Kassel

Kassel

Kämpferische, aber polarisierte Kundgebung am 40. Tag nach der Ermordung von Jina Masha Amini

Jeden Samstag und teilweise auch zusätzlich freitags gibt es Solidaritätskundgebungen mit der revolutionären Gärung im Iran.

Korrespondenz

Ca. 150 Leute versammelten sich um 15 Uhr vor dem Kassler Rathaus. Das offene Mikrofon war von Beginn an Standard bei diesen Kundgebungen hier in Kassel. Sofort kam ein Genosse der Arbeiterkommunistischen Partei Irans auf mich zu und fragte, ob ich einen Redebeitrag für die MLPD halten kann. Dieser Bitte kam ich natürlich gerne nach. Alle Reden wurden auf Farsi und Deutsch, teilweise auf Kurdisch gehalten und waren immer wieder von Sprechchören „Frauen, Leben, Freiheit" untermauert.

 

Auch bei uns ist die Polarisierung zwischen linken und revolutionären Kräften auf der einen und den Anhängern des faschistischen Schah-Regimes auf der anderen Seite spürbar. Darauf muss ich in meinem Redebeitrag eingehen. Diese Polarisierung war auch erkennbar darin, dass sich einige Teilnehmer von der MLPD-Fahne gestört fühlten und in einer opportunistischen Haltung von Veranstaltern. Eine Rednerin meinte sogar: „Egal ob Fahne mit Löwe (Schah-Flagge) oder nicht, wir sind hier als Menschen für die Menschen im Iran, bitte keine Fahnen oder politische Äußerungen", und bat ernsthaft darum, in dem Zusammenhang die MLPD-Fahne runterzunehmen. Also Anhänger des faschistischen Schah sollen Teil der Solidarität sein, aber eine revolutionäre Arbeiterpartei darf nicht offen auftreten? Wie kann eine solche Zensur einer revolutionären Partei in Deutschland den Menschen im Iran bei ihrer Revolution nutzen?

 

Wir müssen hier solidarisch um Klarheit mit den iranischen Genossen ringen und unbedingt weiter Kontakt halten, um diese Widersprüche tiefer zu diskutieren. Deshalb ging ich vor allem am Ende meiner kurzen Rede auf diesen Widerspruch ein: „In solchen Zeiten der Krise des gesamten imperialistischen Weltsystems und eines drohenden Dritten Weltkriegs ist eine solche revolutionäre Entwicklung wie im Iran von besonders herausragender Bedeutung. Besonders weil der Iran inzwischen selbst ein neuimperialistisches Land ist." Und weiter: "Weder Schah noch Mullahs! Wir dürfen nicht zulassen, dass die faschistische Unterdrückung der Mullahs durch die genauso faschistische Unterdrückung eines aufgewärmten Schah-Regimes ersetzt wird. Deshalb, es lebe der Kampf der iranischen Massen für Freiheit, Demokratie und Brot! Für eine antifaschistisch-demokratische Revolution und die Perspektive des echten Sozialismus! Proletariar aller Länder vereinigt euch!"

 

Die Rede bekam vor allem Applaus und Zuspruch - neben einigen zerknirschten Gesichtern der Schah-Anhänger. Starke Rede, meinte am Ende ein iranischer Teilnehmer. Die fortschrittlichen Kräfte sind eindeutig in der Überzahl!