„Egal, wer die Präsidentschaftswahlen gewinnt …“

Wie Siemens von den Veränderungen in der Energiebasis der USA profitiert

In den USA arbeiten 60.000 Beschäftigte in mehr als 100 Produktionsstätten sowie in Forschungs- und Entwicklungslabors für den Siemens-Konzern. In den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2011/2012, das heißt bis Juni 2012, stieg der US-Umsatz von Siemens um 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr, während der Auftragseingang um zwei Prozent zurückging.
Der für das US-Geschäft zuständige Siemens-Vorstand Peter Solmssen erklärt: „Die Entwicklung beim Auftragseingang wird sich auch wieder ändern. Egal, wer die Präsidentschaftswahl gewinnt, für uns wird es keine große Veränderung geben. Beide Parteien haben die Re-Industrialisierung des Landes in ihren Programmen stehen.“ („Der Tagesspiegel“, Berlin, 21. 10. 2012).
Hinter dem harmlosen Begriff „Re-Industrialisierung“ versteckt sich der Versuch des US-Imperialismus, den vor Jahren an Deutschland und China verlorenen Spitzenplatz im Export zurückzuerobern. Dabei spielen Veränderungen in der Energiebasis der USA eine wichtige Rolle.
Nach Angaben der US-Energiebehörde EIA ist ab 2011 erstmals seit Jahrzehnten nicht mehr Kohle die hauptsächliche Stromquelle der USA, sondern Erdgas (U.S. Energy Information Administration, Monthly Review October 2012). Und zwar einheimisches Erdgas, das sogenannte „Natural Gas“ oder „Schiefergas“. Der Erdgas-Boom in den USA ist so stark, dass die Medien schon von einer „Erdgas-Revolution“ sprechen. Grundlage dafür war einerseits die drastische Einschränkung der US-Umweltschutz-Gesetzgebung insbesondere bezüglich des Grundwassers („Clean Energy Act“), andererseits neue Bohr- und Förder-Technologien („Gas-Fracking“). Damit konnten nun große Erdgas-Lagerstätten in Schiefergesteinsschichten ausgebeutet werden, die, obwohl schon lange bekannt, bisher unerreichbar waren. Infolge dessen sank der Erdgaspreis dramatisch: Er lag 2012 um 80 Prozent niedriger als noch 2008. („zeitonline“, 13. 2. 2012, „Die USA erleben einen Gas-Boom“). Das bedeutet, dass moderne Gaskraftwerke nun Strom zu einem Preis von 4 US-Cent produzieren können und damit billiger als jedes Kohlekraftwerk, aber auch billiger als Windkraft- und Solaranlagen. Fieberhaft wird zurzeit an Gasverflüssigungs-Fabriken gebaut, um das geförderte Erdgas auch exportieren zu können. Die USA sind auf dem Weg, von einem Energie-Importeur zu einem Energie-Exporteur zu werden.
Es liegt in der Logik der kapitalistischen Profitwirtschaft, dass das Kapital der Energiebranche nun massiv in die Gaswirtschaft einströmt, zugleich alle großen Projekte erneuerbarer Energie in den USA auslaufen, ebenso deren bisherige Steuervergünstigung.