Alle Nachrichten vor drei Tagen

Ein Kollege hat einen Leserbrief zu einem Artikel im "Hamburger Abendblatt" vom 24. März geschrieben. Zwei Airbus-Manager begründen, warum die Produktion trotz Corona-Pandemie unbedingt weiterlaufen müsse ...



„Für mich stellt sich die Frage, warum bei Airbus in Hamburg-Finkenwerder ... in den Zeiten der Krise zwingend weitergearbeitet werden muss. Ist das lebensnotwendige Produktion? Die beiden Manager Herr Schöllhorn und Herr Walter haben behauptet, dass bei der Weiterführung des Produktionsbetriebs an erster Stelle die Gesundheit und Sicherheit der Mitarbeiter steht und erst dann die Effizienz käme.

 

Aus persönlichen Gesprächen mit Arbeitern ... habe ich erfahren, dass dies nur bedingt zutrifft ... In den meisten Produktionsbereichen, in denen im Rumpf des Flugzeugs gearbeitet werden muss, kann nur mit einem Meter Abstand noch gearbeitet werden und selbst das ist an vielen Stellen nicht einzuhalten. Dafür wurden nun Masken ausgeteilt. Es ist zwar wahr, dass im gesamten Werk zwei Schichten (red/blue) eingeteilt wurden, aber dass die Teams nur je fünf Kollegen umfassen würden, ist gelogen. Der Standard sind sechs bis zwölf oder mehr ... Auch wird im Artikel behauptet, dass das gemeinsam genutzte Werkzeug desinfiziert wird. Das trifft weder zu, noch ist es praktisch möglich ...

 

Ist es nicht eher so, dass Airbus auf jeden Fall seinen Vorsprung vor Boeing halten und unbedingt ausbauen will?“


In den USA haben an mehreren Standorten des Mischkonzerns General Electric (GE) Beschäftigte demonstriert, um die Umstellung auf die Produktion von Beatmungsgeräten zu fordern.



In Lynn, Massachusetts, gingen Beschäftigte in einem Zwei-Meter-Abstand auf die Straße. Im Produktionszentrum in Boston, Massachusetts, forderten die Arbeiter mit einer stillen Demonstration und ebenfalls einem Abstand von zwei Metern, die Produktion auf Beatmungsgeräte umzustellen, statt Belegschaften zu entlassen. Damit soll der Menschheit geholfen werden.

 

In diesem Zentrum werden Flugzeugteile hergestellt. Diese Aktionen waren eine Reaktion auf die Ankündigung der Konzernleitung, 2600 Beschäftigte dauerhaft zu entlassen und die Hälfte der Belegschaft zeitweilig in Kurzarbeit zu schicken, um „zwischen 500 Millionen und einer Milliarde Dollar einzusparen.“

 

In einer Pressekonferenz erklärten Mitglieder der Gewerkschaft der Kommunikationsbeschäftigten von Amerika (IUE-CWA), dass die Kündigungen und Werksschließungen die künftigen Bemühungen untergraben würden, die Produktion von Beatmungsgeräten auszubauen. „Ohne erfahrene Arbeiter die jetzt leere und stillstehende Fabriken betreiben, wird die Produktion sehr wahrscheinlich sinken.“

 

„Wenn GE uns zutraut, Maschinen zu bauen, zu warten und zu testen, die in verschiedenen Flugzeugen eingebaut werden, und von denen Millionen Leben abhängen, warum sollten sie uns nicht zutrauen, Beatmungsgeräte zu bauen“, sagte Jake Aguanaga am Standort in Arkansas City, Kansas.

 

Dazu muss man wissen, dass GE mit seinem Geschäftsbereich Healthcare bereits zu den größten Herstellern von Beatmungsgeräten in den USA gehört. Die Beschäftigten halten es deshalb für unproblematisch, die Produktion im Konzern darauf auszudehnen.


