Ukraine

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Die Massen stehen vor einem Zweifrontenkrieg

Die folgenden Zeilen richtete ein Hattinger Genosse nach einem Gespräch über den Ukrainekrieg an einen befreundeten Facharbeiter:

Korrespondenz aus Hattingen

Lieber Kollege, zum Vorgehen im Ukrainekrieg hast du bei unserem letzten Treffen die Frage aufgeworfen: "Müssen nicht die Revolutionäre in der Ukraine an der Seite der Selenskyj-Armee mit gegen Russlands Überfall kämpfen?" Ich habe dir meinen Standpunkt genannt, dass die Revolutionäre dort vor einem komplizierten Zweifrontenkrieg - sowohl gegen die imperialistische Armee Russlands als auch gegen das reaktionäre Selenskyj-Regime - stehen. Mir geht diese Frage nicht aus dem Kopf.

 

Man sollte von der grundsätzlichen Seite an sie herangehen. In der MLPD-Broschüre vom Juni 2022 „Der Ukrainekrieg und die offene Krise des imperialistischen Weltsystems“ heißt es: „Die Arbeiterklasse (der Ukraine, Anm. d. Red.) und die breiten Massen haben jedes Recht, sich gegen die imperialistische Aggression Russlands mit der Waffe in der Hand zu wehren. Doch im Kampf für sofortigen Frieden ist diese Regierung kein ehrlicher Partner. Erst Recht im Kampf für soziale Befreiung muss auch ein Sieg über die eigene Regierung, der Sturz des reaktionären Selenskyj-Regimes, errungen werden. Diesem komplizierten Zweifrontenkrieg der ukrainischen Massen gehört die volle Solidarität des proletarischen Internationalismus.“ (S. 29)

 

Deine Frage zur Haltung von Revolutionären zur reaktionären Regierung und deren Armee stellt sich nicht das erste Mal in der Geschichte der Arbeiterbewegung. Grundsätzlich gilt, was Karl Liebknecht ausdrückte: „Der Hauptfeind steht im eigenen Land!“ Revolutionäre stehen positiv zur Niederlage der eigenen reaktionären Regierung im ungerechten Krieg. Im Ersten Weltkrieg, der von 1914 bis 1918 dauerte, standen die Revolutionäre Russlands unter der Führung Lenins vor einer solchen Situation. Große Teile Russlands waren vom deutschen Imperialismus besetzt. Die eine Front des Proletariats und seiner Verbündeten stand gegen den deutschen Imperialismus. Die andere war gegen die reaktionäre Kerenski-Regierung gerichtet, die den Krieg nicht beenden wollte. Lenin äußerte 1915 ausdrücklich zu einer solchen Situation: „Die (revolutionären) Führer ... hatte(n) … vollauf die Möglichkeit und die Pflicht, gegen die Kredite zu stimmen, gegen den ‚Burgfrieden‘ … aufzutreten, sich für die Niederlage der eigenen Regierung zu erklären, einen internationalen Apparat für die Propaganda der Verbrüderung in den Schützengräben einzurichten ...“ (Lenin Werke; Bd. 21, S. 235 / 236). So schuf die proletarische Oktoberrevolution 1917 den Frieden, den die junge Sowjetunion am 3. März 1918 mit dem verlustreichen Vertrag von Brest-Litowsk mit dem deutschen Kaiserreich und dessen Verbündeten abschloss. Auch die Entwicklung in der chinesischen Revolution in den 1930er- und 1940er- Jahren ist zur Frage des Zweifrontenkriegs lehrreich, aber das führt jetzt zu weit. Ich hoffe, etwas mehr Klarheit geschaffen zu haben. Unter Linken herrscht viel Verwirrung. … Das bremst die neue Friedensbewegung noch stark, die sich gegen alle Imperialisten richten muss. Wir können uns gern nochmal darüber austauschen.