Großbritannien
Es lebe die „gute alte Zeit“?
Schaut man dieser Tage über den Ärmelkanal zu unseren britischen Nachbarn, fühlt man sich ein wenig in der Zeit verloren. Da rufen Menschen in altertümlichen Gewändern einen König aus, während der Leichnam seiner Mutter auf einer Kanonenlafette durchs halbe Land gekarrt wird. Man feiert halt die „gute alte Zeit“ und dazu gehört angeblich ein König.
Und dann auch noch einer mit an einzelnen Punkten fortschrittlichen Ansichten, wie uns gerade allenthalben via bürgerliche Massenmedien erklärt wird. Nur: Der Mann bekommt für seinen royalen Lebenswandel Millionen an Steuergeldern. Seine Bio-Haferkekse, die es in jedem Supermarkt auf der Insel zu kaufen gibt, dürften damit die am teuersten subventionierten Lebensmittel aller Zeiten sein – während sich auf den Straßen Londons täglich die Zahl der Obdachlosen mehrt.
Während Kritiker der Monarchie, die ihre Meinung bei dem Schauspiel frei zu äußern versuchen, von der Polizei rigoros vertrieben, geschlagen und in Haft genommen werden, zeigt selbst die BBC nur Bilder von einem trauernden Volk um seine Königin. Personenkult? Ich bitte Sie … . Es ist doch nur eine Verehrung der „guten alten Zeit.“
Zu dieser gehört allerdings auch die Namensgebung des aktuellen Königs, die eigentlich kein gutes Omen für dessen Regierungszeit darstellt: Es gab bereits zweimal einen gekrönten Charles in der britischen Geschichte. Beide sahen sich als Vertreter des gottgegebenen Königtums. Der eine wurde enthauptet, der andere musste vor der Revolution unter Oliver Cromwell nach Frankreich flüchten und zeugte dort Dutzende von unehelichen Nachkommen. Ich würde mir an seiner Stelle ja Gedanken machen.
Zur „guten alten Zeit“ gehört auch die Legende, dass Großbritannien keine Monarchie mehr sein wird, wenn die Raben, die um den Tower von London kreisen, diesen dereinst verlassen werden. Kein Wunder werden die Viecher von einem extra abgestellten Bediensteten gut gefüttert. Merkwürdigerweise hat sich noch kein Uhu und haben sich noch keine Greifvögel in das Areal rund um den Tower verirrt. Aber das wäre dann nicht nur genug der „guten alten Zeit“, sondern auch Mystizismus. Die Umwälzung in Großbritannien, die die Monarchie dereinst beenden und eine neue Zeit anbrechen lassen wird, müssen die Massen im Land schon noch selber machen.