Am Morgen des 3. April waren wir zur Frühschicht bei den Kollegen von Küppersbusch und haben einen „VORORT extra“, die Stadtzeitung der MLPD verteilt, die folgenden Titel hatte: „An die Kolleginnen und Kollegen bei Seppelfricke und Küppersbusch - Wir akzeptieren die Stilllegungen bei Seppelfricke und Küppersbusch nicht! Jetzt muss gekämpft werden!“



In Zeiten von Corona stellten wir ein Körbchen mit Flugblättern, Sofortprogramm der MLPD gegen Corona und eine Spendendose auf einem Klapphocker direkt neben das Eingangsdrehkreuz. Wir begrüßten die Kollegen freundlich und hielten ihnen mit Einmalhandschuh geschützten Händen einen VORORT extra entgegen und verwiesen auch auf das Körbchen. Das klappte hervorragend. Die meisten Kollegen nahmen den VORORT extra. Vor allem die Auszubildenden waren gut drauf!

 

Wir diskutierten mit den Kollegen, dass man jetzt kämpfen muss, und nicht die 146 Arbeitsplätze bei der Küppersbusch-Großküchenproduktion und die 80 Arbeitsplätze beim Armaturenwerk Seppelfricke kampflos aufgeben darf.

 

„Das ist doch entschieden. Da kann man nichts mehr machen.“ Das sagten die meisten der Älteren. Wir diskutierten, dass es auch schon gelungen ist, durch Streik/Kampfmaßnahmen Schließungen zu verhindern oder zunächst aufzuschieben, und dass es um die Zukunft der Jugend geht. Viele Kollegen wollen sich auch nicht einfach „abwickeln“ lassen. Drei sagten, dass sie kämpfen wollen und ein Azubi überlegt sich das.

 

Einer stimmte uns zu, dass es jetzt nicht das Ziel sein kann, einen Sozialplan zu entwickeln, sondern der Kampf um die Arbeitsplätze geführt werden muss. Einer, der keinen VORORT nahm entgegnete: „ Was wollen sie hier noch kämpfen. Hier ist die Stilllegung beschlossen. Haben sie das noch nicht mitgekriegt. Jetzt sind der Betriebsrat und die Gewerkschaft gefordert. Mit beiden sind wir hier gut aufgestellt!“

 

Dass die Gefühle in diesen Zeiten Achterbahn fahren, ist klar, aber dass sich die Arbeiter auf ihre eigenen Interessen besinnen müssen auch. Jetzt kommt es darauf an, die kämpferischen Kollegen zusammenzuschließen und für den Fall des Kampfes die Solidarität aus anderen Betrieben und der ganzen Stadt zu organisieren. Das hat die MLPD den Kolleginnen und Kollegen fest zugesagt.

 

Hier geht es zum VORORT extra der MLPD Gelsenkirchen

 

Jan Specht, Stadtverordneter des fortschrittlichen Kommunalwahlbündnisses AUF Gelsenkirchen, brachte in den Rat der Stadt den Dringlichkeitsantrag ein, dass sich dieser für die Interessen der Arbeiterinnen und Arbeiter der beiden Betriebe positionieren soll. Die Fraktionsspitzen von CDU, SPD und GRÜNEN standen Kopf! Gemeinsam verhinderten sie diesen Akt der Solidarität.




Der brasilianische faschistische Präsident Jair Bolsonaro hatte bislang die Corona-Pandemie  als „kleine Grippe“ verharmlost und Beschränkungen im öffentlichen Leben durch Gouverneure und Bürgermeister scharf kritisiert. Als er am Dienstag mit einer TV-Rede eine Kehrtwende vollzog und die Corona-Pandemie  als „größte Herausforderung unserer Generation“ bezeichnete, protestierten landesweit wieder Millionen zum 15. Mal mit einem „.Panelaco“, (portugiesisch für Töpfe schlagen) auf ihren Balkonen und Hup-Konzerten. Es sollen sich diesmal  mehr Menschen als je zuvor beteiligt haben, auch in wohlhabenden Gegenden seiner bisherigen Wählerschaft. Rufe wie „Weg mit Bolsonaro“ und „Mörder“ waren zu hören. Die hinter ihm stehenden Generäle hatten ihn zu dieser Änderung gezwungen.


Die Hamburger Staatsanwaltschaft setzt die Verfolgung der Demonstrantinnen und Demonstranten, die 2017 bei den Protesten gegen den G20-Gipfel in der Hamburger Straße Rondenbarg von einem brutalen Polizeiangriff betroffen waren, ungehemmt fort.



Nachdem im Herbst 2019 die erste Anklageschrift an 19 Aktivistinnen und Aktivisten verschickt wurde, die in einem Massenprozess vor dem Jugendgericht abgeurteilt werden sollen, folgten seither im Abstand weniger Wochen weitere Anklagen.

