Immer wieder unter Beschuss

Immer wieder unter Beschuss

AKW Saporischschja – atomares Pulverfass

Immer mehr Menschen blicken mit Sorge um einen Super-GAU auf das ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja, das seit Wochen immer wieder unter Beschuss steht. Mit sechs Reaktoren ist es die leistungsstärkste Nuklearanlage Europas.

Von dr
AKW Saporischschja – atomares Pulverfass

Satellitenbilder zeigen mehrere Einschläge auf dem Gelände, einer davon nahe dem Lager für abgebrannte Brennstäbe. Atomkraftwerke sind nicht ausgelegt, militärischen Geschossen standzuhalten. Zum Glück ist offensichtlich noch kein Reaktor direkt getroffen. Die anhaltenden Kriegshandlungen bergen aber weiterhin die Gefahr, dass das AKW durch Beschuss außer Kontrolle gerät. Im Falle eines Supergaus könnte sich die radioaktive Strahlung je nach Windrichtung über große Teile der Ukraine und Europas ausbreiten.

Situation bei Atomunfall ist unbeherrschbar

Die dramatische Situation zeigt, dass die unverantwortliche Nutzung der Atomkraft in Kriegen noch gefährlicher ist als sowieso schon. Das Kraftwerk liegt unweit der Front nahe der Stadt Enerhodar im Südosten der Ukraine, direkt am Fluss Dnepr, der die russisch besetzten Gebiete von denen trennt, die weiter in der Ukraine gehalten werden. Sollte es zu einem Unfall kommen, bei dem Radioaktivität freigesetzt wird, wäre das Krisenmanagement – wie beispielsweise Evakuierungen – deutlich erschwert. Einsatzkräfte und die erforderliche Infrastruktur – wie Krankenhäuser, öffentliche Verkehrsmittel, Kommunikationsnetze, Stromversorgung – sind nur eingeschränkt verfügbar. Zu einem GAU erklärte die Vorsitzende der Ärzteorganisation IPPNW, Dr. med. Angelika Claußen: "Gegen radioaktive Strahlung gibt es kaum ärztliche Hilfe. Jodtabletten müssten mindestens 12 Stunden im Voraus eingenommen werden und würden nur gegen die Entwicklung eines Schilddrüsenkrebses helfen. Alle anderen radioaktiven Isotope würden dennoch aufgenommen und könnten zu katastrophalen gesundheitlichen Auswirkungen auf einen Großteil der Bevölkerung in der Ukraine und den umliegenden Ländern führen.“ [1]

Genfer Konvention nichts wert

Laut Genfer Konvention sind Atomkraftwerke besonders sensible Güter und als militärische Ziele ausgeschlossen. In imperialistischen Kriegen werden solche Abkommen oder Appelle schnell weggewischt und die Eigengesetzlichkeit der militärischen Eskalation bestimmt die Handlung. Die ukrainische und die russische Regierung machen sich gegenseitig verantwortlich. Die ukrainische Regierung setzt jedenfalls ihre Versuche fort, Gelände von der russischen Armee zurückzuerobern, was ihre Forderung nach Demilitarisierung der Kraftwerksumgebung ad absurdum führt, und fordert den Rückzug der russischen Armee aus dem AKW. Das Kraftwerk selbst ist von der russischen Armee seit März in eine Art Festung mit 500 Soldaten, Granatwerfern, Panzer- und Flugabwehrraketen verwandelt worden.

Hoffen auf die Internationale Atomenergiebehörde?

Gestern traf die 14-köpfige Mission der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) unter Leitung von IAEA-Chef Rafael Grossi dort ein, um die Schäden zu analysieren und die Sicherheit zu begutachten. Eine erste Analyse will sie heute Abend bekannt geben. Bislang berichtete die bürgerliche Presse, dass die ukrainischen Mitarbeiter und die russische Leitung des Kraftwerks trotz schwieriger Umstände professionell und engagiert arbeiten. Die Zustimmung der russischen Regierung zur Mission soll den Eindruck vermitteln, als sei sie der „verantwortungsvolle Nutzer und Betreiber der Nuklearanlage“ und die Besetzung des AKW legitim. Unabhängige Journalisten wurden jedenfalls nicht zugelassen. Die bürgerliche Presse schürt indessen die falsche Hoffnung, dass das Interesse Russlands am Strom und beider Länder an der Vermeidung einer großflächigen Kontamination ihrer Gebiete mit Radioaktivität sie zur Vernunft bringe.

Entmilitarisierte Zone unter UN-Aufsicht?

Das fordert der IPPNW. Ein Rückzug der Truppen aus der unmittelbaren Nähe des AKW kann aber nur ein erster Schritt sein und ist begrenzt, da der Krieg immer intensiver mit Drohnen und Raketen geführt wird und ein unbeabsichtigter Einschlag nicht ausgeschlossen werden kann. Nur die sofortige Beendigung des Krieges und die Abschaltung aller AKWs, wie es die MLPD fordert, kann die notwendige Sicherheit der Bevölkerung gewährleisten.

 

 

 

 

 

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