Ukrainekrieg

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Russlands Teilmobilmachung: Eine weitere Eskalation

Der russische Präsident Wladimir Putin hat in der vergangenen Woche eine Teilmobilmachung angeordnet. Es ist die erste des Landes seit dem Zweiten Weltkrieg.

Von jg

Nach russischen Angaben sollen angeblich 300.000 Reservisten eingezogen werden. Vermutlich sind es sehr viel mehr. In Russland selbst wie auch in den bürgerlichen Medien des Westens wird dies im Gegensatz zu einer Generalmobilmachung behandelt. Doch ähnlich wie Putins Begrifflichkeit der »militärischen Spezialoperation« für den Ukrainekrieg und die russische Aggression ist auch die Begrifflichkeit der „Teilmobilisierung“ sehr fragwürdig.

Die Stärke der russischen Armee

Wladimir Putin vermeidet bewusst den Begriff der Generalmobilmachung, da dies große innenpolitische Risiken birgt. Schon gegen die »Teilmobilmachung« gab es Proteste in mindestens 38 russischen Städten am vergangenen Mittwoch. Das russische Regime reagierte äußerst nervös und es gab mindestens 1300 Festnahmen. Es waren die ersten größeren Proteste, die bekannt wurden, seit denen zum Kriegsbeginn Ende Februar/Anfang März. Genossen der marxistisch-leninistischen Plattform (Russland, Mitgliedsorganisationen der revolutionären Weltorganisation ICOR) berichteten, dass Putin bei der Rekrutierung von Soldaten bisher stark auf Freiwillige gesetzt hat, die mit relativ hohen Geldern gelockt worden. Insbesondere in ländlichen Gebieten mit Familien, die in großer Armut leben. So erhalten Familien für gefallene Soldaten zynisch 10.000 Euro!

 

Russland hat etwa 850.000 aktive Soldaten, im Vergleich zu 200.000 in der ukrainischen Armee. Beide Länder verfügen über etwa die gleich hohe Zahl an Reservisten, ca. 250.000. Allerdings gibt es bei dieser Zahl auch erhebliche Unsicherheiten. Zum Vergleich: Die NATO verfügt nach eigenen Angaben über 3,3 Millionen Soldaten, der US- Imperialismus über 1,39 Millionen. Mit über 2 Millionen aktiver Soldaten verfügt das neuimperialistische China über die weltweit größte Armee.

Gefallene Soldaten und Zivilisten im Ukrainekrieg

Auch aufgrund der psychologischen Kriegsführung aller beteiligten imperialistischen Mächte im Ukrainekrieg gibt es keine wirklich verlässliche Zahlen. Wahrscheinlich ist, dass die Zahl der gefallenen russischen Soldaten zwischen 6000 und 15.000 beträgt; das ukrainische Militär hat Mitte Juni die Zahl der gefallenen Soldaten auf ukrainischer Seite auf etwa 10.000 beziffert. In einer Erklärung des KSRD, ICOR-Mitgliedsorganisation in der Ukraine – „Nieder mit dem Krieg – her mit der internationalen proletarischen Front“ vom 18. September 2022 heißt es: »Mehr als 1 Million bewaffnete Kämpfer beider Seiten wurden bereits in die Kämpfe und deren Vorbereitung einbezogen. Außerdem wurden in den sechs Monaten des Krieges nach vorsichtigen Schätzungen bis zu 6000 Zivilisten, darunter fast 400 Kinder getötet und etwa 8000 verwundet. Die tatsächlichen Zahlen können jedoch um einiges höher sein.«

Was bedeutet eine Generalmobilmachung?

Geht man von einer reinen zahlenmäßigen Betrachtung aus, können in Russland etwa 2 Millionen Reservisten in den Krieg gezogen werden. Insgesamt sind ca. 46 Millionen Menschen in Russland im wehrtauglichen Alter und gesundheitlich so eingestuft, dass für sie Wehrpflicht besteht. Aber die reine Anzahl ist eine quantitative Betrachtung der Mobilmachung. Die jetzt angeordnete Teilmobilmachung von 300.000 Reservisten bedeutet die Rekrutierung eines Großteils der Männer in Russland, deren Einbeziehung in das Heer auch einen militärischen Nutzen erbringen kann. Die 300.000 Reservisten bedeuten eine große Zahl derer, die eine militärische Ausbildung erfahren und in der Armee gedient haben. Diese Mobilmachung bedeutet auch deswegen eine Eskalation, weil der russische Imperialismus damit die Kampffähigkeit, die Kampfmoral und Stabilität der russischen Truppen in der Ukraine erhöhen will.

 

Unter militärischer Betrachtung ist die Mobilisierung der 300.000 eine sehr weitgehende Einbeziehung und Stärkung des Heeres. Eine um das Vielfache darüber hinausgehende Mobilmachung unter der Zivilbevölkerung birgt für das russische Regime die akute Gefahr des Aufflammens von Massenprotesten im eigenen Land. Mit Zahlen vom Mai 2022 hat sich die Zahl der NATO-Truppen an der Ostflanke seit 2021 auf 40.000 verzehnfacht. Tendenz weiter steigend! Gestiegen ist auch die Zahl der US-Truppen in Europa: mit 100.000 haben sie den höchsten Stand seit 2005.

 

All das unterstreicht die Notwendigkeit, den aktiven Widerstand gegen die akute Gefahr eines Dritten Weltkrieges zu verstärken. Eine Möglichkeit dafür ist die Teilnahme an der Bundesweiten Demonstration am 1. Oktober in Berlin „Wir zahlen nicht für eure Kriege - wir stehen gegen eure Kriege auf“!