 

In den vergangenen Tagen erhielten erneut acht Genossinnen und Genossen Post, sodass die Zahl der Angeklagten in den nun sieben bekannten Verfahren auf 77 angestiegen ist.

 

„Es ist jetzt schon offensichtlich, dass die maßlose staatliche Verfolgungswut gegen die Anti-G20-Proteste mit den Großprozessen im Rondenbarg-Komplex einen neuen Höhepunkt anstrebt“, erklärte Anja Sommerfeld vom Bundesvorstand der Roten Hilfe.

 

„Im Moment sind die Möglichkeiten der Betroffenen, sich mit ihren Anwältinnen und Anwälten zu treffen, durch die Corona-Pandemie massiv eingeschränkt. Dass gerade jetzt eine weitere Anklageschrift verschickt wurde, ist ein weiteres Zeichen, wie rücksichtslos die Repressionsorgane gegen linke Aktivistinnen und Aktivisten vorgehen.

 

Wir müssen auch in den kommenden Wochen mit weiteren Anklageschriften rechnen und rufen die Betroffenen dazu auf, sich bei Erhalt eines Briefes umgehend mit der Roten Hilfe in Verbindung zu setzen. Nur durch kollektive Solidarität können wir den staatlichen Angriffen effektiv widerstehen.“


In Bangladesch – dem am dichtesten bevölkerten Land der Erde – entwickelt die Linke Demokratische Allianz¹ entschiedenen Protest gegen die Regierung von Bangladesh.



So wurden mit der Corona-Pandemie die Preise für die Grundlebensmittel wie Reis, Eier, Zwiebeln sowie die Strom- und Wasserpreise erhöht. Da zur Zeit keine Demonstrationen erlaubt sind, wurde eine kleinere Protestkundgebung auf der Straße organisiert.

Die Forderungen des Bündnisses aus revolutionären und fortschrittlichen Kräften sind:

  1. Sofortige Bereitstellung von mindestens eine Millarde Tk (Taka) durch die Regierung, um genügend Corona-Tests, Gesundheitstrainings und medizinische Ausrüstung bereit zu stellen. Längerfristig müssen dafür 20 Milliarden TK gegen die Verbreitung des Coronavirus zur Verfügung stehen.
  2. Bau von Krankenhäusern und Aufbau von Spezialabteilungen zur Behandlung der Corona-Patienten. Zur Not sollten dazu auch gute Hotels zur Verfügung gestellt werden. Ebenso müssen Ärzte und medizinisches Personal eingestellt werden.
  3. Einrichtung von spezialisierten Labors.
  4. Bereitstellung von Reis, Hülsenfrüchten, Desinfektionsmitteln und Seife für die Werktätigen und die einfachen Leute zu subventionierten Preisen. Spekulation und Preistreiberei müssen kontrolliert und bestraft werden.
  5. Bereitstellung von sicheren Unterkünften für die armen Menschen, die in den Slums wohnen. Sicherstellung ihrer Ernährung, wenn sie keine Verdienstmöglichkeiten mehr haben.
  6. Übernahme der Behandlungskosten für Arbeiter durch den Staat.
  7. Besondere Schutzmaßnahmen für alle die an öffentlichen Arbeiten beteiligt sind, einschließlich Ärzten, medizinischem Personal, Journalisten, Transportarbeitern und Polizei.



Am Freitag streikten die Beschäftigten in zehn Supermärkten der Kette „Carrefour“. Sie protestierten gegen lächerliche Ausgleichzahlungen und ungenügenden Schutz gegen die Ansteckungsgefahr durch das Coronavirus. Ein Gewerkschaftsvertreter betonte, der Protest richte sich gegen die Firma, nicht gegen die Kunden, die im größeren Umfang einkauften. Trotz Erschöpfung werden sie ihre Arbeit weiter durchführen. Vor zehn Tagen hatte es ähnlichen Protest bei der Kette „Delhaize“ gegeben.


Das ist schon ziemlich kaltschnäuzige Heuchelei: „Industrie und Handwerk haben die Bundesregierung aufgefordert, die Regelungen zum Kurzarbeitergeld in der coronabedingten Gesundheitskrise schnellstmöglich auf Lehrlinge auszuweiten.



