Argument

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Reibach mit den Allerkleinsten

„Wenn Sie das medizinisch Richtige tun und eine Frühgeburt verhindern, werden sie ökonomisch bestraft“ sagt Anton Scharl, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe.

Anna Bartholomé

Und der Leiter der Frühgeborenenmedizin am Uniklinikum Tübingen spricht Klartext: „Ich weiß, dass Kinder aus ökonomischen Gründen früher auf die Welt geholt werden.“ (Süddeutsche Zeitung 5.9.2022)

 

Wenn ein Baby zu früh auf die Welt kommt, dann kann das viele medizinische, psychische und soziale Gründe haben. Diese Sorgenkinder tragen nicht selten lebenslang bleibende Schäden davon. Aber warum kommen in Deutschland deutlich mehr Kinder zu früh auf die Welt im Vergleich zu anderen europäischen Ländern?

 

2004 wurde im deutschen Gesundheitswesen die so genannte Fallpauschale eingeführt. In rasendem Tempo wurden aus Krankenhäusern zur Daseinsfürsorge „Profitzentren“ -  in privater oder auch staatlicher Hand. Für die Kliniken lohnt es sich einfach nicht, eine Frau, bei der die Wehen vorzeitig eingesetzt haben, über mehrere Wochen so zu betreuen, dass das Baby weiter wachsen und möglichst nahe am normalen Geburtstermin zur Welt kommen kann.

 

Werden die Geburten dagegen früher eingeleitet, steigen die Erlöse der Krankenhäuser – gestaffelt nach Gewicht! Bei einem Frühchen unter 1.000 Gramm beträgt die Fallpauschale 150.000 Euro, bei den Winzlingen unter 600 Gramm fast 200.000 Euro – bei Komplikationen und Eingriffen kann das sogar noch mehr werden ...

 

Auch die Zahl der Kaiserschnittgeburten hat sich in Deutschland seit 1991 verdoppelt. Medizinische Gründe? Fehlanzeige. Aber der Protest bleibt nicht aus: Gegen die Schließung kleinerer, ortsnaher Geburtstationen, die miese Bezahlung von Hebammen und ausgebildeten Kinderkrankenschwestern usw.

 

Ein krankes kapitalistisches Gesellschaftssystem gebiert ein krankes Gesundheitswesen. Das schreit nach einer grundsätzlichen Alternative.