Rote Fahne 01/2015

Eine Reise ins Herz der Oktoberrevolution

Petersburg – Petrograd – Leningrad – Venedig des Nordens – Heldenstadt. So viele Namen diese Stadt hat, so einzigartig ist sie.

Eine Reise ins Herz der Oktoberrevolution
Finland Station, Petersburg: nicht nur vor dem Smolny, Lenin ist allgegenwärtig

Der historische Kern der Fünf-Millionen-Metropole ist Weltkulturerbe. Ein Palast nach dem anderen, Kirchen, Zwiebeltürme, Kathedralen, goldene Kuppeln und Türmchen, wunderschöne Parkanlagen, Plätze und Springbrunnen. Sankt Petersburg wurde 1703 gegründet. Zar Peter der Große hatte die visionäre strategische Idee, diese Stadt in einem Flussdelta ohne Weg und Steg aus dem Boden zu stampfen. Dafür holte er die besten Baumeister, Ingenieure und Städteplaner Europas, verheizte aber auch Abertausende seiner Untertanen. Überhaupt hatten die Zaren – neben Kriegen zu führen – viel damit zu tun, sich gegenseitig mit noch prächtigeren Bauten und der Sammlung aller Arten von Kunstschätzen zu übertrumpfen.

 

Im Kerker der Peter-Paul-Festung schmorten viele Freiheitskämpfer – so auch Alexander Uljanow (Bruder des Führers der Oktoberrevolution von 1917 und der ersten Jahre des sozialistischen Aufbaus, Lenin) und der Schriftsteller Maxim Gorki. Beklommen betreten wir die Einzelzellen und die winzige dunkle Isolationszelle. Eine Tafel im Innenhof des Kerkers lautet sinngemäß: „Diese Menschen haben für die Freiheit gekämpft, ihr Opfer war nicht umsonst, der Sieg der Freiheit beruht auf ihnen.“

 

Sankt Petersburg – historisch und modern zugleich. Die Stadt wächst schnell und um den Stadtkern herum entstehen neue Hochhäuser und Autobahnen. Die Stadt ist auffällig sauber, nirgends liegt Müll herum. Die Armut ist weniger offensichtlich, dabei verteuerten sich allein durch die Abwertung des Rubel die Lebenshaltungskosten für die Menschen. Die Löhne sind niedrig und manche überleben nur, weil sie auf ihrer Datscha (russisch: Holzhaus, Wochenendhaus – die Red.) für den Eigenbedarf Gemüse anbauen. Dass es in Russland wieder soweit kommen konnte, ist eine Folge der Restauration des Kapitalismus in der ehemals sozialistischen Sowjetunion.

 

Zwischen Geschichte und Gegenwart taucht immer wieder Lenin auf. Für uns ungewohnt und erhebend, ihm überall zu begegnen – selbst in den Metrostationen, die an sich schon eigene Kunstwerke sind. Der Respekt vor Lenin ist spürbar – im Stadtbild und bei den Menschen.

 

Mit Gänsehaut betritt mancher von uns die Originalstätten der historischen großen Oktoberrevolution und die Wirkungsstätten von Lenin und seinen Genossen. Der Winterpalast war Schauplatz des bewaffneten Aufstands. Wir sind in dem Saal, in welchem die bürgerliche provisorische Kerenski-Regierung verhaftet wurde. Wir besuchen den Smolny – heute Rathaus der Stadt, damals die Kommandozentrale der Bolschewiki, der Partei Lenins und nach der Revolution Regierungssitz des ersten sozialistischen Landes der Welt. Wir werden durch Lenins Büro und seine Wohnung im Smolny geführt.


Hier arbeitete und lebte er mit seiner Frau Nadeshda Krupskaja. Die Einrichtung ist schlicht und einfach gehalten. Im Verlauf unserer Reise besuchen wir weitere Wirkungsstätten. Natürlich die berühmte Lokomotive 293, auf welcher Lenin im Herbst 1917 von Finnland nach Russland geschmuggelt wurde, und welche das Lied „Jalava“ besingt.

In Pskov – einer Stadt 300 Kilometer südlich von Petersburg – begegnen wir Lenin erneut. Hier lebte und arbeitete er um 1900. Seine damalige Wohnung ist heute ein Lenin-Museum – liebevoll gestaltet und betreut. Am Schluss heißt es: „Hier ist es Tradition, die Internationale zu singen.“ Das tun wir dann auch – auf russisch und auf deutsch. Natürlich beinhaltete unsere Reise noch viel mehr als die Spuren Lenins und der Oktoberrevolution zu verfolgen. Wir fuhren über einen Damm durch die Ostsee nach Kronstadt, eine Insel im finnischen Meerbusen, badeten in der Ostsee und im Ladogasee. Einen ganzen Tag widmeten wir der Blockade Leningrads durch die Hitlerfaschisten im II. Weltkrieg und dem tapferen Kampf der Leningrader zur Durchbrechung dieser Blockade. Wir bekamen auch eine Führung durch das 1926 gegründete Wawilow-Institut, welches Samen von mehr als 330.000 Arten von Nutz- und Wildpflanzen beherbergt und wir hatten Gelegenheit, die Lebens- und Wohnverhältnisse der typischen Leningrader kennen zu lernen. So besuchten wir einen Abend eine Familie, trafen uns mit einer Vertreterin der „Soldatenmütter“, mit Revolutionären und anderen Aktivisten.


Unsere Reiseleiter und Dolmetscher haben alles hervorragend organisiert und waren sehr engagiert. Am letzten Tag feierten wir im Hotel Abschied – ein russisch-deutscher Freundschaftsabend mit leckerem russischen Essen, Wodka, russischen und deutschen Liedern und Gedichten. Diese wunderbare Reise ist es wert, daran teilzunehmen.

 

Albstadt, Korrespondenz