Die „Süddeutsche Zeitung“ vom 29. März zitiert Sprecher von Industrie und Handwerk, die „die Bundesregierung auffordern, die Regelungen zum Kurzarbeitergeld in der Corona-Krise schnellstmöglich auf Lehrlinge auszuweiten. Anderenfalls sähen sich Betriebe in der Krise gezwungen, ihren Auszubildenden zu kündigen.“

 

Tatsächlich ist die Ausbildung – wie der Name schon sagt – kein Arbeitsverhältnis. Es müssen von den Betrieben auch in Zeiten von Corona Anstrengungen unternommen werden, die Ausbildung – unter gesundheitlichen Aspekten – aufrechtzuerhalten, z.B. durch Nutzung des Internets oder mehr Abständen der Werkbänke. Sollte die Aufrechterhaltung des Ausbildungsbetriebes dennoch nicht möglich sein, muss die Ausbildungsvergütung voll weiter gezahlt werden.

 

Der Jugendsekretär der IG Metall Baden-Württemberg rechnet dazu vor: „Für Auszubildende würde ein Rückfall auf das gesetzliche Kurzarbeitergeld massive finanzielle Einschnitte mit sich bringen. Ein Rechenbeispiel: Azubis im Kfz-Handwerk verdienen im 1. Ausbildungsjahr 869 Euro monatlich, beim gesetzlichen Kurzarbeitergeld sinkt die Netto-Vergütung maximal auf nicht einmal die Hälfte davon.“

 

Vor allem Handwerk, Kleinst- und Kleinbetriebe, die ausbilden, müssen dazu auch unterstützt werden. In den Großbetrieben und internationalen Monopolen bestehen viel mehr Möglichkeiten, die Ausbildung trotzdem fortzuführen, sowohl was die finanziellen Mittel als auch die Werkstätten, Technik oder Ausbilder betrifft. Doch sie sind es, die zuerst den Griff auf die staatlichen Mittel legen. Handwerk, Kleinst-, Klein-, Mittelbetriebe und Tagungsstätten, Gaststätten- und Tourismusbetriebe müssen auch bei der Ausbildung unbürokratisch unterstützt werden!

 

Erhalt aller Ausbildungsplätze! Für eine gründliche Berufsausbildung – Keine Kürzung der Ausbildungsvergütungen!


Am 30. März ging beim Zentralkomitee der MLPD ein Brief einer Genossin der MLPD Gera ein. Darin heißt es:



Diskussion zum RF-TV-Interview vom 22. März mit Gabi Fechtner: Coronavirus: Schutz Ja – Notstandsmaßnahmen NEIN!

 

Liebe Genossen,

 

wir möchten euch über eine Diskussion in unserer Ortsgruppe zum RF-TV- Interview berichten, denn sie gab Aufschluss über die Auseinandersetzung um diese Losung.

 

Eine Kollegin, die als Krankenschwester beschäftigt ist, äußerte entschiedenen Widerspruch zum Interview. Sie meinte, Gabi hätte in ihrem jugendlichen Elan einen großen Fehler gemacht und würde die jetzt notwendigen Maßnahmen, wie Abstand zu halten, ablehnen. Damit würde man alle, die im medizinischen Bereich tätig sind, verstoßen. Es stellte sich in der Diskussion heraus, dass sie unter „Notstandsmaßnahmen“ eben diese medizinischen Maßnahmen verstand. Das versteht sie wahrscheinlich auch nicht allein so.

 

Wir haben den Film gemeinsam angeschaut und die Aussagen genau diskutiert. Dabei konnten wir ihr gegenüber zeigen, dass Gabi im Film die notwendigen Gesundheitsmaßnahmen unterstützt und auch weitergehende, wie notwendige Produktionseinstellung, fordert. Die Zusammenhänge zu den bestehenden Notstandgesetzen, die Ziele bei der Einschränkung der Versammlungsfreiheit, wurden ebenfalls diskutiert. Von den bestehenden Notstandsgesetzen wusste die Kollegin bisher nichts. Sie war auch besonders erfreut, dass es neben dem Programm gegen die Corona-Pandemie auch ein Merkblatt „Hinweise zum Umgang mit Corona“ gibt.

