Antikommunismus

Antikommunismus

Die Moral des Antikommunisten Martin Amis

Im Alter von 73 Jahren verstarb am 19. Mai der britische Schriftsteller Martin Amis – ein Prototyp des wildgewordenen Kleinbürgers, der sich in wüstem Antikommunismus austobte.

Von dk

„Mit Werken wie ,Gierig', ,Die Anderen', ,Information' oder ,1999' wühlt sich Amis durch die Obzessionen und Neurosen spätkapitalistischer Metropolenbewohner“, hieß es 2005. Amis wurde „zu einer nationalen Berühmtheit, gejagt von einer Boulevardpresse, die seine Affären ebenso aufmerksam verfolgte wie seine hohen Vorschüsse und sich nicht einmal zu schade war, über seine sündhaft teuren Besuche bei New Yorker Zahnärzten zu berichten“.¹ In diesem Sinne wurde auch vermeldet, dass der „Bad Boy“ der englischen Literatur „sich bewundernd über die Autobiographien des Busenmodels Katie Price geäúßert“ habe.² Noch wichtiger aber war seine Bewunderung für den berufsmäßigen Antikommunisten Robert Conquest, auf dessen Anregung hin er 2002 das Anti-Stalin-Buch „Koba der Schreckliche. Die 20 Millionen und das Gelächter“ verfasste.

 

Das 1997 erschienene „Schwarzbuch des Kommunismus“, dessen „gespenstische Inszenierung eines Kommunismus im Zentrum der großen Menschheitskatastrophen den wissenschaftlichen Sozialismus in den Augen der Massen diskreditieren“ sollte³, hatte Amis begeistert und er rannte damit offene Türen ein: „Dieses Werk ist eine Notwendigkeit... endlich ein Buch zu den stalinistischen Verbrechen von einem Nicht-Historiker, einem Nicht-Renegaten, von einem westlichen Schriftsteller der Nachkriegsgeneration.“⁴

 

Amis beklagte sich darüber, dass Stalin von vielen immer noch nicht mit Hitler gleichgesetzt werde und wütete gleichermaßen gegen ihn wie auch gegen Lenin: „Man hat oft gesagt, die Bolschewiki hätten geherrscht, als führten sie einen Krieg gegen das eigene Volk. … Das war auch der Sinn der Lehre. Die Bolschewiki waren Internationalisten, die Sowjetunion war praktisch nur das Hauptquartier des Kommunismus, solange man auf die Weltrevolution wartete. … Was die Russen selbst betrifft, so war Lenin mit seiner starren Abneigung gegen dieses Volk offen rassistisch. Für ihn waren sie Dummköpfe und Stümper, ,zu weich', um einen effizienten Polizeistaat zu organisieren.“⁵

 

Den Internationalismus des proletarischen Klassenkampfs als Bedrohung des eigenen Volkes zu bezeichnen und aus dem von den Massen verehrten Lenin einen antirussischen Rassisten zu machen – das stellte schon eine besondere Blüte des Antikommunismus dar! Als angestrebtes Ziel des Befreiungskampfs der Oktoberrevolution von 1917 die Errichtung eines Polizeistaats darzustellen – auch das war eine besonders abstruse Verleumdung!

 

Seine kruden Vorstellungen und Einschätzungen des politischen Weltgeschehens setzte Amis bis zuletzt fort. Aus dem Missbrauch der Religion durch faschistische Kräfte folgerte er: Nicht alle Kulturen seien gleich, den „mörderischen Islamisten fühle er sich allemal ,moralisch überlegen'“. Mit „Moralisch überlegen“ war daher auch ein Nachruf betitelt, den die bürgerliche Presse ihm in Würdigung seines Antikommunismus widmete.⁶