Ukraine-Krieg

Ukraine-Krieg

Die Stadt Isjum nach der Rückeroberung durch die Ukraine

Die Stadt Isjum war von März bis September unter russischer Besatzung. Jetzt appellieren Einwohner an die Weltöffentlichkeit, damit mit den Opfern des Kriegs und mit der Wahrheit nicht Schindluder getrieben wird.

Korrespondenz aus Esslingen

Der Appell wurde uns von Lyubov Tkatscheva, Sekretärin des Komsomol-Regionalkomitees von Charkow, zugesandt. Sie wohnt selbst in der Stadt Isjum:

„Es schmerzt uns unerträglich, so viele Lügen zu hören und den Missbrauch der Leichen unserer Verwandten und Lieben zu sehen“

Offener Appell der Einwohner von Isjum an internationale Organisationen und die Weltgemeinschaft


Wir, die Einwohner von Isjum, sind äußerst betroffen darüber, wie die ukrainischen Behörden auf zynische Weise versuchen, die Tragödie unserer Heimatstadt Isjum und die persönliche Tragödie eines jeden von uns in eine Farce und einen Weg zur eigenen Bereicherung zu verwandeln. Wir haben mit eigenen Augen gesehen, was sich in den letzten sechs Monaten in unserem Land abgespielt hat. Unsere Verwandten und Lieben wurden auf dem Friedhof neben Soldaten der ukrainischen Streitkräfte und der Russischen Föderation begraben. Wir können nicht schweigen und sehen es als unsere Pflicht an, zu erzählen, was wirklich passiert ist.

 

Anfang März flohen alle Vertreter der Behörden aus der Stadt. Die ukrainischen Truppen folgten ihnen und ließen ihre toten Waffenbrüder auf der Straße liegen. Eine Stadt voller Zivilisten wurde ohne Licht, Heizung und Wasser zurückgelassen. Die Menschen starben durch Beschuss, Hunger und Kälte. Der Boden war gefroren; es war gefährlich, auf die Straße zu gehen. Aber wir haben unsere Menschlichkeit bewahrt und versucht, zu verhindern, dass menschliche Körper von verwilderten Hunden zerrissen werden: Wir haben Bestattungsteams organisiert und die Toten in Höfen und Parks begraben. Zunächst wurden nur Zivilisten begraben, in der Hoffnung, dass die Militärs von ihren eigenen Leuten abgeholt werden würden. Doch auch im Laufe der Zeit tauchte das Bestattungsteam der ukrainischen Streitkräfte nicht in der Stadt auf. Es tat uns sehr leid um die jungen Burschen, für die sich niemand zu interessieren schien. Wir haben sie dann auch begraben.

 

In den zwanziger Tagen des März drangen die russischen Truppen in den zentralen Teil der Stadt ein. In Isjum lebten zu dieser Zeit etwa 20.000 Menschen. Die meisten von ihnen hatten lange Zeit nichts zu essen gehabt. Wir konnten die Katastrophe nicht zulassen, also begannen kommunale Unternehmen, Institutionen und einfache Gruppen von Einwohnern von Isjum, sich selbst zu organisieren, um die Stadt und ihre Einwohner zu retten. Wir haben eine neue Stadtverwaltung gewählt und ein Netz für die gleichmäßige Verteilung der humanitären Hilfe aus der Russischen Föderation eingerichtet. Dann machten wir uns daran, die Stadt in Ordnung zu bringen: Trümmer beseitigen, Straßen reinigen, Strom- und Wasserversorgung wiederherstellen.

 

Eine der wichtigsten Aufgaben für uns war es, alle Toten nach allen christlichen Regeln zu bestatten. … Da die Stadt unter ständigem Beschuss durch die ukrainische Armee stand, wurde für die Beerdigungen ein Friedhof im sichersten Teil von Isjum am Stadtrand in einem Kiefernwald ausgewählt. Beachten Sie, dass dies ein offizieller Friedhof ist und nicht einfach "irgendwo im Wald", wie es in den Medien heutzutage oft heißt. Dorthin wurden alle toten Zivilisten und Militärangehörigen der Ukraine und der Russischen Föderation gebracht und begraben. Wir sind immer noch davon überzeugt, dass wir alle Slawen sind, dass wir ein Volk sind, und so haben wir alle auf demselben Friedhof begraben, in getrennten Gräbern mit Kreuzen und Grabsteinen, gemäß allen christlichen Traditionen. Leider sind nicht alle Tafeln mit Namen versehen, und nicht alle sind identifiziert worden... .

 

Auf diesem Friedhof liegen unsere Verwandten und Freunde begraben, und wir können nicht stillschweigend zusehen, wie ihr Tod und unser Schmerz von denen, die den Befehl zu ihrer Tötung gegeben haben, zu einer Farce und einem Mittel der persönlichen Bereicherung gemacht werden. … Im Mai, im Juni, im Juli wurden Menschen getötet. In dieser Zeit wurde die Stadt vollständig von russischen Truppen kontrolliert. Gleichzeitig flogen verbotene Streu- und Splittergranaten mit Schrapnells durch Wohngebiete und das Stadtzentrum, und Zivilisten starben weiterhin durch sie. Die ukrainischen Streitkräfte schossen auf uns, und wir konnten sehen, woher die Raketen kamen.