Skandalurteil im Fretterode-Prozess

Skandalurteil im Fretterode-Prozess

Schlag ins Gesicht investigativer Journalistinnen und Journalisten

Mit berechtigter Empörung reagiert die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di auf die Gerichtsentscheidung im Fretterode-Prozess am 15. September. Unter der Überschrift "Urteil im Fretterode-Prozess: Schlag ins Gesicht investigativer Journalistinnen und Journalisten" hat die dju eine Pressemitteilung veröffentlicht.

Darin heißt es: "Wegen des brutalen Angriffs auf zwei Göttinger Journalisten, bei denen einer eine Schädelfraktur und der andere eine Stichwunde im Oberschenkel erlitt, wurden die beiden angeklagten Neonazis Gianluca Bruno und Nordulf Heise zu einem Jahr auf Bewährung und 200 Arbeitsstunden verurteilt. 'Dieses skandalöse Urteil ist ein Schlag ins Gesicht, nicht nur der beiden angegriffenen Journalisten, sondern all unserer Kolleginnen und Kollegen, die sich mit ihren Recherchen zum Rechtsextremismus Tag für Tag großen Gefahren für Gesundheit und Leben aussetzen', zeigte sich die Bundesgeschäftsführerin der dju in ver.di, Monique Hofmann, fassungslos und erklärte zugleich ihre Solidarität mit den beiden Journalisten."

 

Beide Täter kommen aus dem familiären bzw. Freundes-Umfeld des aktiven Faschisten Thorsten Heise. Auf der antifaschistischen Webseite "Endstation Rechts" ist ein Bericht unter der Überschrift "Urteil im Fretterode-Prozess sorgt für Empörung" veröffentlicht:

 

Eine zwölfmonatige Bewährungsstrafe für Gianluca B., 200 Arbeitsstunden für Nordulf H.: Der Prozess um den brutalen Angriff der beiden Neonazis auf Journalisten in Thüringen ist nach einem Jahr mit sehr milden Urteilen zu Ende gegangen. Als Sven Adam nach dem Urteilsspruch vor die Kameras trat, war er, was nur sehr selten vorkommt, beinahe sprachlos. „Das Urteil ist entsetzlich“, sagte der Rechtsanwalt, der im sogenannten Fretterode-Prozess einen der beiden von Neonazis angegriffenen Journalisten vertreten hat. „Die Entscheidung verharmlost eine Gewalttat, mit der Neonazis eine No-Go-Area für Journalisten schaffen wollten.“

 

Am 29. April 2018 hatten zwei auf Rechtsextremismus-Recherchen spezialisierte Reporter das Anwesen des einflussreichen NPD-Bundesvize und Kameradschaftsführers Thorsten Heise im thüringischen Fretterode beobachtet und Fotos gemacht. Nachdem sie bemerkt worden waren, wurden sie von Heises Sohn Nordulf H., heute 23, und dem Heise-Vertrauten und damaligen NPD-Funktionär Gianluca B., heute 28, erst im Auto über die Straßen der Region gejagt und dann brutal angegriffen. Gianluca B. schlug einem der beiden mit einem Traktorschraubenschlüssel den Schädel ein, Nordulf H. stach dem anderen mit einem Messer ins Bein.

 

Nach mehr als einjährigem Prozess verurteilte das Landgericht in Mühlhausen die beiden Neonazis am Donnerstag zu äußerst milden Strafen: Gianluca B. kam mit einer zwölfmonatigen Bewährungsstrafe davon. Nordulf H., der zur Tatzeit noch Heranwachsender gewesen war, muss sogar nur 200 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Neben der gemeinschaftlichen gefährlichen Körperverletzung hielt die Strafkammer lediglich noch Sachbeschädigungen am Auto der Journalisten für erwiesen. Den ebenfalls angeklagten Raub der 1.500 Euro teuren Kameraausrüstung habe man nicht aufklären können, sagte Strafkammervorsitzende Andrea Kortus.

 

Die Angeklagten hatten sich vor Gericht als brave Bürger zu inszenieren versucht. Ihre halsbrecherische Verfolgungsjagd, Stoßstange an Stoßstange, wie Augenzeugen berichteten, stellten sie als verkehrsregelkonformes Hinterherfahren dar. Ihre Attacke erklärten sie zur Notwehr: Lediglich das Recht am eigenen Bild hätten sie durchsetzen wollen, ganz friedlich, und seien dann von den beiden Männern angegriffen worden.

 

Die Täter als die wahren Opfer und ihre Widersacher als „Antifa-Schläger“: Das war die Geschichte, an der die Verteidigung, ungeachtet der Beweislage, bis zuletzt festhielt. Szene-Anwalt Klaus Kunze verstieg sich in seinem Plädoyer gar zu der Formulierung, sein Mandant Gianluca B. sei „unschuldig wie ein neugeborenes Kind“. Sein Kollege Wolfram Nahrath räumte für Nordulf H. allein die zerstochenen Reifen und zertrümmerten Fensterscheiben am Auto der Journalisten ein. Dafür reiche eine Geldstrafe in Höhe von 200 Tagessätzen wegen Sachbeschädigung, befand der Berliner Rechtsaußenanwalt und forderte ansonsten wie sein Co-Verteidiger einen Freispruch.