 

Dennoch gibt es eine berechtigte Seite ihrer Kritik. In dem Film werden unseres Erachtens die politischen Notstandsmaßnahmen einseitig in den Vordergrund gerückt und die notwendigen Gesundheitsmaßnahmen nur in der Nebenseite genannt. Im Film ist zum Beispiel die Aussage etwas einseitig: „Diese Maßnahmen haben mit  Gesundheitsvorsorge gegen Corona nichts zu tun.“ Das bezieht sich auf das Motiv der Herrschenden, den Abbau demokratischer Rechte und Freiheiten und die Faschisierung des Staatsapparats.

 

Sicherlich ist eine Unterbindung von Kontakten eine Möglichkeit, Infektionsketten zu unterbinden, wenn auch nicht die wirksamste. Das begründet jedoch nicht das Verbot von politischen und gewerkschaftlichen Versammlungen. Wenn man aber nicht gleich von vornherein konkret weiß, auf welche Beschlüsse sich Gabi bezieht, kann das leicht missverstanden werden. Es ist eine Frage des Bewusstseins, was alles viele Menschen in dieser Situation unter Notstandsmaßnahmen verstehen.

 

Wir haben aus dem Gespräch geschlussfolgert, dass man die Losung modifizieren sollte, um Missverständnisse zu vermeiden. Die Rote Fahne trägt den Titel „Ja zu Gesundheitsvorsorge – NEIN zu heuchlerischen Notstandsmaßnahmen!“ Unser Vorschlag: "JA zu Gesundheitsvorsorge – NEIN zu undemokratischen politischen Notstandsmaßnahmen!

 

Herzliche Grüße!

Darauf antwortete die Vorsitzende der MLPD, Gabi Fechtner, am 3. April 2020:

Liebe Genossin,

 

vielen Dank für deinen interessanten Brief über die Diskussion in Gera über mein Video-Statement vom Abend des 22. März 2020. Es ist sehr wichtig, in dieser komplexen Situation die Gedanken, Kritiken und Erfahrungen aus der Organisation und ihrem Umfeld zu erfahren und das für unseren kollektiven Erkenntnisfortschritt zu nutzen.

 

Ihr habt Recht, dass meine Aussage: „Es sind die umfassendsten Notstandsmaßnahmen seit dem II. Weltkrieg, die die Bundesregierung heute beschlossen hat … Diese Maßnahmen haben mit der Gesundheitsvorsorge nichts zu tun ...“ einseitig und missverständlich ist. Sie verwischt die Unterscheidung von notwendigem Gesundheitsschutz und gesundheitlichen Notmaßnahmen und politischen Notstandsmaßnahmen, für die die Herrschenden die Situation missbrauchten. Das Statement und auch dessen Widerspiegelung in anderen Veröffentlichungen war, wie man so schön sagt, „mit heißer Nadel gestrickt“. Der Anspruch, sich immer möglichst schnell und vielfältig zu positionieren, darf auf keinen Fall auf Kosten der Gründlichkeit gehen.

 

Auch wenn sicherlich eine Reihe berechtigter Forderungen und Zusammenhänge in dem Video enthalten sind, und ich mich durchaus auch zum notwendigen Ausbau des Gesundheitsschutzes äußere: Gerade in einer so komplizierten und komplexen Situation, wo jeder nach richtiger Orientierung sucht, darf so etwas nicht passieren. Da muss jeder Satz hinhauen. Es ist es notwendig, ganz exakt, unmissverständlich und restlos überzeugend zu argumentieren.

 

Ich habe über dieses Problem einfach auch ungenügend nachgedacht. Ich war der Meinung, wenn ich Notstandsmaßnahmen kritisiere, sei ja klar, dass sich die Kritik auf politische und undemokratische Maßnahmen bezieht. Das ist es aber eben nicht. Es gibt auch gesundheitliche Notstandsmaßnahmen, die berechtigt sind. So verstehe ich absolut, wenn eure Kollegin, die selbst im Krankenhaus arbeitet, diese Äußerung kritisiert. Denn in den Krankenhäusern sind gesundheitliche Notstandsmaßnahmen vollständig richtig. Der Schutz der Beschäftigten müsste sogar noch deutlich ausgebaut werden. Ebenso wie der Schutz von Arbeitern, die in den Betrieben weiterarbeiten, von Flüchtlingen in den Flüchtlingsheimen und anderen mehr.

