Briefwechsel zwischen Murat Çepnı und Gabi Fechtner

Briefwechsel zwischen Murat Çepnı und Gabi Fechtner

„Heute ist der Sozialismus aktueller denn je; er ist die einzige wirkliche Alternative"

In einer Verhaftungswelle des faschistischen Erdoğan-Regimes wurden am 2. Februar 2026 zahlreiche fortschrittliche Menschen, Sozialisten und Kommunisten verhaftet.¹ Unter ihnen ist Murat Çepnı, der Ko-Vorsitzende der Sozialistischen Partei der Unterdrückten (ESP). Seitdem sitzt er im Gefängnis. Gabi Fechtner hat zu ihm eine Brieffreundschaft als Zeichen der Solidarität aufgenommen. Wir dokumentieren hier den Briefwechsel in Auszügen:

Von Murat Çepnı und Gabi Fechtner
„Heute ist der Sozialismus aktueller denn je; er ist die einzige wirkliche Alternative"
Murat Çepnı (foto: www.avrupademokrat9.com)

Gabi Fechtner schreibt:

„Lieber Murat, gerne übernehme ich eine Patenschaft zu dir, überbringe dir hiermit meine herzlichste Solidarität und revolutionäre Grüße.


Leider kennen wir uns nicht persönlich, und doch fühlen wir uns im Herzen mit dir, deiner Organisation und eurem Kampf verbunden. Ich habe gehört, dass mit dir insgesamt 84 Revolutionäre unter fadenscheinigen Vorwürfen durch den türkischen Faschismus festgenommen wurden. Zum Teil haben deine Genossinnen und Genossen hohe Haftstrafen bekommen. Wir haben auch hier aus Deutschland protestiert gegen dieses Vorgehen gegen fortschrittliche, demokratische und vor allem revolutionäre Menschen in der Türkei und Kurdistan. ...

 

Nach der Gerichtsentscheidung hast du erklärt: 'Man kann uns einsperren, aber nicht unsere Ideen. Unsere Partei wird weiter für Freiheit, Demokratie und Sozialismus kämpfen. Es gibt keinen Platz für Pessimismus, wir bleiben standhaft.' Respekt für diese Haltung, mit der du ein Vorbild für die internationale Arbeiterbewegung und revolutionäre Bewegung sowie die Jugend bist. (…) Der moderne Faschismus ist aber seinem Wesen nach ebenso Faschismus, die offen terroristische, am meisten chauvinistische und imperialistische Herrschaftsform des Finanzkapitals. Erdoğan ist ein Beispiel dafür, wie dieser offene Faschismus errichtet wird. (…)

 

Seit vielen Jahren arbeiten wir eng mit einigen deiner Genossinnen und Genossen, und über 60 Parteien aus 40 Ländern zusammen in der ICOR. Wir haben schon große Projekte wie die Brigaden in Kobané durchgeführt oder vorbereitet... Man wächst eng zusammen und inzwischen geht es einem so, dass man mitfiebert und sich eng verbunden fühlt mit den Geschehnissen in den anderen Ländern und Parteien.  Manchmal stellen wir auch kritische,... Fragen: (…) Müsste man nicht konzentrierter, unter dem stets anwachsenden starken Industrieproletariat in der Türkei arbeiten, statt sich von Schwierigkeiten abbringen zu lassen? Darüber diskutieren wir angeregt, was uns alle voranbringt.“

Murat Çepnı antwortet (hier sein vollständiger Brief):

„Liebe Genossin Gabi Fechtner, ich möchte Dich mit den Versen des sozialistischen Dichters Ahmet Telli grüßen, den wir vor wenigen Tagen verloren haben:


„Die Morgendämmerung bricht hervor; sie ist gewiss nahe. Gewiss ist die Stunde nahe, die die Natur und das Leben erschüttern wird …“


Ich habe Deinen Brief erhalten. Das von Dir erwähnte Interview hat mich jedoch aufgrund der Haftbedingungen nicht erreicht. Für Deine Solidarität danke ich Dir von Herzen. Die Stunde, die Natur und Leben erschüttern wird, wird ohne Zweifel durch den beharrlichen Kampf der unzähligen Flüsse kommen, die alle in dasselbe Meer münden. Im Bewusstsein, dass der dunkelste Augenblick der Nacht zugleich derjenige ist, der der Morgenröte am nächsten liegt, setzen wir unseren beharrlichen Weg fort. Dank der Solidarität, die Grenzen überschreitet, fühlen wir uns nicht allein – sie gibt uns Kraft. ...

 

Heute ist der Sozialismus aktueller denn je; er ist die einzige wirkliche Alternative. Unsere Aufgabe besteht nun darin, diese Wahrheit noch tiefer zu begreifen und sie unbedingt zu einer materiellen gesellschaftlichen Kraft werden zu lassen. Weniger Genügsamkeit mit uns selber und dem Erreichten, stattdessen mehr Vorbereitung auf die bevorstehenden Aufgaben. (…) Den Arbeiterinnen und Arbeitern Deutschlands, der Jugend sowie allen Mitgliedern und Unterstützerinnen und Unterstützern eurer Partei übermittle ich meine herzlichsten solidarischen Grüße. (…) Gefängnisse sind seit jeher Orte der Unterdrückung und der Folter. Für Revolutionärinnen und Revolutionäre waren und sind sie jedoch zugleich Orte des Widerstands und des Versuchs, selbst unter den widrigsten Bedingungen das kollektive Leben und die gemeinsame Organisierung aufrechtzuerhalten.“