freigabe der Häfen.
Ein anderer Leser wies darauf hin, dass Binnenschiffe auf der unteren Donau bis 10.000 Tonnen laden könnten. Das kann sein, aber die Beladung mit so einer Menge dauert mehrere Tage. Und durch den Main-Donau-Kanal in den Rhein kommen nur Binnenschiffe bis maximal 2000 Tonnen! Auch die Verarbeitung zu Mehl würde natürlich die Menge verringern, aber bei 20 bis 25 Millionen Tonnen!?
Herzliche Grüße