 

Das war also ein Verstoß gegen die bewusste Anwendung der dialektischen Methode in meiner Positionierung. Konkret wurde erst später bekannt, dass in den Beschlüssen vom 22. März auch das Abstandsgebot drin war. Es ist berechtigt, dass man den Zwei-Meter-Abstand konsequent einhält, auf Versammlungen verzichtet, die das nicht ermöglichen, und so weiter. Das hat die MLPD von Beginn an sehr ernst genommen. Wir haben selbst eine ganze Reihe Veranstaltungen abgesagt und auch unsere Mitglieder dazu angehalten, diese Maßnahmen ernstzunehmen.

 

Dazu positioniere ich mich aber in dem Video gar nicht. Das unterstreicht den Eindruck, wir würden berechtigte Maßnahmen ablehnen. Ich muss auch noch mehr berücksichtigen, dass immer mehr Leute nur die Videos schauen. Sie kennen den Zusammenhang zu unseren anderen Veröffentlichungen oder gar grundlegenden Positionen nicht. Deshalb muss jedes Statement in sich geschlossen eine dialektische Beurteilung treffen.

 

Natürlich müssen wir das unterscheiden gegenüber Maßnahmen, die augenscheinlich vorgeschoben sind, die in keinem Verhältnis zum Gesundheitsschutz, der wiederum nicht konsequent durchgesetzt wird, stehen. Diese Maßnahmen sollen die Leute an politischen Notstand gewöhnen:

 

  • Wenn man nicht mit mehr als zwei Leuten - auch nicht mit gebührendem Abstand - zusammenkommen darf. In manchen Bundesländern ist es sogar verboten, alleine auf einer Bank zu sitzen. Zugleich müssen in den Betrieben hunderte Leute in einer Halle eng an eng zusammenarbeiten.

 

  • Wenn man nicht mit mehr als zwei Leuten im Auto fahren darf, zugleich sich die Leute nach wie vor in der U-Bahn drängeln, weil der Personennahverkehr zusammengekürzt wurde.

 

  • Wenn drastische Maßnahmen in Bezug auf das Zusammenkommen von Menschen (die das Abstandsgebot einhalten könnten) erlassen werden, aber notwendige gesundheitliche Maßnahmen wie massenhafte Tests, massenhafter Mundschutz und so weiter, aus purem Mangel nicht zur Verfügung stehen - und das aufgrund der maximalprofitbringenden Ausrichtung des kapitalistischen Gesundheitssystems.

 

  • Wenn Arbeiter eng beieinander arbeiten, zugleich nicht den 1. Mai begehen sollen. Oder wenn Flüchtlinge eng beieinander leben müssen,  die - wenn sie gegen die unhaltbaren Zustände unter Wahrung aller Sicherheitsmaßnahmen protestieren - von Anzeigen überzogen werden.
     

Es freut mich, dass es euch durch diese kritische Diskussion, aber auch in Verbindung mit den berechtigten Seiten des Videos und anderer Veröffentlichungen gelungen ist, zur Bewusstseinsbildung beizutragen. Diese selbstkritische Positionierung unterstreicht die Berechtigung eurer Kritiken.

 

Eure Überlegungen zur Modifizierung der Losung „JA zu Gesundheitsvorsorge – NEIN zu undemokratischen politischen Notstandsmaßnahmen!“ werden wir hier diskutieren. Wir haben selbst auch schon beraten, dass unser Forderungskatalog modifiziert werden muss - präziser und für jeden verständlich, was genau gemeint ist. Für uns Marxisten-Leninisten ist der Begriff der Notstandsmaßnahme, wie er in unserer ideologisch-politischen Linie verwendet wird, von vorneherein als „undemokratisch“ belegt. Das ist aber 1. nicht allgemein verankert.  Und 2. bekommen solche Begriffe in einer für uns bisher nicht bekannten gesundheitlichen Notsituation auch eine andere Bedeutung.

 

Wenn noch weitere Fragen aus der Diskussion zu meinem Statement auftreten, könnt ihr euch gerne an mich wenden. Alles Gute für euch alle, besonders auch an die Kollegin, die als Krankenschwester beschäftigt ist und diese Diskussion mit angestoßen hat. Man sieht mal wieder, man kann und muss immer wieder Neues dazu lernen und dafür sind solche vorwärtstreibenden Kritiken sehr hilfreich!

 

Herzliche Grüße

 

Gabi Fechtner