Vor 75 Jahren: 7. Weltkongress der Kommunistischen Internationale

 

Der 7. Weltkongress der KI ist in die Geschichte eingegangen durch seine grundlegende Ausrichtung des Kampfes gegen den Faschismus. Von den 76 der Kommunistischen Internationale angeschlossenen Parteien waren 65 durch Delegierte auf ihm vertreten – insgesamt kamen 371 Delegierte mit beschließender und 139 mit beratender Stimme zusammen. Sie vertraten weltweit etwa vier Millionen Kommunisten. Nur 26 Parteien konnten ihre Vertreter legal entsenden, 50 Parteien waren durch die Konterrevolution in ihren Ländern in die Illegalität gedrückt. In Deutschland befand sich der KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann im dritten Jahr in der Gewalt der Nazis, in Italien war der Generalsekretär der KPI, Antonio Gramsci, seit 1926 vom Mussolini-Regime inhaftiert, beide wurden Opfer der Faschisten.


Die historische Bedeutung des 7. Weltkongresses

Den Bericht des Exekutivkomitees der KI (EKKI) erstattete Wilhelm Pieck, der Nachfolger Ernst Thälmanns in der deutschen Parteiführung. Das Hauptreferat des Kongresses „Die Offensive des Faschismus und die Aufgaben der Kommunistischen Internationale im Kampf für die Einheit der Arbeiterklasse gegen den Faschismus“ hielt der bulgarische Kommunist Georgi Dimitroff. Es war in monatelanger kollektiver Arbeit und unter heftigen Auseinandersetzungen zustande gekommen, der Kongress hatte sogar verschoben werden müssen, um eine Einheit über die einzuschlagende Politik zu gewährleisten.

Als wichtigste Veränderung in der Welt wurde der Sieg der sozialistischen Produktionsverhältnisse in der Sowjetunion herausgestellt, der mit der erfolgreichen Kollektivierung der Landwirtschaft und der Verwirklichung des ersten Fünfjahresplans zum Wirtschaftsaufbau das Antlitz der Welt verändert hatte. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit hatte eine ausgebeutete und unterdrückte Klasse es vermocht, nicht nur die sie ausbeutende Klasse zu stürzen, sondern auch eine eigene Gesellschaftsordnung, den Sozialismus, zu errichten! Die Reaktion des internationalen Kapitals auf diesen historischen Sieg war bezeichnend: „Die Errichtung der Hitlerdiktatur in Deutschland und die damit verbundene allseitige Belebung der faschistischen Kräfte in anderen Ländern war ein Zeichen dafür, daß sich die Kräfte der imperialistischen Bourgeoisie umgruppiert hatten und zum schärfsten Angriff gegen das Proletariat, gegen alle Werktätigen übergingen. Der Faschismus war zu einer Weltgefahr geworden. Die Faschisierungs- und Kriegspolitik der reaktionärsten Kreise des internationalen Finanzkapitals, die in Deutschland zur Hitlerherrschaft geführt hatte, richtete sich in erster Linie gegen die Sowjetunion. Zugleich bedrohten die faschistischen Kräfte die Arbeiterklasse und alle demokratischen Bewegungen in den kapitalistischen Staaten sowie den antiimperialistischen Befreiungskampf der versklavten und abhängigen Völker. Dadurch verschärfte sich nicht nur der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit im Weltmaßstab, sondern wurde auch die Kluft zwischen der kriegslüsternen Clique des Weltimperialismus und den Völkern immer tiefer. Die Gegensätze zwischen den imperialistischen Staaten traten immer deutlicher hervor. Ihr Kampf um die Beherrschung des Weltmarktes und um die Ausdehnung ihres Machtbereichs, ihr Streben nach Neuaufteilung der Welt verstärkten sich und beschworen die Gefahr eines Krieges herauf.“ („Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“, Kapitel X, Berlin 1969, S. 105)


Das unsterbliche Verdienst der Kommunisten

Georgi Dimitroff hatte sich zur Zeit der Machtübertragung an Hitler in Deutschland aufgehalten. Er war von den Nazis verhaftet worden, die ihm vorwarfen, den Berliner Reichstag als Fanal für einen kommunistischen Umsturz in Brand gesetzt zu haben. Auf dem 7. Weltkongress erwarb er sich unsterbliche Verdienste für den antifaschistischen Kampf. So wie er vor dem faschistischen Gericht in Leipzig dem Nazi-Ministerpräsidenten Göring mutig entgegengetreten war, so entwickelte er nun offensiv die politische Linie für den antifaschistischen Kampf der Millionenmassen. Herausragend dabei war seine Definition des Faschismus, die bis heute von kapitalistischer Seite wütend angegriffen wird. Vier Jahre vor dem Kriegsbeginn gesprochen, klingt es geradezu prophetisch, was Dimitroff unter der Überschrift „Der Klassencharakter des Faschismus“ ausführte: „Der Faschismus an der Macht, Genossen, ist … die offene terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals. Die reaktionärste Spielart des Faschismus ist der Faschismus deutschen Schlages. Er hat die Dreistigkeit, sich Nationalsozialismus zu nennen, obwohl er nichts mit Sozialismus gemein hat. Der Hitlerfaschismus – das ist nicht bloß bürgerlicher Nationalismus, das ist bestialischer Chauvinismus. Das ist ein Regierungssystem des politischen Banditentums, ein System der Provokationen und Folterungen gegenüber der Arbeiterklasse und den revolutionären Elementen der Bauernschaft, des Kleinbürgertums und der Intellektuellen. Das ist mittelalterliche Barbarei und Bestialität, zügellose Aggressivität gegenüber den anderen Völkern. Der deutsche Faschismus spielt die Rolle des Stoßtrupps der internationalen Konterrevolution, des Hauptanstifters des imperialistischen Krieges, des Initiators eines Kreuzzuges gegen die Sowjetunion, das große Vaterland der Werktätigen der ganzen Welt.“ („VII. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale“, Georgi Dimitroff, Ausgewählte Schriften, Bd. 2, Berlin 1958, S. 525)

Dimitroff war es auch, der die Fehler und Versäumnisse der Kommunisten im antifaschistischen Kampf aufzeigte, die den Faschisten ermöglicht hatten, breite Massen zu beeinflussen. Dem Jugendpathos der Faschisten, ihrem Männlichkeitskult und ihrem Aktionismus setzten die Kommunisten zu wenig entgegen: „Der Faschismus siegte auch deshalb, weil es ihm gelang, in die Reihen der Jugend einzudringen, während die Sozialdemokratie die Arbeiterjugend vom Klassenkampf ablenkte, das revolutionäre Proletariat aber nicht die notwendige Erziehungsarbeit unter der Jugend entfaltete und dem Kampf für ihre besonderen Interessen und Forderungen nicht die genügende Aufmerksamkeit zuwandte“ – diese Kritik aus dem Referat Dimitroffs hob das theoretische Organ der MLPD 1981 besonders hervor (REVOLUTIONÄRER WEG 20/81, S. 164)

Im Ergebnis des 7. Weltkongresses wurde die Politik der Volksfront entwickelt, die ein Zusammengehen von Sozialdemokraten und Kommunisten gegen den Faschismus verwirklichte. Wichtige Erfolge waren die Wahlsiege in Frankreich und in Spanien. Die Außenpolitik der sozialistischen Sowjetunion hatte zum Ziel, gemeinsam mit den bürgerlich-demokratischen Staaten gegen den Faschismus vorzugehen. Besonders nach dem von Hitler und Mussolini unterstützten Putsch des Generals Franco in Spanien, der zum Bürgerkrieg führte, wurde sie hier aktiv. Der Faschismus konnte sich zunächst trotzdem durchsetzen und den II. Weltkrieg vom Zaun brechen – vor allem aufgrund der zögerlichen Haltung der Westmächte. Aufgrund ihrer Verdienste im antifaschistischen Kampf erreichte die kommunistische Weltbewegung nach dem Krieg jedoch den bisherigen Höhepunkt ihres Einflusses! (dk)


Kasten: Von 1919 bis 1943

... waren die kommunistischen Parteien in der Kommunistischen Internationale (KI) als demokratisch-zentralistisch organisierter Weltpartei mit Sektionen in den einzelnen Ländern zusammengefasst. Diese Organisationsform ging auf die Aufgabenstellung der Durchführung der sozialistischen Weltrevolution zurück, die nach dem I. Weltkrieg und dem Sieg der russischen Oktoberrevolution 1917 erwartet worden war. Im Manifest des I. Kongresses der Kommunistischen Internationale heißt es: „Wenn die Erste Internationale die künftige Entwicklung vorausgesehen und ihre Wege vorgezeichnet, wenn die Zweite Internationale Millionen Proletarier gesammelt und organisiert hat, so ist die Dritte Internationale die Internationale der offenen Massenaktion, die Internationale der revolutionären Verwirklichung, die Internationale der Tat.“ (Manifest, Protokoll I. Kongress der KI, Anhang S. 17) Später, als die weltrevolutionäre Entwicklung nicht eintrat wie erwartet und der Kapitalismus in eine Phase der relativen Stabilisierung überging, wäre es richtig gewesen, die KI aufzulösen, was aber erst 1943 geschah (der REVOLUTIONÄRE WEG 26/95, „Der Kampf um die Denkweise in der Arbeiterbewegung“, kritisiert das auf S. 265). Es wäre in der neu entstandenen Situation darauf angekommen, dass die miteinander verbundenen kommunistischen Parteien eigenständiger den Marxismus-Leninismus auf die konkreten Bedingungen ihrer Länder angewandt und weiterentwickelt hätten – so unterliefen den Sektionen der KI zum Teil grobe politische Fehler und es gab eine schematische Übertragung von Erfahrungen der Sowjetunion. Im Kampf gegen den aufkommenden Faschismus und die Gefahr eines zweiten Weltkriegs führte das zu einem Zeitverlust bei der Entwicklung der antifaschistischen Strategie und Taktik. Ein schwerwiegender Irrtum war die Aufstellung der „Sozialfaschismustheorie“ durch das Exekutivkomitee der KI: Aufgrund der Regierungsbeteiligung der Sozialdemokratie wurde davon ausgegangen, sie werde auch die faschistische Unterdrückung der Massen organisieren. In Deutschland erleichterte diese Einschätzung es der SPD-Führung, die Aktionseinheit gegen Hitler zu sabotieren.

Der 7. Weltkongress der KI, der vom 25. Juli bis zum 20. August 1935 in Moskau tagte, musste diese sektiererische Politik überwinden und die kommunistische Weltbewegung für den Kampf gegen Faschismus und Krieg neu ausrichten.